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Hochehrwürdiger und Hochgelehrter Herr, 171,27
Hochzuverehrender Herr Pfarrer,

Ich habe Ihnen hier drei Titel beigeleget, von denen keiner wahr ist
als blos der mitlere: denn da Sie reiten, einen Sporn tragen und 171,30
Billiard spielen und raffiniren; so sind Sie kein Geistlicher. Übrigens
hoff’ ich, daß unser neuliches Hahnengefecht — in England bewafnet
man die Hähne, eh’ man sie auf einander hezet, mit Sporen
keinen von uns dauerhafte Wunden gekostet haben möge: wäre aber 172,1
dennoch eine bei Ihnen noch nicht zugeheilet, so biet’ ich Ihnen meine
Hausapotheke an, wiewol es besser wäre, wenn Sie lieber freudig in
den Teich zu Bethesda sprängen.

Um ein gutes Buch zu machen, mus ein guter Autor da sein; aber 172,5
es nur zu bessern, dazu gehöret blos ein mittelmässiger — Eier legen
kan nur eine Henne, aber sie ausbrüten und reif machen, das kan
auch Hühnerkoth, das kan ein Hund und ein Kapaun. Ich erinnere
Sie an die Erlaubnis, die Sie mir versprochen, Ihr Hühnerkoth sein
zu dürfen; ausser der Hausapotheke, die ich Ihnen oben angeboten, 172,10
steht Ihnen also noch ein Brütofen für Ihre Raffinerien zu Diensten.
Solten Sie auch noch nicht viel von Ihrem Buche zu Stande gebracht
haben: so werden Sie doch wenigstens — Nichts fertig haben; und um
dieses ersuch’ ich Sie.

Ich bitte Sie, schikken Sie mir nur auf eine kurze Zeit meine Ab- 172,15
handlung über die vielen Religionen zurük: sobald ich sie werde
gebraucht haben, sollen Sie sie wieder haben, um sie besser zu brauchen.

Meine dritte Bitte ist um folgende Bücher:

Vergleichung des Menschen mit den Thieren.
Grazians homme de cour. 172,20
Alexander ab Alexandro de genialibus diebus.
La bibliotheque choisie de Le Clerc. T. I.
Nikolai’s Reisen. Fünfter Band.

Ich sage nicht mit Zizero cura ut valeas: sondern vale ut cures.
Leben Sie so wol als wenn Sie in Utopien wären. Ich bin mit vol172,25
kommenster Hochachtung

Hof den 10 Septemb. 1785.
Ew. Hochehrwürden gehors. Diener und Fr[eund] J. P. F. Richter



H: Brit. Museum. 2½ S. 4°; auf der 4. S. Adresse wie zu Nr. 97 und Kopie von Vogels Antwort von dessen Hand. K: H. Pf[arrer] Vogel. Sept. 10. J 1: Wahrheit 3,338×. J 2: Nachlaß 3,255. A: IV. Abt., I, Nr. 44. 172 , 11 ihnen
171 , 32 Das Hahnengefecht scheint nach A auf der „Birke“ bei Schwarzenbach (s. Nr. 378†) stattgefunden zu haben; vgl. 173,27f. 172,4 Der Teich Bethesda bei Jerusalem hatte nach Joh. 5,2ff. Heilkräfte. 5–8 Vgl. 135,16–21. 19Vergleichung des Zustandes und der Kräfte des Menschen mit dem Zustande und den Kräften der Tiere“, aus dem Engl., Frankfurt a. M. 1767. 20 Baltazar Gracian, „L’homme de cour“, traduit de l’Espagne par Amelot, Paris 1684. 21 Alexander ab Alexandro (Alessandri, ca. 1461—1523), „Genialium dierum libri VI“ (1522). 22 „La Bibliothèque choisie de Jean Le Clerc“, 28 vol., Amsterdam 1703—13; Exzerpte daraus im 9. Band von 1785. 23 Friedr. Nicolai, „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“, 12 Bände, Berlin u. Stettin 1783—96. (5. Band 1785.) 24 Vgl. 137 , 15 .

Textgrundlage:

113. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 171-172 (Brieftext); 465 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Hof, 10. September 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_113 >


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