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[ Hof, 24. Okt. 1785 ]
175,28
Was das verrekte Pferd in Rehau anlangt, so wollen wir uns mehr
darüber freuen als grämen, daß es endlich aus diesem Jammerthale175,30
abgeschieden und von seinen Schmerzen, seiner Magerheit [!] und
seinem Reiter nun erlöset ist. In der That hab’ ich es nie ansehen
können, ohne zu bedenken, daß es sein eignes Trauer- und Klagepferd
ist. Nun erwartet es uns in der Ewigkeit, hat da weder Hunger noch
Durst und denkt vernünftig genug. Eben so glüklich als das Pferd ist 175,35

der H. Pfarrer selbst, der nun auf keinem Folterpferde — die Römer 176,1
peinigten ihre Sklaven auf einem hölzernen Gaul — und Stekkenpferd
mehr sizet. — Der Gärtner — um Ihre Vergleichung fortzusezen —
den Sie wieder in eine neue Plantage geführet haben, kan im Garten
ganz leicht arbeiten, wo er die Früchte zugleich geniesset und wartet, ia 176,5
wo er wenig mehr thut als einige stechende Nesseln säen. — Übrigens
gefället mir zwar Ihre fruchtbare Geschäftigkeit; allein ich hätte doch
gewünschet, daß Sie dem Geseze der Trägheit, nach dem sich alle
Wesen des Universums richten, ein [wenig] mehr gehorchen möchten
und ich sehe nichts ab, was Ihren Fleis mit einiger Wirkung ent176,10
schuldigen könte, als etwan dies, daß Sie kein — Geistlicher sind.
Inzwischen verdien’ ich für diese Satire auf einen ganzen Stand den
noch einige Prügel. — Nicht die Erfindung sondern die Wahl eines
Titels wird mir sauer: hier lesen Sie aus: englischer Garten — Mix-
turen in der Orgel und Apotheke — Kompagniehandlung — Pan- 176,15
theon — Kongres — Reiheschank, weil bald der Theolog bald der
Jurist zu trinken giebt. Die Rathswahl überlass’ ich Ihnen et com
pagnie.
Eh’ Sie also den Titel festgesezt: kan ich nicht an die Vorrede
gehen, weil ich in dieser mich auf iene[n] mus beziehen können. Der
H. Pfarrer, der bei seiner Appellazion an mich nicht bedachte, daß man 176,20
ia nur an eine höhere Instanz appelliren darf. — Übrigens müssen
Sie ein 8 tägiges Stilschweigen für kein langes halten. Die 4 Wochen
die ich bei Ihnen nicht zugebracht sondern genossen habe, gehören mit
zu den Flitterwochen meines Lebens und kommen mit in meinen
Freuden Gottesakker. Ich habe nämlich wie bekant in meinem 176,25
Gedächtnisse einen Gottesakker angelegt, wo ich meine Freuden ein
grabe, damit mit der Zeit aus ihnen einige Blumen wachsen. Ich
bin daher alzeit froh, wenn ich ein Vergnügen habhaft werde: denn
ich kan es dan sofort in meine Freudenplantage schaffen. So oft ich
nun der peinlichen Gegenwart den Rükken kehren mus: so begeb’ ich 176,30
mich in die Vergangenheit und besuche meine Freuden. Ein Engländer
würde dieses ein Vergnügen Archiv oder einen Witwensiz der Freude
nennen wollen; allein ich würde es nicht zulassen. Leben Sie so physi
kalisch wol als Sie moralisch wol leben; Ihre Gattin, an die mich oft
mein Gaumen erinnert. 176,35
N. S. Ich mus Ihnen hinterbringen, daß es hier weder an grossen
Griechen noch an grossen Lateinern mangelt und es wäre zu wünschen,
daß dieses auswärts bekanter wäre. Ich habe mit meinen Ohren die 177,1
hiesigen Alumnen, die sich über müssigen [?] Ohrenkizel weit hinweg
sezen und den Schaden wol kennen, den sie unausbleiblich mit schönen
Kastra[ten]tönen stiften würden, griechische und lateinische Arien
singen hören. Glüklich ist die Stadt, die solche Schüler füttert und177,5
höret: noch glüklicher ist der Kantor, der sie lehret und volkommen im
Stande ist, lateinisch und griechisch zu lesen. Leben Sie so gesund (damit
ich Ihnen nach einiger Zeit vorwerfen kan, daß [Sie] wirklich daran
schuld sind,) daß Ihre Gattin nicht gesund bleibt.

K: An den H. Aktuar. Vogel den 24 Okt. i: Wahrheit 4,18.
175 , 29 ff. das verreckte Pferd: vgl. Nr. 134. 176,3–21 Der Schwarzen bacher Freundeskreis hatte die gemeinsame Herausgabe eines Buches be schlossen, das 1786 unter dem Titel „Mixturen für Menschenkinder aus allen Ständen, von verschiedenen Verfassern“ im Verlag von Lübeck in Bayreuth erschien. Außer Richter, dessen Beiträge mit H. (= Hasus) ge zeichnet sind (s. 215,24, 306,22), nahmen Pfarrer Völkel (A.), Aktuar Vogel (P.), Kletterer (s. 81,13†) und vielleicht auch der Amtmann Ellrodt (s. Nr. 132† und zu Nr. 141) teil, schwerlich aber, wie Otto angibt (Wahr heit 3,11), Pfarrer Vogel; vgl. 251,24. Aktuar Vogel hatte seine und wohl auch Völkels Beiträge Richter zur kritischen Durchsicht gesandt, und dieser hat sie mit „Einbauungen“, namentlich mit Fußnoten versehen, vgl. den Schluß des folgenden Briefs, 306,22f., II. Abt., IV, 372,31f. und Euphorion XXI (1914), 222f. Richters Vorrede (II. Abt., II, 442—445) wurde nicht aufgenommen; die gedruckte ist wahrscheinlich von Aktuar Vogel. 177,9 Vgl. 180,8f.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

118. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 175-177 (Brieftext); 466 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Wilhelm Vogel. Hof, 24. Oktober 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_118 >


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