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Lieber Örthel!
178,16
Auf einmal bist du von der schlafenden Kirche (in Töpen) zur
streitenden übergelaufen und zielst nach dem punctum saliens eines
Franzosen: denn zu einem Franzosen mus O. erst reifen. Ich habe
gestern seinen Brief an dich bei ihm gelesen. Die Aufschrift des deinigen 178,20
(autrefois en Fr. et desàpresent [?] à Isar) hat ihn so erbittert, weil
er sie folgendergestalt entzieffert: sonst im höflichen Frankr[eich] und
iezt in Isar, wo er grob genug geworden, dich um Wein zu bitten. Er
hat sogar mich für den ersten Urheber derselben gehalten: meine
doppelte Antwort darauf, die deinen Kopf und mein Herz rächte, 178,25
erräthst du. Was seine Bitte entschuldigt, ist, daß deine Frau Mutter
bei der Ottoin, da sie von der Reise nach Isar hörte, sich erklärte „da
köntest du auch dahinkommen und um das Vergnügen zu vermehren,
Zukker und Kaffee mitbringen.“ Er glaubte also, dir blos dieses
Geschenk zu ersparen, da er dich um ein anderes bat; wiewol er den 178,30
Wein blos für Geld begehrt zu haben vorgiebt.

Übrigens nehmen seine 2 Brüder an dem ganzen Hader keinen Theil
und stellen sich darum mit dir nicht minder zufrieden an. Der kleine
wolte sogar gleich anfangs nicht in die Abschikkung des ersten Briefes
willigen. 178,35


In deiner Antwort kanst du den Vorwiz des Ottos, der das Fran- 179,1
zösische besser wie du zuverstehen wähnt und an deinem Briefe das
Untadelhafte tadeln wil, ein wenig zurechte weisen und ihn, wie ich ge
than, an den doppelzüngigen Ausdruk des seinigen erinnern, ohne dich ie
doch die Nachricht, die ich dir hier gegeben, zu deutlich merken zu lassen. 179,5

Die Otto haben mir versprochen, mich deine Duplik sehen zu lassen.
Du armer Örthel! bald hast du mit einer Krankheit zu kämpfen,
die du mit den [!] Namen der französischen Nazion vermengtest, bald
mit einem Deutschen, der gleichfals mit den Franzosen verwechselt
werden wil. Leb wol. 179,10

Hof den 1 Novemb. 85.
J. P. F. Richter



H: Berlin JP. 1 ¼ S. 4°. 178,21 desàstresent ihm
Es handelt sich um Christoph Otto, den jüngsten Bruder, der Kauf mann, später Zollbeamter und Gatte Renate Wirths war; vgl. 180,21f., 187,26ff. 178,21 Isar: Dorf bei Töpen. 179,7f. Hermann schreibt am 17. März 1789 an Richter, der über Lungenschwäche geklagt hatte, er (Richter) sei so wenig schwindsüchtig, als Oerthel ehemals an einer vene rischen Krankheit gelitten habe (Schreinert S. 179).

Textgrundlage:

121. An Oerthel in Töpen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 178-179 (Brieftext); 466 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Adam Lorenz von Oerthel. Hof, 1. November 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_121 >


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