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[ Leipzig, 15. Sept. 1781 ]

Kaum traut’ ich meinen Augen, da ich Ihren lieben Brief empfieng.
Ich glaubte nicht, daß Sie ie mer an mich schreiben würden, da Sie so14,35

lange nicht geschrieben hatten; nur Ihr Brief selbst sagte mir, daß die 15,1
Entfernung des Orts mir noch nicht ganz Ihre Liebe, Ihr Andenken
entrissen habe. Sie werden’s wenig[stens] sonst empfunden haben,
wenn Sie’s gleich iezt nicht mer fülten, wie angenem iede Nachricht,
iede Zeile, von denen ist, die man in seinem Vater[lande] zurük- 15,5
gelassen hat, wie [man] iede auch unbedeutende Sache [?] von ihnen
mit warmem Herzen aufnimt, und wie die kleinste Gewonheit [?] uns
mit süssem Vergnügen erfült, da sie an die grossen Freuden wieder
erinnert. Sie werden mir es also vergeben, wenn ich [mit] Ungedult auf
Ihren Brief hofte; Sie werden mir aber glauben, wenn ich sage, daß 15,10
ich ihn mit grossem Vergnügen empfangen habe. Erst Ihre Erlaubnis
must’ ich haben, um anstat den Titel, den Ihnen meine Ererbietung
schuldig ist, den zu sezzen, welchen mir mein Herz sagt. Auf der ersten
Seite waren Sie so gut, Sachen zu schreiben, die mich schmeichelten,
wenn ich — eitel wäre. [Nie] werd’ ich Höhen zu ersteigen suchen, die 15,15
für mich zu steil sind, und die vielleicht mir wenig helfen würden, wenn
ich sie würde erstiegen haben. Wissen Sie nicht, daß auf hohen Bergen
die Luft zu dün ist, als daß ein gewönliches Erdengeschöpf da atmen
könte? — Sie verstehen mich. Doch ich kenn’ Ihr Herz und Ihren Ver
stand zu gut, als daß ich diese.... für etwas anders als liebreiche An15,20
spornung zum Fleis, und klug gewältes Gegenmittel gegen die Träg
heit ansehen solte.

Ich möchte Ihnen so viel schreiben, als ich iezt im Kopf habe; aber
das hätte für viele Bögen nicht Raum genug. Ich wil also kurz sein.
Auch noch iezt ist meine Vermutung wegen des exspectari noch nicht 15,25
widerlegt; sie ist bestärkt worden. Ich habe hier noch keine Informazion,
keinen Tisch, keine Bekantschaft mit Studenten, noch gar nichts. Es ist
eben nicht ganz leicht, Zutrit bei den Professoren zu erhalten. Die
ienigen, die eigentlich berümt sind, und deren Liebe mir nötig genug
wäre, sind von einem Haufen Geschäfte umringt, von einer Menge 15,30
von andern vornemen [?] Personen …, von einem Schwarm niederer
Schmeichler umlagert, daß ieder den nicht sein Kleid und sein Stand
empfielt, nur erst mit Mühe ihr Bekanter wird. Und geradezu [?] mit
einem Professor sprechen wollen, der kein Stipendium, oder Tisch etc. zu
vergeben hat, hiesse wol sich dem Verdacht der Eitelkeit aussezzen. 15,35
Bedenk’ ich noch die Menge von armen Studenten, die sich [durch den]
Hunger auf ihrem Gesicht so leicht [?] verraten, die Menge von
schlechten Studenten, die den menschlichen [?] Professor hintergehen, 16,1
und ihn gegen die bessern hart machen, so kan ich mir das ganze
Phänomen erklären. Demun[geachtet] geben Sie Ihre Hofnung nicht
auf; ich werd’ alle diese Schwierigkeiten überwinden, ich kan [?] sie
zum Teil; allein ich brauch’ es auch nicht. Hier komm’ ich auf das 16,5
Räthsel, dessen Auflösung Sie so begierig erwarteten, und welches ich
meiner M[ama] nur dunkel angegeben. Allein iezt ist’s eben so wenig
noch aufgelöst; nur soviel [?] kan ich Ihnen sagen, daß es weder ein
Stipendium, noch einen Tisch, noch eine Informazion, noch sonst
davon etwas betrift. Es betrift etwas, daß [!] Sie gar nicht ver16,10
muten, daß [!] ich Ihnen noch nicht sagen kan, bis der Ausgang meiner
Erwartung entspricht. Soviel davon. —

Sonst bin ich noch wolauf. Die leipziger Luft behagt mir, die Stad
gefält mir auch mer, und die Gegend wird mir angenemer; besonders
seitdem [ich] gewisse Gärten habe kennen lernen. Sie werden Sich es [!] 16,15
noch erinnern an die Orte, wo das Auge und die Zunge so reizend
befriedigt wird. — Aber wissen Sie was mich eigentlich zum Fleis
antreibt? — Grade das, was Sie in Ihrem Briefe gesagt — meine
Mama. Ich bin ihr’s schuldig, einen Teil ihres Lebens zu versüssen,
da sie den andern so elend hingebracht hat; und ihr den Verlust, den sie 16,20
durch den Tod meines Vaters erlitten, durch meine Hülfe [zu] mindern;
es ist meine Pflicht, etwas zum Glük meiner Brüder beizutragen —
Wäre dies nicht, so würden meine Studien anders sein, ich würde nur
das bearbeiten, was mir gefiele, für was ich Kräfte fülte; wäre dies
nicht, so würd’ ich nie in meinem Leben ein — öffentliches Amt an16,25
nemen. Das komt Ihnen vielleicht wunderbar vor; allein kenten Sie
die ganze [?] Verfassung, in die mich meine Lag’ in der Welt, die Be
schaffenheit [?] meiner Sele, die sonderbaren Gänge meines Schik
sals gesezt haben, so würd’ Ihnen das vernünftig vorkommen. Aber
nichts ist mir unangenemer als die Nachricht von der Faulheit meiner 16,30
Brüder. Ich weis kein andres Mittel als Ihre Schärfe. Tun Sie’s, ich
bitte Sie, und lassen Sie ihnen die Strafe ihrer Faulheit hart, oft
überheftig [?] fülen. Es ist besser, wenn sie sich über eine Ungerech
tigkeit zu beklagen [haben], die an ihrem Bukel ausgeübt wird, als über
eine Ungerechtigkeit, die sie an ihrem eignen Glük ausüben. Aber noch 16,35
ein Mittel! Ich wolte meinen Brüdern alle Monate etwas Geld schikken,
um sie zum Fleis anzureizen; unter der Bedingung, wenn sie ein kleines
Testimonium Diligenziä von Ihnen hätten. Das brauchen zwei Zeilen 17,1
zu sein. Vielleicht hilft dies; und Sie, Sie werden diese Mühe über sich
nemen, und ihnen es auch iezt sagen, … Es müst’ aber so eingerichtet
sein, daß sie’s selbst nicht verstünden; denn sonst wären sie klug genug,
mir’s nicht zu schikken. — Nichts bedaur’ ich mer, als die Unbequemlich17,5
keiten, die Ihnen Ihr Gichtflus schon wieder verursacht hat. — Und
Sie sind noch immer frei? und wollen das Mittelding zwischen Man
und Jung[ge]sel noch bis an ihr Ende sein? Was hat Ihnen doch der
Got Hymen getan, daß Sie ihm so aufeinmal alle Vererung aufsagen,
seinen Altar umstossen und zu einem Abgötler werden. Wir leben kurze17,10
Zeit; allein eben deswegen sollen wir diese kurze Zeit recht frölich leben
— — dum loquimur, fugerit invida
aetas; carpe diem, quam minimum credulus postero,


möcht ich Sie mit dem Horaz anreden. — Der Doktor Ernesti ist [den]
15 September begraben worden. Er wird sich wol beim Zizero im 17,15
Himmel Stunden in Latein geben lassen. Jezt modert sein römischer
Kopf, seine lateinischen Phrasen und sein ganzes Behältnis von alter
Gelersamkeit im Grabe. Sein Rum flattert über sein Grab hin; er
hört ihn nicht mer; so zerstäubt der Schlag des Todes den ganzen
Plunder von unsern Torheiten. Dies fält mir oft so warm auf’s Herz, 17,20
daß ich nichts lernen möchte, als worauf ich in der andern Welt fort
bauen kan; daß ich nichts tun möchte, als die Taten, die im Himmel
Früchte für mich tragen. Genug! Ich ermüde Sie; ich schliesse, und sage
nichts mer, als daß ich Ihre neuliche Krankheit an Ihrem Arm herzlich
bedaure, daß ich Ihnen Befreiung von diesem Uebel [?] wünsche. 17,25
Küssen Sie mein liebes Patgen an meiner Stat tausendmal, und
schreiben Sie mir doch, was es macht, ob es gesund ist und ob seine
Sele mit dem Körper wächst. Und Sie — o! ich sag’ Ihnen tausend
Dank für Ihren schönen Brief, tausend Dank für die Liebe, die Sie in
dem[selben] gegen mich äussern. Aber ich wünschte, Dank nicht blos 17,30
sagen zu können; ich wünschte mer. Und für das, was ich Ihnen in
Rüksicht der Bildung meines Verstandes und Herzens schuldig bin, für
das, was nie ein Schüler seinem Lerer bezalen kan? — Hier kan ich
nichts, als eine Träne der Dankbarkeit weinen, einen Wunsch zum
Algütigen schikken, und innigst versichern — 17,35

Sie sehen, ich schreibe meine Brief’ an Sie viel anders, als ich sie an
iede andre Person schreibe; überal nimt man eine kleine Maske an; überal schminkt man sich wenigstens ein bisgen: aber bei Ihnen tu’ ich 18,1
das nicht, ich [zeige] mich Ihnen wie ich bin, Sie kennen meine Feler,
und ich gebe mir keine Mühe, sie Ihnen zu verhelen. Darum werden
Sie auch meine Brief’ an Sie niemand sehen lassen; denn man ver
lacht oft den, der aufrichtig genug ist, sein Herz auf Unkosten seines 18,5
Verstandes reden zu lassen — es giebt Leute, die ieden für einen Toren
halten, der nicht leichtsinnig ist wie sie. Ich mus Ihnen noch etwas
sagen, was ich gewis nicht aus Schmeichelei sage. Ihr Brief ist in
einer modernen Schreibart geschrieben; Sie haben Sich sogleich nach
dem Verf. der Menschenfreuden gebildet, und in Ihrem Brief neue 18,10
Wendungen, Konstrukzionen, Wörter, und Beredsamkeit und kurze
Säzze verbunden. Tun Sie gewissen Personen den Tort und zeigen Sie
Ihnen, daß auch Sie neu[es] Deutsch schreiben können.

K (Konzept): V. A[n] R[ektor] W[erner] den 15 Septemb. i: Wahrheit 3,119 (Z. 12)—123 ×. B: IV. Abt., I, Nr. 3. Gestr. Anfang: Endlich erfar’ ich durch Ihren lieben Brief, daß Sie noch leben, daß Sie mich noch nicht ganz vergessen haben und daß meine Entfernung 15 , 5 ieder 7 uns bis 9 erinnert] aus mit der Erinnerung an die vorherigen[?] grossen Freuden vergeselschaftet ist 11 Erst] aus Blos 15 Nie] Ich 25 exspectari] aus expectari 31 Personen] danach hat Richter eine Lücke gelassen, da ihm nicht gleich ein passendes Partizip einfiel 32 umlagert] aus umringt 16 , 2 bessern] aus andern 14 mer] aus besser 22 Glük] aus Auferziehen 24 für] aus zu 28 meiner Sele] aus meines Geists 30 unangenemer] davor gestr. verdrüsl[icher] zu hören 18 , 5 f. sein Herz … reden zu lassen] aus die Meinung … zu sagen
15 , 12 Titel: Werner hatte sich die Anrede „Hochedelgeboren etc.“ ver beten und selber die herzliche „Theuerster Herr Gevatter! Schätzbarster Freund!“ gewählt; wenn Richter einmal Doktor, Dekan, Professor sei, werde er (Werner) freilich die Saiten höher stimmen müssen. 16,6 Räthsel: vgl. B: „Ihre beste und immer über Verfolgung thränende Fr. Mamma, deren einzige Freude und Trost Sie noch auf Erden sind, hat mir mit Blicken, Mienen und Worten, die ihr ganzes mütterliches Herz ausdrücken, schon ein Exspectatum von Ihnen verkündiget, in der Stille mit dunkeln Worten verkündiget. Gott gebe, daß es wahr, daß es wichtig sei und daß ich bald deutlichere Bestimmung davon erfahre.“ Vgl. 13,28–30†. 16,16 Zunge: in dem sog. Kuchengarten; vgl. I. Abt., I, 423,3, V, 62,34. 23ff. Dieser Vorsatz hielt nicht lange Stich, vgl. 31,29ff. 17,7f. Mittelding zwischen Mann und Junggesell: Werner war Witwer, vgl. zu Nr. 6. (Da nach ist die Fußnote bei Schneider S. 225 zu berichtigen.) Aus „Sophiens Reise“ (von Hermes), 3. Bd. (1778), S. 108, notiert sich Richter in seinem 14. Exzerptenband (1781): „Eine junge Witwe ist ein Mittelding zwischen Jungfer und Frau.“ Werner schloß am 2. März 1783 eine zweite Ehe mit Margarethe Sophie Trenzinger aus Wunsiedel. 12–14 Horaz, Oden I, 11, 8. 14 Ernesti war am 11. Sept. 1781 gestorben. 18,10Menschenfreuden aus meinem Garten vor Z.“, Wittenberg u. Zerbst 1778 (von Chr. Friedr. Sintenis); vgl. I. Abt., I, 438,15f., II, 388,30f.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

12. An Rektor Werner in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 14-18 (Brieftext); 421-422 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Carl August Werner. Leipzig, 15. September 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_12 >


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