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Lieber Örthel,
169,15
Rochefoucauld sagt: der Dank hat oft nur die Absicht, noch mehr
zu bekommen. Das ist so richtig, daß ich dir meinen Dank für dein
Papier — indem ich dir diesen halben Bogen davon schenke — blos
darum bezeuge, um wo möglich einen ganzen habhaft zu werden, auf
dem du mich versichern must, daß er mir gehöret.169,20

Der iunge Joerdens, der bisher den Namen eines Fixsterns führen
konte, weil er sich wenig bewegte und von niemand Licht entlehnte,
hat sich in der vorigen Woche in einen ordentlichen Wandelstern
verkehret und scheinet iezt vielleicht schon in Berlin. Das Ziel, worauf
er aus ist, ist, seinen Kopf auf einen bessern Fus zu sezen als er bisher 169,25
noch konte und einige medizinische Kentnisse zu erlangen: er wird bei
verschiedenen grossen Männern Berlins einsprechen und mit iedem so
umgehen, daß er ihn nicht ohne Vergnügen wieder entlässet. Da man
in Bayreuth einsah, daß seiner Verdienste und Kentnisse so wenig
Legion wären, daß man vielmehr kein Mittel unversucht lassen dürfte,169,30
ihn zu neuen anzufrischen und anzufeuern: so sind ihm höhern Orts zu
seiner Reise zweihundert Gulden Reisegeld verwilligt worden;
und er reiset und lernet iezt auf Kosten unsers ganzen Landes. Fahre
wol, glükliches Schif, das Gold und Ballast träget und kehre bereichert
nach Hause; aber ich möchte um wieviel nicht der Staat sein, der auf 169,35

dich sein Kapital giebt und mit dir einen glüklichen Grosavantur170,1
handel zu treiben gedenkt. — Sechs Wochen wil er da verweilen;
und am siebenten Tage wil er nach einer so beschwerlichen Selbst
erschaffung ruhen so lange er einen Athem hat.

Ein gewisser Schreiber, Drechsel, den dein H. Vater kent, sizt hier 170,5
in gefänglicher Haft, weil man von ihm sowol Beweise hat, daß er
etliche male gestohlen, als Muthmassung, daß er das Pasquil (in der
vorigen Woche) gemacht, das eine Konduitenliste der hiesigen Kauf
leute war und besonders die iungen Leute, die auf einem neulichen
kleinen Balle waren, z. B. die Fischers und Köhlers Mädgen und die 170,10
beiden Otto’s in schlechten und pöbelhaften Versen angrif.

Ungeachtet ich kaum von dir weg bin — in der That ich bin es nicht
einmal ganz und ein Theil meines Wesens, das ein Doppellauter ist,
sizt noch immer in deiner Stube und schreibt — so komm’ ich doch
im [!] nächsten schönen Tage sehr früh einmal wieder, um dich zu einem 170,15
sehr frühen Spaziergange aufzuwekken, und gehe abends ganz spät
wieder fort.

Ein Advokat hier entschuldigte seine Versäumung des fünften
Termins mit der — Krankheit seines Kindes und scheint dadurch denen
einen Vorwand mehr gegeben zu haben, die den Juristen vorrükken zu 170,20
können glauben, daß sie den zärtlichern Regungen zuweilen zuviel Plaz
lassen.

Möchtest du mir nicht das Fräulein Sternheim bald auf kurze
Zeit schikken? Lasse sie aber nicht ohne Brautführer weg, ich meine
ohne einen Brief von dir. Lebe so wol als ich neulich bei dir. 170,25

Hof den 29. Jul. 1785.
Richter



H: Berlin JP. 2 S. 4°; auf der 4. S. Adresse: Herrn Herrn Adam von Oerthel in Töpen. J 1: Wahrheit 3,411×. J 2: Nachlaß 2,317×. 170 , 23 das Fräulein] aus die Fräulein 24 Lasse] aus Las
169 , 21 ff. Joh. Heinr. Joerdens (13. Okt. 1764 — 24. Dez. 1813), Sohn des „weißen Doktors“ (s. 107,8†), hatte schon auf dem Hofer Gymnasium (28. Juni 1780) eine Rede „Vom Nutzen der gelehrten Reisen“ gehalten, 1782—83 in Leipzig Medizin studiert und wurde später Arzt und Hofrat in Hof (s. Fikenscher; Weißmann Nr. 6514; Schreinert S. 25, Note 64); Hermann schreibt am 11. Juli 1785 aus Leipzig an Albrecht Otto, Joerdens habe ihn auf der Durchreise nach Berlin besucht (Schreinert S. 45). 170,5 Drechsel: der alte Oerthel warnt seinen Sohn schon in einem Brief vom 8. Sept. 1781 vor diesem „bösen Buben“, der seine Schelmerei nicht lassen könne. 10 Apotheker Fischer und Bürgermeister Köhler (Nr. 161†). 23Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, Leipzig 1771, von Sophie von Laroche, der Freundin Wielands.

Textgrundlage:

110. An Oerthel in Töpen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 169-170 (Brieftext); 464 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Adam Lorenz von Oerthel. Hof, 29. Juli 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_110 >


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