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265,1
Koburg d. 8 Jenn. 1804 .

Gute liebe Herder! Was darf ich Ihnen sagen, da Sie ohnehin so
viel an fremden Schmerzen leiden und gleich der Witwe eines
Fürsten — und Er war einer — um und mit einem Lande zugleich 265,5
trauern müssen? Ich möchte lieber zu Ihnen gehen und eine halbe
Stunde trostlos sein und dan stum wieder fortgehen. Seit dem Tode
meiner Mutter war dies mein herbster Schmerz und ich zermalmte
mich immer von neuem und Ihr Brief thats auch wieder; und wär’ ich
in Weimar, so müst’ ich Ihn sehen, und stürb’ ich. Es ist freilich nur die 265,10
Trauer um sich selber; denn dieser reine Geist verdiente die reinere
Welt o und er war so götlich und so gut, daß ich mir ihn — wenige
fast nur körperliche Schwächen abgerechnet — fast unverändert,
ja recht an seinem Orte in jener heiligen fernen Welt, unter jener
hohen Geister-Geselschaft denken kan, welche ist, wenn Gott ist. Sie,265,15
gute Herder, haben den ewigen Trost und Stolz, daß Sie nichts ge
liebt und gesucht als seine Freude und daß Er diese ewige Aufopferung
mit niemand theilte als mit seinen Kindern. Jede Thräne, die Sie
früher um ja durch Ihn vergossen, erspar’ Ihnen jezt eine. Sie können
sagen (und ich wil es betheuern): „ich dachte immer nur an Ihn.“265,20
Dieser einzige Gedanke lindert die Quaal und wenn sein verklärtes
Angesicht sich jezt auf die Erde richten kan oder könte: so würde
nichts darin stehen als der Gedanke: Sie hat mich geliebt und beglükt
und der Ewige geb Ihr noch auf der Erde und durch die Kinder die
Freude und den Lohn.265,25

Und darum dürfen Sie stolz sein, die Geliebte und die Schwester
und Mutter und Pflegerin einer grossen Seele gewesen zu sein; Sie
können Ihr Geschlecht stolz ansehen.

Für mich ist Weimar auch begraben und nur durch den Herderschen
Namen hat es noch Leben. Ja wäre, wenn ich einst käme, niemand265,30
mehr da als Rinaldo: so sag’ ich Ihnen, dies Kind wäre mir mehr
als das ganze noch schreibende Autor-Kleeblat. Einmal komm’ ich
noch hin, um alles zu sehen, was den grossen Namen des Grossen
führt; dan hab’ ich nichts mehr da zu suchen.

An demselben Tage, wo ich Nachmittags von Prinz Louis 265,35
Seinen Tod erfuhr, hatt’ ich Vormittags an Emanuel meine
Ahnung geschrieben, daß Er von dannen gehen würde. Ich habe meine
Zeichen des Unglüks. Am Sonabend starb mein geliebter Herzog und 266,1
am Sontag Er.

Freilich starb Er an Weimar. Jezt darf ichs Ihnen sagen, daß ich,
als ich in Berlin war, bei Meierotto’s Tod dem Präsidenten Scheele
die Möglichkeit — denn diese allein glaubte ausser Weimar niemand;266,5
sonst hätte man Ihn längst davongerufen — bewies, daß Er W.
gegen schönere Verhältnisse verlassen würde. Es wurde vorgetragen
— gewünscht — sogar als Vokazion schon ins politische Journal
gesezt — aber 1 Punkt hinderte: daß Meierotto’s Nachfolger ein
Reformierter sein muste. So unternahm ich etwas ähnliches bei 266,10
Jakobi wegen seiner Verbindung mit dem herlichen Bernstorf für
Kiel; aber — Geld fehlte der Universität.

Übrigens bin ich gewis, daß nicht Eine Krankheits Ursache, Ein
Zufal Ihn entnahm und alles entschied, sondern daß eine so gekränkte,
so zerbrochne Natur auch bei ein Paar Zufällen weniger, wenigstens266,15
in einigen Monaten später doch dahin gesunken wäre. Sein Lebens
Krebs war sein politischer und litterarischer Mismuth; an diesem
vergienge meine Natur in Monaten, nicht in Jahren. Das Schlimste
war noch seine eigne physische Mischung einer nordischen und südlichen
Natur, welche Reize und Stillung zugleich begehrte. — Aber können266,20
Sie es, ohne zu grosses Leid, so malen Sie mir seine lezten Tage und
Stunden, zumal die lezte. Ich freue mich auf den Schmerz der lezten
Adrastea; die abgebrochne Zeile wird das Echo seines Schwanen-
flugs.

Wahrscheinlich hatt’ Er an Seinen gesammelten Werken noch 266,25
nichts gearbeitet. Sogar in diesem Falle — da sie doch sonst gedrukt
werden und man seine frühern so schäzt und braucht und so schwer
findet — behalten Sie sich Seine und Ihre Rechte vor und lassen
Sie erklären, (z. B. durch mich namentlich) daß wenn einmal nur
ein blosser zweiter Abdruk möglich sei, er Ihnen gebüre und daß das266,30
Publikum es seinem Geliebten schuldig ist, die Rüksichten der Witwe
zu ehren.
d. 10. Jenn.

Ich schliesse, um den Brief nur wegzubringen. — Ich werde über
die grosse Seele etwas schreiben; ich mus es, um mich zu trösten. —266,35
Meine Frau grüsset Sie beide innigst; ihr war wie mir. Gott tröste Sie
und Ihre Luise, deren ungeheuern Schmerz ich recht leicht errathe;
denn durch Sie beide gieng ja der Bliz zunächst. — Leben Sie beide so267,1
wohl als Sie beide es durch die Religion können und sollen, welche das
gebeugte Haupt, das weinet, doch aufrichtet nach der höhern Gegend.

Ihr
Richter
267,5

H: Berlin Herder (derzeit BJK). 7 S. 8°. K (nach Nr. 435): die Herd. Jenn. 8. i 1: Wahrheit 6,277×. i 2: Denkw. 3,108×. B: IV. Abt., IV, Nr. 317. A: IV. Abt., IV, Nr. 321. 265 , 20 immer] nachtr. H 21 Quaal] aus Qual H sein verklärtes Angesicht] aus seine verklärte Gestalt H 26 die2] davor gestr. zulezt H 27 Sie bis 28 an sehen.] nachtr. H K 28 können] dürfen K 30 Ja] nachtr. H Wäre H 266 , 8 ins politische Journal] aus in den Hamb. H 12 der Universität] nachtr. H 13 Krankheits] nachtr. H 19 physische] nachtr. H 20 welche] aus die H 23 wird] aus ist H 26 Sogar] nachtr. H In H 31 der Witwe] nachtr. H 267 , 3 gebeugte] nachtr. H, weinende K das weinet] fehlt K
265 , 12–15 Vgl. I. Abt., XI, 432,23f. 32 Autor-Kleeblatt: Goethe, Schiller, Wieland. 35 Prinz Louis: s. Nr. 458†. 266,4 Johann Heinrich Ludwig Meierotto, Direktor des Joachimsthalschen Gymnasiums, Kirchenrat usw. in Berlin, war am 24. Sept. 1800 gestorben, also kurz vor Jean Pauls Übersiedlung von Weimar nach Berlin. Scheele: wohl versehentlich für Scheve, s. Nr. 3†. 266,8 Politisches Journal, 1800, 2. Bd., 12. St. (Dezember), S. 1251. 11 Christian Günther Graf von Bernstorff (1769—1835), der dänische Minister des Auswärtigen; nach Bd. III, 357,12† handelte es sich aber um den Grafen Reventlow. 23 abgebrochne Zeile: s. Adrastea, 10. St., S. 366f.

Textgrundlage:

439. An Karoline Herder. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 265-267 (Brieftext); 414-415 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Herder. Coburg, 8. Januar 1804 bis 10. Januar 1804. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_439 >


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