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Hochehrwürdiger und Hochgelehrter Herr,
Hochzuverehrender Herr Pfarrer,

Und hier würde noch iederman hinzusezen: verdamter Herr Ver
fasser der Raffinerien, der von den Synoden in der That mit gar zu 168,5
wenig Schonung redet. — Denn in Hof weis ieder, daß Sie raffiniret
haben und ich denke keiner, der hier dum ist, wird es billigen können,
daß ein Priester, der blos glauben solte, zu raffiniren wagt. Wie aber
ein Regent seine Münze mit Kupfer versezt, um ihr die Härte zu geben,
die sie zum Umlauf tüchtig macht: so versezt man alzeit die Wahr168,10
heit mit einigen Lügen, um sie zum Kurs besser zuzubereiten; man sagt
hier nämlich, daß Sie, der H. Pfarrer in Schwarzenbach und ich —
eine Art von heterodoxer Dreieinigkeit — die Raffinerien gezimmert
haben; indessen gelten Sie doch für den Hauptvater und einige wissen
von dieser Tripelalliance nichts. H. Maier, der Buchhändler, macht 168,15
iedem Käufer Ihres Buches weis, daß es in Ungarn gedrukt worden;
z. B. dem H. Superintend. lies er diese Lüge sagen, da selbiger es
neulich kaufte. — Ich habe von demselben bis iezt nichts lesen können,
als die kleinen Aufsäze, die mir (wie z. B. der über die Ehescheidung)
in Rüksicht des Gehaltes und des Tones vortreflich vorkommen: denn 168,20
ich gebe es überal zum Lesen herum; Örthel bekam es zuerst und iezt hat
es H. Trogenprediger Müller.

Mich dünkt, Sie würden die Pfar Selb wol bekommen haben; allein
Sie hatten — und daran sind Sie schuld — sie verdienet. Selten wird
man einem Manne eine Beföderung abschlagen, von dem man gewis 168,25
weis, daß er ihrer nicht werth ist; zum Unglük war aber dies eben der
Fal bei Ihnen nicht. Man steigt glaub’ ich zur Ehre und zum Reich
thum hinauf entweder auf Galgenleitern, oder auf geheimen
Treppen,
oder auf Sturmleitern (mit Gewalt) aber selten auf
dem Gradus ad Parnassum. Sie hatten wahrscheinlich nur diese 168,30
leztere Leiter anzulehnen und deswegen stehen Sie noch unten.

Ich hätte beinahe vergessen, Ihnen für das Geschenk Ihres Buches
schriftlich zu danken; aber ich werde nicht vergessen, Ihnen dafür
thätiger zu danken, wenn ich Ihnen (aber nicht bald) selbst ein Buch
von mir übersende. 168,35

Ich schikke Ihnen von den vielen Büchern, die ich von Ihnen habe,
nur einige; und wage Sie doch noch um folgende sehr zu bitten:

Plato’s Republik, die ich, da ich sie nicht bewohnen kan, wenigstens 169,1
unaufhörlich anschauen wil.
A. Deutsche Bibliothek 59. oder 60. oder 61. Band.
Demosthenes Reden.
Brittisches theologisches Magazin. 169,5
Recht der Natur von Puffendorf oder auch Breitingers kritische
Dichtkunst.

Endlich glauben Sie nicht, raffinirender Freund, daß es Wilkühr ist,
wenn ich mir das Vergnügen, Sie zu besuchen, versage: sondern Noth
wendigkeit ists. Ich bin in Erwartung einer langen Antwort169,10

Hof den x y z [15.?] Jul. 1785.
Ew. Hochehrw. gehors. Diener und Freund J. P. F. Richter



H: Brit. Museum. 3 S. 4°. K: Pfarrer in Rehau Jul. xz [!]. J 1: Wahr heit 3,338 (31. Juli) u. 4,8 (13. Juli)×. J 2: Nachlaß 3,253 (13. Juli). B: IV. Abt., I, Nr. 42. A: IV. Abt., I, Nr. 43. 168,5f. mit gar zu wenig] ohne K 7 denke] glaube K 11 Kurs] aus Kours K sagt] lügt K 12 und ich] nachtr. H 23 Selbst K 31 leztere] aus lezte H
Datiert nach A. Vogel hatte den 1. Band der „Raffinerien“ geschickt und um eine Rezension gebeten. 168,10f. Vgl. II. Abt., V, 11,18–20. 12 Pfarrer in Schwarzenbach: Völkel, s. zu Nr. 114; Vogel gesteht in A, er habe absichtlich „ganze Bündel Gewürz“ aus dem 1. Bande der Grön ländischen Prozesse in die Raffinerien übertragen (vgl. zu Nr. 94), damit man Richter allein für deren Verfasser halte. 17 Superintendent: Weiß, vgl. 83,15†. 23 Vogel hatte geschrieben, er müsse am 4. Sonntag post Trinitatis (19. Juni) in Bayreuth eine Probepredigt halten, da er sich um die erledigte Pfarre Selb bewerben wolle. 169,1 Platos Republik: vgl. 139,21†. 4 Demosthenes’ Reden: wohl die Übersetzung von Reiske, Lemgo 1764ff 5 „Brittisches theologisches Magazin“, Halle 1769—74. 6 Samuel Pufendorf, „De jure naturae et gentium“, 1672; Exzerpte daraus im 12. Bande von 1787. J. J. Breitinger, „Critische Dichtkunst“, Zürich 1740. 9f. Die Notwendigkeit bestand im Mangel an Stiefeln, vgl. 170,35f.

Textgrundlage:

109. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 168-169 (Brieftext); 463-464 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Hof, 15. Juli 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_109 >


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