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Nicht abgeschickt 177,20
P. P.

Mich kränket selbst ieder Brief, den ich in der Furcht des Misfallens
an Sie schreiben mus. Ach ich hofte, mir durch mein Manuskript den
Weg zur nähern Bekantschaft mit dem Man zu bahnen, den ich so
liebe und bewundere; und iezt mus ich durch iedes neue Blat, das ich 177,25
seinetwegen ablasse, Sie noch mehr von mir abzuwenden fürchten.
Aber was kan ich nun dafür, daß ich die Fortsezung meines Fehlers
nicht aufhalten kan? Denn ich mus Sie bitten mir zu antworten, fals
Sie mein Mskpt gar nicht bekommen hätten, damit mir nicht durch
die Länge der Zeit der Weg, es wieder aufzufinden, ganz versperret 177,30
werde — oder fals es Ihnen misfallen hätte, damit ich es verbessere
oder verschikke — oder fals Sie an dem Glükke desselben arbeiteten,
damit ich Sie nicht mit einer undankbaren Ängstlichkeit beleidige und
mich nicht damit quäle. Wäre meine Bitte zu zudringlich gewesen: s werden Sie sie doch nicht so hart durch ein längeres Stilschweigen, und 178,1
durch eine längere Verbalterrizion bestrafen wollen.

Mir that es alzeit wol, wenn ich die Sonne mit einem menschlichen
Gesicht im Kalender gemalet sah. Diese Art von Menschwerdung
milderte ihren Glanz und brachte sie dem Menschen näher..... Aber 178,5
Sie haben ia ein Menschenangesicht! und vielleicht doch auch für mich,
ungeachtet man sonst dem Satiriker, dem man, weil man das Geschäft
mit der Denkungsart vermengt, kein menschenliebendes Herz zutraut,
immer mit einer Art von Kälte hilft, wie die Kinder, die mit Zähnen
geboren worden, schwer Ammen bekommen. 178,10

Leben Sie wol und vergessen Sie meine Bitten nicht. Wenn Sie
wüsten, wie viel und wie vieler Glük auf ihrer Erfüllung beruht!

Hof im Voigtlande den Nov. 1785.
J. Paullus Fried. Richter



H: Berlin JP. 3 S. 8°; 2. u. 3. S. zum Teil verschmiert, auf der 4. S. nicht zugehörige Notizen. J: Wahrheit 3,339 („an eine sehr geachtete Person“).
Der Adressat ergibt sich aus Nr. 116. Wohl noch im Oktober geschrieben und nicht abgeschickt, weil inzwischen Herders Antwort vom 18. Oktober eintraf, daß er das Manuskript zu seinem Bedauern nicht habe unterbringen können. Vgl. Nr. 232. 178,3–5 Vgl. I. Abt., I, 344,16–19, V, 4,9–12.

Textgrundlage:

120. An Herder in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 177-178 (Brieftext); 466 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Gottfried von Herder. Hof, November 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_120 >


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