Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Emanuel. Coburg, 13. März 1804 bis 16. März 1804.

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Koburg d. 13. März 1804.

Schon wieder red’ ich drei Worte mit Ihnen. Ich habe jezt eine Liebhaberei für Briefe an Sie. An jemand anders schreib’ ich jezt fast kaum mehr. — Zuerst über das Duel! Es ist keines möglich, seitdem W[angenheim] in der Konferenz öffentlich den Verkauf von E[rkersreuth] einen „Betrug“ genant. Wer einen solchen Vorwurf noch auf sich trägt: ist nicht stifts- und degenfähig und ebenbürtig zu Stich und Schus. Man mus nach Duel-Gesezen, noch einige Ehre im Leibe haben, um durch leztern geschossen zu werden. Jezt sizt der Sieges-Adler wieder W. auf der Schulter; der G. R. Lange findet schon ein deficit von 70,000 und sein Prinz trit ihm folglich beiNeuerdings wieder nicht mehr so wahr. ; auch konferiert jezt W. mit L. — Vorgestern sah ich den M[inister] sehr traurig am Hofe. Er rührte mich wider Willen und ich kan es überhaupt zu keinem rechten Hasse gegen ihn bringen. Ich weis recht gut warum: 1) mich hat er persönlich nie gedrükt sondern beglükt — 2) ich habe immer mehr Verstand als Gefühl und Religiosität bei ihm gesucht; und wurde folglich nicht erst entzaubert — 3) Kraft ist immer edel; seine ewige Thätigkeit des Lernens und Thuns; sein Hinübergreifen in alle fernsten Fächer, seine persönliche kalte SelbstWehr (ungeachtet seines Zornfeuers bei kleinen Verhältnissen) und seine augenblikliche Mobil-Machung des ganzen Ideen-Lagers, die ich noch bei keinem Menschen so gefunden; aber was am meisten ist

d. 16.

— ja das weis ich jezt nicht mehr, wenn es nicht die Achtung ist, die man für jede grosse Geistes Kraft (daher man Eroberern so viel ver giebt z. B. Friedrich II) und besonders für die empfindet, welche mit glühendem Stempel ihre Bilder der Aussen-Welt aufprägt. — Vorgestern bekam ich Ihre Briefgen. Ich dankte Gott, daß Thieriot nicht auf der Donau ersoffen war. Er sei mit alter und ältester Liebe ge grüsset; ich versprech’ ihm, nächstens einen Brief zu versprechen. — Meine ästhetischen Untersuchungen sind schon 25 Drukbogen stark. — Den Brief der Helmina v. Klenke oder Hastfehr und d[en] Herder schen erbitte samt sehr alten Ladenhütern baldigst zurük, z. B. Meu sels Rechnung besonders. — Die Grosfürstin zieht wirklich nach Fantaisie ein wenig. Auch hätt’ ich vorher durch Sie den Kastellan befragen müssen, ob es das Getäfel leidet, wenn Emma darauf pisset, oder obs so viel ist, als wenn der Vater auf der Strasse die Polizei anlokt. — Was macht jezt mein Balbier-Bruder in Bayreuth für Sensazion? Ich hoffe auf dem Kin die kleinste. Ich bin ein ordentlicher Kindernar geworden und finde die Rolle einer Kindermagd blos lieb lich. Aber wie in Ehen über Erziehen gezankt wird, davon haben Sie keinen Begrif, sondern ich. Max sticht in feiner Haut, Grazien- und philanthropischem Lächeln und Gesichts-Adel die Emma aus, auch in Ruhe und Kraft — kurz es ist ein Man, nämlich ein Mängen. — Den Verf. der Beilage 17 kenn ich nicht. — Nächstens send’ ich Ihnen meine Aequinokzial-Beobachtungen auf das Semester. So weit ich heute bin, geht das Wetter an; nämlich vom 28 März bis 18 April wirds ganz hel, blau, schön, Nächte kalt, 19—22 gestreift, Nächte wärmer, es neigt sich zum folgenden Wetter — dan vom 23 bis Ende und bis 12 Mai regnerisch. Den 13ten könt’ ich erst heute nach 8 Uhr weissagen. Ich kan Ihnen nicht beschreiben, wie mich die Bestimtheit erfreuet, womit ich jezt von Monat in Monat hinaussehe, und wärs auch nur, um mich darnach zu richten.

Noch steht das hiesige politische Gewitter fest und stil, ohne Wetterscheide und Ableiter.

Leben Sie wohl und sorgen Sie ein wenig mehr für Ihre Freude, an die Sie oft gar nicht denken vor fremder.


R.

Der Erbprinz sol eine Art 2ter Minister werden und der 1 bleiben; der jezt dem Stadtrathe unendlich viel nachgiebt, cunctando devicturus.

d. 18.

C. grüßet Sie und will bei Muße selber schreiben. Apropos heute nahm ich die alte Orthographie wieder an.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Emanuel. Coburg, 13. März 1804 bis 16. März 1804. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_452


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960. Briefnr.: 459. Seite(n): 282-284 (Brieftext) und 419 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: SBa. 4 S. 8°. Vermerk Emanuels: Am 25ten beantw. (nicht erhalten) K (nach Nr. 450): Eman. 13 März. J: Denkw. 1,154×. B: IV. Abt., IV, Nr. 331. 282,17 muß K noch] aus schon H 21 mit] davor gestr. häufig H 27 ewige] nachtr. H 28 kalte] nachtr. H 31 so] nachtr. H 34 daher] aus da H viel] leicht K 283,2 Aussen] nachtr. H 7f. und den Herderschen] nachtr. H 8 sehr] nachtr. H baldigst] nachtr. H 13 Bruder]Adam K 22 heute] aus jezt H 23 wirds] aus ists H 22] aus 24 H 24 es bis Wetter] nachtr. H 23] aus 25 H 25 Denn H könt’] aus kan H 29 steht] aus ist H

282,26 f. Kraft ist immer edel: vgl. I. Abt., XI, 202,16f. (Vorschuleder Ästhetik, § 58). 283,3–5 Emanuel hatte einen Brief Thieriots, der von Regensburg zu Schiff nach Wien gereist war, gesandt, worin esheißt: „Wie ich Richtern liebe? So daß ich ihn da fast hasse, wo ich ihn nicht lieben kann. Heftig den Heftigen, ein wenig mitwechselnd denWechselnden, überall bauend auf einen den Sukzessionen substruirtenGrund der Gleichheit und Allseitigkeit, Allblick könnt’ ich auch sagen, undam Ende auf eine närrische Aehnlichkeit mit mir selber, die ich an mirniedriger schätze. (Ich glaubte ich schreibe an ihn.) — Dann ist er an mirmehr mit meinem Contra einverstanden und vielleicht etwas prävenirt,so wie Du für das Pro.“ 7 Brief der Helmina: an J. P. IV. Abt., IV, Nr. 316. 12f. Vgl. 269,7ff. 34 Erbprinz: Ernst (1784—1806—1844).