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Berlin. d. 1. März 1801.
49,8
Ich wil gar nicht um Vergebung bitten sondern um Bestrafung,
da ich mein Schweigen doch nur vor mir entschuldigen kan. — Meine49,10
Novitäten sind wahrscheinlich schon für Sie Antiquitäten; z. B. die
wenn ich Ihnen erzählen wolte, daß ein H. v. Held als Verfasser
„der beiden Jakobiner“ eingezogen worden, daß seine Defension nur
eine stärkere Wiederholung des Buchs war und daß die 2 Beklagten
auch hier, aber im andern Sinne, den lezten Saz haben. — Buri be- 49,15
komt immer mehr fürstliche Gesichter unter seinen Pinsel; vielleicht
auch, wie mir die russische Gesandtin versprochen, das theuere der
Grosfürstin. — Ich sehe Delbrük, den Prinzenmentor oft; der recht
viel von dem mythologischen im Thelemach [!] hat, und zur Weisheit
noch die Güte. — Ich und Fichte disputieren häufig, aber mit gegen- 49,20
seitiger Liebe und er besucht mich. — Göthe’s neues Stük gefiel nicht
einmal seinen Freunden. — Merkel läuft mit seiner kritischen Sohl-
wage noch alle Wochen durch die Gassen, und Bosheit suppliert ihm
Gründe wie sonst Jahre; man mus doch einmal dieses leere Män
leingen selber auf einige Minuten in die Fischwage werfen.49,25

Im Mai komm’ ich auf 10 Tage nach Weimar, um vielleicht nach
Meiningen zu ziehen. —

Apropos! Thieriot, der jezt hier ist, sagte mir, daß man ihn für
den Architekten des „Thurms zu Babel“ halte. Ich bitte Sie, diese
schon voraus von seinem Wiz und seinen moralischen Gesinnungen49,30
vernichtete Verläumdung auch mündlich mit vernichten zu helfen. —

Leben Sie wohl. Ich freue mich auf Ihr Wiedersehen. Grüssen
[Sie] Ihre Frau, Herder und die Herzogin. —

Ihr
Richter
49,35

H: Dresden. 3 S. 8°; auf der 4. S. Adr.: H. Oberkonsistorialrath Böttiger. K: Böttig. 1. März. J 1: Funck S. 169. J 2: Denkw. 3,76. B: IV. Abt., IV, Nr. 28. A: IV. Abt., IV, Nr. 101. 49 , 11 die] nachtr. H 14 daß] danach gestr. nicht H 23 durch die Gassen] aus aus H 24 Gründe] nachtr. H leere] nachtr. H 25 selber] nachtr. H in] aus auf H 30 schon voraus] nachtr. H
49 , 12–15 Hans Heinr. Ludw. v. Held (1764—1842), ein ehemaliger Angehöriger des Zerbonischen Geheimbundes (s. Bd. II, zu Nr. 701), hatte in dem Buch „Die wahren Jacobiner im preußischen Staate, oder Darstellung der bösen Ränke zweier preußischer Staatsminister“, (Berlin) 1801, den Grafen Hoym und den Großkanzler v. Goldbeck maßlos an gegriffen. 17 russische Gesandtin: Krüdener. 18 Großfürstin: Helene Paulowna, zweite Tochter des Zaren Paul, Gemahlin des Erb prinzen Friedr. Ludw. von Mecklenburg-Schwerin (1784—1803), die zum Karneval in Berlin weilte. Friedrich Delbrück (1768—1830); s. Bd. I, zu Nr. 394, und Persönl. Nr. 125. 21 Goethes neues Stück: „Palaeophron und Neoterpe“, das in dem Seckendorffschen Neujahrs taschenbuch vor Jean Pauls Leichenrede auf den Fürstenmagen erschienen war; Böttiger hatte über die Aufführung in Weimar berichtet. 29Der Thurm zu Babel oder die Nacht vor dem neuen Jahrhundert, Lustspiel, das Goethe krönen wird“, Deutschland 1800; als Verfasser wird Kotzebue genannt, wahrscheinlich mit Unrecht.

Textgrundlage:

90. An Böttiger. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 49 (Brieftext); 336 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Carl August Böttiger. Berlin, 1. März 1801. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_90 >


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