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Geliebte Mama!
Ich wünsche mir keinen solchen Brief mehr von Ihnen, wie der lezte
war; mit Furcht erbrech’ ich ieden, und immer komt eine unangenehme 12,30
Post mit der andern. Der lezte Brief ist fast ganz vol. Dies Mensch,
deren Namen man verfluchen solte, tut Ihnen ia einen Tort nach dem 13,1
andern an. Das ist gar zu arg, was Sie mir geschrieben haben; ich
wundre mich, wenn Sie nicht krank darüber geworden sind. Aber wenn
sie dieses noch einmal tut, so halt ich es für das beste, wenn Sie tüchtige
Zeugen, die es gehört haben, aufrufen und die Kanaille verklagen.13,5
Solche Grobheiten können Sie unmöglich leiden. Das ist gar das
Fatalste, daß Ihnen der Aktuar das Qua[r]tier aufgesagt hat. Ich weis
nicht, ob es gut ist, wenn Sie nach Hof ziehen. Den Hauszins ersparen
Sie — das ist auch das einzige. Aber hernach wird Ihnen der Aktuar
nicht mehr dienen; und er kan es nach den Gesezzen nicht. Und in Hof 13,10
finden Sie gewis keinen solchen guten Advokaten. Ferner, bedenken
Sie die Drangsalen, die Ihnen dieses grobe Mensch antun würde, die
Schimpfworte, welche Sie täglich von ihr hören müsten; und dann das
Riedelspak, welche Plagen würden Sie nicht von denen auszustehen
haben! — Doch Sie können es überlegen. Schreiben Sie mir, wenn 13,15
Sie ausziehen müssen. — Meine Weste hab’ ich noch nicht machen
lassen. Aber Sie brauchen mir keine Leinwand zu schikken; ich werde sie
mir noch lange nicht machen lassen, weil sie sich zu meinem Bieber nicht
schikt. Dafür schikken Sie mir lieber feine Oberhemde, keine Unter
hemde brauch’ ich nicht; aber iene müssen à la Hamlet gemacht sein. 13,20
Bei Ihnen wird dies niemand verstehen; das heist nämlich, forn bei der
Brust müssen sie offen sein, daß man den blossen Hals und die Brust
sehen kan; das ist hier Mode. — Da haben Sie wol getan, daß Sie
meinen Brief an Stadsyndikus, dem Aktuar nicht gewiesen haben. —
Wegen meinen Brüdern wil ich im nächsten Briefe schreiben; das 13,25
können Sie ihnen voraussagen, daß ich iedem in iedem Monat Geld
schikken würde — wenn ich es nämlich hab, und wenn sie fleissig sind. —
In drei Wochen schreib’ ich nicht; vielleicht schreib’ ich darnach was
Gutes und Angenehmes; auch schreib’ ich in 3 Wochen weder an Rektor
noch Pfarrer noch Aktuar; ich habe meine Ursachen dazu. Beiläufig 13,30
schreiben Sie mir, was die Aktuariusin oder ihre Christiana so von
neuer Ware nötig hat; ich möcht’ ihr gern zur Messe ein Geschenk
machen, wenn ich nämlich — Geld hab. Ich bin

Ihr bester Sohn
Leipzig den 27 August 1781.
J. P. F. Richter



Und a propos schreiben Sie mir was Sie von neuer Ware nötig 14,1
haben; dan kauf’ ich Ihnen was rechts Neumodisches, wenn ich näm
lich — Geld hab.
[Adr.] A Madame Madame Richter, Doüairiere à Schwarzenbac
sur la Saale.
Abzugeben in Hof, bei Kuhn’s Witwe, in der Kloster- 14,5
gasse.

H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 1 S. 2°; Nachschrift und Adresse auf der Rücks. Vgl. Wahrheit 3,195; Schneider S. 232f. 13 , 11 Advokaten] danach gestr. nicht 26 in iedem] aus das 28 darnach] aus dan
Über Jean Pauls Mutter vgl. die Stammtafel am Schluß des Bandes. Jean Pauls Briefe an sie sind mit wenigen Ausnahmen (Nr. 27) 1885 durch Schenkung aus dem Nachlaß ins Goethe- u. Schiller-Archiv gelangt; von ihr haben sich nur wenige Zeilen erhalten. Sie war nach dem Tode ihres Mannes (1779) in wachsende Bedrängnis geraten. Ihr kürzlich (1780) ver storbener Vater hatte ihr (als Nacherbin seiner Frau) sein Haus in der Klostergasse in Hof vermacht; das Testament wurde aber von dem Advokaten Riedel, dem Mann ihrer jüngeren Schwester, angefochten. 12,31 Dies Mensch: wohl die 51,30 und 113,5 genannte „Riesin“. 13,20 à la Hamlet: vgl. I. Abt., V, 346,7. 24 Stadtsyndikus: Ruß, s. Nr. 4†. 28–30 Diese geheimnisvolle Hindeutung wird durch den folgenden Brief er klärt.

Erwähnungen im Kommentar:

Orte

Textgrundlage:

10. An Frau Richter in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 12-14 (Brieftext); 420-421 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Sophie Rosine Richter. Leipzig, 27. August 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_10 >


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