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Hocherwürdiger und Hochgelerter Herr, 18,15
Hochzuvererender Herr Pfarrer,

Dieselben erwarteten one Zweifel von mir Briefe; und ich von
Ihnen. Ich hofte von einem Posttage zu dem andern, ersan mir
tausend Ursachen, warum Sie nicht schrieben, behielt iede solange, bis
sie sich von selbst widerlegte und fiel endlich auf den Gedanken, Sie 18,20
beleidigt zu haben. Allein mit Wissen? — nein, dies bin ich unfähig zu
tun, und Sie, es zu vermuten; oder aus Unwissenheit? o! so werden
Sie schon lange vergeben haben. Meine Verzögerung kan ich mit
nichts als dem folgenden entschuldigen. Ich schrieb Ihnen nicht, weil
ich nichts Interessantes zu schreiben hatte, und Sie nicht durch die18,25
Wichtigkeit der Materie für den Ekkel schadlos halten konte, den der
schlechte Vortrag derselben erwekt. Und selbst dieser Brief wird noch
mager sein, daß man wol ausrufen könte: Meister, wir haben die ganze
Nacht gefischt und etc. —

Der Doktor Ernesti starb den 13 Septemb. Vielleicht lernt’ er hier 18,30
auf der Welt zu wenig Latein; und nimt im Himmel den Zizero selbst
dazu, um ganz ein Römer zu werden. Er war mit soviel Titeln, Eren-
namen, Beiworten und Zierden behangen, daß man kaum den
Menschen davor sehen konte. Jezt modert sein römischer Kopf,
sein Gehirn von Zizero’ sphrasen und das ganze Behältnis alter Ge18,35
lehrsamkeit, im Grabe; sein Rum flattert über seinen Hügel weg; er
hört ihn nicht mer. Warlich Pope hat Recht, den Rum ein ein- 19,1
gebildetes Leben in dem Odem des andern zu nennen. — Der D.
Barthd [!] in Halle läst sich’s gut sein. Jezt hat er gerade soviel
Pension und so wenig Titel, als er braucht, um mit den Studenten in
die Wirtshäuser zu gehen und Brandewein zu trinken. Man hat ihm, 19,5
glaub’ ich, eine grosse Gefälligkeit getan, ihn von einem Teil seiner
Erentitel zu entledigen; denn nun hat er gerade so wenig Ere, als
nötig ist, um sie one Schande mannigmal verlieren zu können. Der
D. Semler möchte gern seine Toleranz gegen ihn an den Tag legen;
allein er kan ihm nicht beikommen. — Zur Messe kommen verschiedne 19,10
wichtige Bücher heraus: Kant’s Kritik der Vernunft; wizzig, frei und
tiefgedacht! Garve’s Übersezzung der Bücher Zizero’s von den
Pflichten, mit philosophischen Anmerkungen — Mendelsson giebt
etwas über den Karakter Lessing’s heraus, und Platner neubearbeitet
seine Aphorismen. Da ist ware Philosophie, die so selten ist, weil man19,15
soviel von ihr spricht. Platner ist unstreitig einer der besten Philosophen
Deutschlands. Welch Glük für mich! sein Zuhörer sein. —

Neulich las ich in einem Buche die Inschrift auf Neuton’s Monu-
ment; sie ist zu schön, als daß ich sie nicht hersezzen solte:
Hic iacet Isaacus Neuton, 19,20
Si nescis hunc, abito.


Diese Universität hat eben nicht viel grosse Männer: wenn man den
Platner, Morus, Klodius und Dathe ausnimt; so findet man überal
nur mittelmässige Leute. Dathe liest nicht gut, und hat noch dazu einen
schlechten Vortrag; er weis auf dem Kateder nicht halb das Gute zu 19,25
sagen, was er in seinen Büchern sagt. Man hat mer Nuzzen, wenn
man ihn liest, als hört. Burscher — das ist nun ein drollichter Man!
Er hält sich beinahe mit für den grösten Geist auf Gotteserdboden,
und hat den grösten Stolz, lächerlich sein zu können. Nämlich, wenn er
die Reformazionsgeschichte liest, so erzält [er] gerade wie der gemeine 19,30
Man erzält; dieselben Figuren, platten Ausdrükke und sogar dieselben
Stellungen des Körpers! Die derben Satyren des D. Luther’s besizt
er alle im Original; diese liest er vor und sezt noch eine Dosis von
eignem Wiz dazu. Alles läuft zu ihm; er hält sich das für die gröste
Ere, und sieht nicht ein, daß man sich auf Unkosten seines Verstandes19,35
lustig macht, und daß, wer nicht in die Komödie gehen wil, sein
Kollegium besucht und einen — Harlekin auf dem Kateder belacht. —
Man hat ihn mit soviel Titel belegt, daß er Mühe hat zu wissen, was 20,1
er ist; ihm soviel Ämter gegeben, daß er die Macht hat, keines recht zu
verwalten, und soviel Verdienste in Gestalt des Sterns etc. von aussen an
gehangen, daß er inwendig keine zu haben braucht. Eine ware Schöp
fung aus — Nichts! Ortodox? das versteht sich von selbst, daß er’s ist: 20,5
man hätt’ ihn nicht so belont, wenn er grössern Verstand hätte. —
Das Professorenvolk ist überhaupt das burleskeste Volk: sie haben
Originaltorheiten, und man hat Unrecht getan, immer den Land
geistlichen in ieder Satyre zu züchtigen. Einen Professor nach dem
Leben zu malen! — gewis das wäre der zweite Don Quichot, und sein 20,10
Famulus sein Sancho Pansa. —

Die Mode ist hier der Tyran, unter dem sich alles beugt; ob er wol
niemals sich selbst gleich ist. Die Stuzzer bedekken die Strasse, bei
schönen Tagen flattern sie herum wie die Schmetterlinge. Einer gleicht
dem andern; sie sind wie Puppen im Marionettenspiele, und keiner hat 20,15
das Herz, Er selbst zu sein. Das Hergen gaukelt hier von Toilette zu
Toilette, von Assemblee zu Assemblee, stielt überal ein par Torheiten
mit weg, lacht und weint, wie’s dem andern beliebt, närt die Ge
selschaft von den Unverdaulichkeiten, die er in einer andern ein
gesamlet hat, und beschäftigt seinen Körper mit Essen und seine Sele 20,20
mit Nichtstun, bis er ermüdet einschläft. Wen nicht seine Armut
zwingt, klug zu sein, der wird in Leipzig der Nar, den ich iezt ge-
schildert habe. Die meisten reichen Studenten sind dieses. —

Rousseau hat ser viel Schriften noch hinterlassen; in Manheim
drukt man seine sämtl. Werke auf Pränumerazion mit den schönen 20,25
lateinischen Lettern, mit welchen die alten Autoren gedrukt wurden.
Ein herlicher Man! Im Original liest sich sein Emil noch einmal so
schön; und seine Heloise, die ist zu gut, um nur gelobt zu werden. —
Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen noch keinen Aukzionskatalog geschikt
habe; es waren erst zwei Aukzionen und in denselben meistens un20,30
wichtige Bücher; nach der Messe werd’ ich Ihnen den neusten schikken.

In diesem Jar ist ein Buch herausgekommen, betitelt: Charla-
tanterien [!], gegen welches der Kezzeralmanach noch eine Kon-
kordienformel ist. Recht wizzig ist es; es spast mit dem ganzen A. T. Es
ist schon 3 mal aufgelegt. Wenn ich’s zu kaufen bekommen kan, werd’20,35
ich Ihnen es schikken. Das ist sein Motto auf dem Titel: Wer Oren
hat zu hören, der höre, Apokal. Wer eine Nase zu riechen, der rieche.

Von meinen Arbeiten sag’ ich iezt nichts: bis mir erst Ihre Antwort 21,1
auf diesen Brief, die Erlaubnis erteilt, den mir so nüzlichen Brief
wechsel fortzusezzen. Sie werden ermüdet sein von Lesen; ich schliesse,
und sage nichts mer, als dies, daß nichts in mir die Liebe und die
Dankbarkeit auslöschen wird, welche ich Ihrer Güte schuldig bin. 21,5
Vielleicht ist dies mer, als wenn ich versichere, daß ich mit der grösten
Hochachtung bin

Ew. Hocherwürden
Leipzig, den 17 Septemb. 1781.
gehorsamster Diener J. P. F. Richter



H: Brit. Museum. 4 S. 4°. K (Konzept): VI. An Pf[arrer] V[ogel] in R[ehau] den 16[!] Sept. J: Nachlaß 3,195. Vgl. Wahrheit 3,119 (Z. 4–11) u. 124. 18 , 27 erwekt] verursacht K 28 Meister bis 29 —] ich habe das ganze halbe Jar gefischt, und habe nichts gefangen K 30 Septemb.] danach den man kaum unter die Deutschen rechnen kan, weil er selbst versicherte, er rede lieber lateinisch als deutsch K 33 Zierden] aus Ornatszierden H 34 sehen konte] sahe; der Ruf seiner Vortreflichkeit sumte so unaufhörlich um seine Oren, daß...... K 36 er] und sein taubes Or K 19 , 3 Barthd] daneben am Rande Barthdt Barhtd K Jezt bis 5 trinken.] Er hat gerade Pension genug und gerade so wenig Titel, um liederlich leben zu können. Er geht mit den Studenten in die Wirthshäuser und säuft Brandewein soviel er kan; man hat durch die Versezzung[?] nicht[s] gestiftet, da [er] gerade den Ort antraf[?], der zu seinem Leben bequem ist. K 10 beikommen] zu Leibe kommen K 13 Anmerkungen] danach Hume’s natürliche Religion, [nachtr. übersezt] mit Zus[äzzen] versehen von Platner; im höchsten [Grade]skeptisch und tiefsinnig! K 15 Da bis 16 spricht.] Diese hab’ ich gelesen. Etwas [so] philosophisches, tiefgedachtes, freies kan man sich kaum denken. K 22 Männer] Leute danach gestr. niemand liest die Physik ser gut, die Geschichte viele [?] erbärmlich K 23 Dathe] einige andre K 24 nicht gut] ser mittelmässig K 27 drolligter K 30 gerade] davor und fürt die Leute redend ein, und macht alle Minute Spas K 34 dazu] danach um den Zuhörern ein Ver gnügen zu machen K 35 sieht nicht ein] ist so blind nicht zu sehen K 20 , 1 Mühe hat zu wissen] kaum weis 〈den rechten vergist〉 K 2 die bis 3 verwalten] sie alle versäumen darf K 3f. angehangen] [gestr. um ihn] herumgehangen K 8 Unrecht] aus unrecht H, unrecht K 10 das bis 11 Pansa] Cervantes könte seinen Donquichot nicht besser [?] zeichnen. Den Sancho Pansa müste man auch nicht weg[lassen]; die Famulusse würden’s[?] K 12 Die bis 15 Marionettenspiele] Sol ich Ihnen etwas vom Karakter der Einwoner Leipzigs sagen? Dratpuppen, Marionetten, Schmetterlinge, das sind die Geschöpfe, die alle Strassen bedekken. Alles beugt sich vor dem Tyrannen der Mode, der sich selbst niemals gleich ist: wenn man einen Stuzzer gesehen, hat man sie alle gesehen; sie sind wie die Mängen im Schatten[spiele], alle gleichen einander. K 16 gaukelt] flattert K 18 lacht bis beliebt] lernt von ieder Schönen ein Bonmot, das nichts sagt K 23 Die bis dieses] Alle reichen Studenten sind Petitmaitres. Die Sitten sind fein; man könte [?] die Leipziger vielleicht mit Recht die deutschen Franzosen nennen; und daher mag die Falschheit kommen, die man den Sachsen zuschreibt. Es ist natürlich, wer Kopf hat, gebraucht ihn zu seinem Vorteil und auf Un kosten des Glüks des andern. K 27 Im bis 28 werden.] Ich habe iezt seinen Emil französisch gelesen; er übertrift alles; die deutsche Uebersezzung erreicht das Original [nicht] halb! und seine Heloise! die mag ich nicht loben, weil ich sie nur [aus nicht genug] loben kan. K 31 schikken.] danach Hier wird man ganz in Sodawasser [?] aufgelöst; durch die hundert [?] Bücher, die man lesen kan; man geneust [?] des Süssen soviel, daß es endlich [?] bitter schmekt, und man sättigt sich so durch die gar zu guten Schriften, daß man um den Ekkel zu verwinden, einen — Burscher hören mus. danach gestr. Man hört den Klugen nie lieber, als wenn man vorher einen Dummen gehört hat; dieser macht hungrig, da iener sättigt. K 21 , 1 Von bis 3 fortzusezzen.] Meine Arbeiten — nein! davon red’ ich nicht: ich weis nicht, ob ich Ihre Liebe noch habe, die so teuer ist; ich wil erst suchen, diese wieder zu verdienen, und dan........ Erst Ihre Antwort auf diesen Brief giebt mir die Erlaubnis, den Briefwechsel, den Sie mir mit Ihnen zu füren gütigst erlaubten, fortzusezzen; erst diese überzeugt mich, daß ich Ihre Güte, die Sie sonst gegen mich gehabt, iezt noch nicht verloren habe.... K 3 ermüdet sein von Lesen] das Ende dieses Briefs wünschen K 4 dies] nachtr. HK; danach daß ich ie mer [ich] einsehe, wie viel ich Ihnen schuldig, desto[mer] ich Ihnen danke, und K
18 , 30 Ernesti starb am 11. September. 19,1f. Pope, Essay on Man IV, 237: „What’s Fame? a fancy’d life in others breath.“ Vgl. II. Abt., I, 213,24†. 3ff. Bahrdt lebte, seit ihm (1779) alle geistlichen Würden aberkannt worden waren, als Dozent in Halle. 12f. Garves Cicero-Übersetzung erschien erst 1783, vgl. 179,23†. 13f. Mendelssohns Schrift über Lessing blieb im Plane stecken; vgl. 29,31f. 14f. Von Platners zuerst 1776 er schienenen „Philosophischen Aphorismen“ kam 1782 ein 2. Band, 1784 der erste in 2. Auflage heraus. 23 Sam. Fr. Nath. Morus (1736—92), Philo soph und Theolog. Joh. Aug. Dathe (1731—91), Orientalist. 27 Joh. Friedr. Burscher (1732—1805), Theolog; vgl. I. Abt., V, 76,2, XV, 219,7. 20,12–23 Vgl. die Satire auf die Stutz er in den Grönländischen Prozessen, I. Abt., I, 93ff. 24–28 Rousseau: Exzerpte aus der 1762 erschienenen Übersetzung des Emile im 7. Band (Hof 1780), aus der Nouvelle Héloise, Genève 1780, im 13. u. 14. Band und in „Extraits, Tome I“ (Leipzig 1781). 32–37 „Charlatanerien“, Berlin 1780—81, von dem Kriegsrat Aug. Friedr. Cranz (1737—1801); später urteilte Jean Paul abfällig über das Werk und dessen Verfasser, der ihm als Prototyp eines niedrigen Satirikers galt, vgl. 149,29, 201,13, 354,28, I. Abt., I, 169, 173, 212, II. Abt., II, 112,35. Der „Kirchen- und Ketzeralmanach aufs Jahr 1781“ ist von Bahrdt.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Werke

Textgrundlage:

13. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 18-21 (Brieftext); 422-424 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Leipzig, 17. September 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_13 >


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