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[ Hof, 26. Dez. 1785 ]
184,28
Vorrede zu meiner Festtagszeitung, in einen vernünftigen
Brief an Sie eingekleidet, den Sie sämtlich lesen müssen.
184,30
Lieben Freunde!

„Ich wil sezen — sagte ich, als ich heute aus dem Bette fuhr — ich
„wolte heute etwas Geschiktes an Sie sämtlich ablassen: so würde es
„mir an Einkleidung und Materie gänzlich fehlen: du lieber Himmel! 185,1
„du hättest mir aber einen geschikten Traum bescheren sollen; den
„hätte ich für meinen eignen verkauft, stat daß Herr W. seine für
„himlische ausgiebt, und alles wäre ganz wol gegangen.“

Da sich heute ausser dem Teufel iedes Wesen freuet, wenn es kein 185,5
Fürst ist: so hab’ ich mich wirklich gleichfals freuen wollen und in der
That labt mich dieses Geschreibe auch sehr, an dem Sie sämtlich wie
ich sehe, sich nicht genug vergnügen können. O ihr Geistlichen alzumal!
ihr laufet herum, den Siz des Paradieses aufzufinden: komt doch her
zu mir und betrachtet das Narrenhaus, in das ich iezt gegangen, zur185,10
Genüge: hier sizet das Paradies und, lieben Freunde! es sei daß man
närrisch ist oder daß man sich so stellet, welches man Laune nent, so ist
man in beiden Fällen ausnehmend glüklich.

Anfangs wolte ich Ihnen von diesem und ienem schreiben — ich
wolte auf diesem Papier über erhebliche Gegenstände in der Heraldik 185,15
mich glüklich herauslassen und den Brükner in einer schlechten Note
zitiren und erheben — ich wolte eine sehr gute Predigt an Sie halten
und in dem Eingange mich selbst, in iedem Theile aber einen von
Ihnen bekehren, so daß hernach wir alle nimmer hätten verdamt
werden können — ich wolte Ihnen ein glükseliges neues Jahr, des185,20
gleichen daß Sie dieses und noch viele folgende in stetem Wolsein etc.
wünschen; aber wie ich sah, so ist das neue Kircheniahr schon vor vier
Wochen angegangen — ich wolte Ihnen sehr danken und warlich das
hätt’ ich thun sollen; aber Sie verkennen mich ia nicht — ich wolte den
Galgen verdienen und dem H. D. Joerdens etwas Ausnehmendes über 185,25
die Bruchbänder ohne Bedenken entwenden — ich wolte endlich eine
Höfer Zeitung schreiben. Und das hab’ ich auch wirklich gethan; und so
volführet, daß ich und andere dabei mich sehr loben können. „Wie,
„sagt’ ich, London hat seine Daily Post, Paris seine Nouvelles à la
„main
und Wien sein Neuigkeitenblat im Manuskript? Mich dünkt, 185,30
„Hof solte etwas ähnliches haben und man findet glüklicher weise an
„mir den Man, der sich ganz dazu schikket.“

Und lieben guten Freunde! bedenken Sie noch das ganz unpartheiisch,
daß ich nicht nur, wie es scheint, ein ausgemachter Atheist bin sondern
auch sicher nichts gelernt habe: wie bin ich so im Stande, der Stadt 185,35
Hof, wenn ich nicht ein anderes Mittel ergreife, wahre Ehre zu
machen? Hingegen wenn ich der Zeitungsschreiber dieser alten und
vernünftigen Stadt werde: so dürft’ ich wol für meinen und für ihren 186,1
Ruhm aufs beste gesorget haben.

Überdies sind Sie alle wirklich da und sehen umsonst, da die Feier
tage den Zeitungsschreibern die Federn nehmen, auf eine politische
Zeitung auf; daher bin ich auch da und schreibe eine wolgerathene 186,5
Festtagszeitung; daher sind sogar auch Hasen da, auf die ich meine
Feder losschiesse und welche mir der H. Landeshauptman in einer
Werkeltags- und Intelligenzzeitung nicht zu iagen gestatten kan; so
wie die Jäger troz des Jagdverbotes an Festtagen dennoch Hasen
erlegen dürfen, die man Festhasen nent. Hier komt aber der Pürsch186,10
wagen selbst!
Höfer Festtagszeitung.
Die Nachricht bestätigt sich leider, daß gestern der Teufel den
Amtsburgermeister Barnikel wirklich geholet. Er wolte gerade sich
wie ein ehrlicher Man anstellen; als der Teufel hineintrat und ihn 186,15
dermassen erschrekte, daß er, um sich in die Gunst des bösen Feindes zu
sezen, geschwind that als ob er ein ausgemachter Bösewicht wäre.
Dieses nahm den Satan für ihn ein und daher hat man es zu erklären,
warum, da in der Schuldverschreibung Leib und Seele demselben
verpfändet war, der Teufel mit sich handeln lies und so weit von 186,20
seinem Rechte nachlies, daß er sich wirklich nur mit dem schlechtesten
Theile des Pfandes abspeisen lassen, nämlich mit der Seele des Burger
meisters. Diese nahm er sogleich mit fort; in den Körper aber sezte er
auf solange bis er verfaulen würde, einen woldenkenden und recht
schaffenen Teufel als einen curator bonorum ein. Heute wird derselbe 186,25
mit seinem neuen Körper in die Kirche gehen...... Jederman beklagt
die Verdamten, welche wol schon in der peinlichen Geselschaft der
gedachten Seele leben müssen.... Man kan den bösen Feind in der
Vorstadt noch merklich riechen.

Vor 4 Monaten starb ein grosser Edelman auf seinem Raubschlosse 186,30
und gab in Frieden seinen frommen — Körper auf. Einige suchten bei
seinem Tode wirklich über ihn zu weinen; allein sie konten nicht, da sie
schon bei seinen Lebzeiten genug über diesen guten Man geweinet hatten.

Am heiligen Abende kam die Silberflotte alhier endlich an und 187,1
die hiesige Kaufmanschaft wurde ihres Goldes und Silbers mit merk
lichem Gewinst gegen gutes Kupfer los. Unaufhörlich schrie man in
den ansehnlichern Kaufläden: „für einen Kreuzer Gold! noch für
„zwei Pfennige Silber!“ kurz dieser Metalle waren so viel, daß man 187,5
damit gar die Äpfel und Nüsse, wie zu Salomons Zeiten die Gassen
belegte; und man zweifelt ob man bei diesem unerwarteten Über
flusse künftig noch unsere Kreuzer annehmen wird.

Das Gerücht, daß vorgestern sich in der Klostergasse drei Gespenster
sehen lassen, die einander führten, wird völlig wiederrufen: denn einer, 187,10
der ihnen mit der Laterne nachschlich, fand, daß es nur drei — Damen
waren. Hoffentlich wird aber eine einsichtsvolle Polizei in die Sache
sich mischen und die gedachten Damen dahin bescheiden, daß sie sich
künftig, um niemand in den 12 h. Nächten mehr furchtsam zu machen,
niemals zeigen als nur am Tage. 187,15

Die Madame X. wurde als schwanger gotloser Weise beim Stadt
vogt angegeben; sie hat aber ihre Unschuld glüklich ins Licht gesezt
und demselben gezeigt, daß die ganze Sache nur ein ganz neumodischer
cu de Paris von vornen wäre. Man hat Ursache zu glauben, daß es
mit allen unsern Damen, die nach der Mode sich tragen, auch nicht 187,20
anders ist.

Wenn die Nachricht wahr wäre, daß der hiesige Rath sich fest ent
schlossen habe, offenbar vernünftig zu werden: so würde wol der
iüngste Tag noch vorher erscheinen und der gedachte Rath würde
vernünftig werden, indem er verwandelt würde. 187,25

Verschiedene woldenkende und wolredende Personen alhier werden
den H. Christoph Otto, der gar thut als ob er Wein hier anbrächte,
schnel abreisen lassen. Die Muthmassung, daß er ganz und gar kein
Kaufman ist, leidet nun wol keinen Zweifel mehr, seitdem es sich
immer mehr bewähret, daß er wirklich oft was weggeschenket und 187,30
daß er überhaupt — welches wol das schlimste ist, was man einem
Kaufman vorwerfen kan — den Menschen den Vorzug vor dem 188,1
Gelde lässet.

Von einem gewissen Satiriker alhier, der gewisse hiesige Honora
zioren für närrisch ausgab, hat man zum Glükke vernommen, daß er
selber närrisch geworden; und man wil wünschen, daß diese frohe 188,5
Nachricht zu keiner Erdichtung werde.

Unter die hiesigen Stadtsoldaten werden von Zeit zu Zeit hart ge
räucherte Stökke ausgetheilet, damit sie mit diesen ihre Flinten ver
theidigen möchten und könten, wenn sie ihnen etwan iemand mit
Gewalt nehmen wolte. 188,10

Der H. Kandidat Richter, der durch seine Amtslosigkeit allerdings
hier den Tadel der vernünftigern Personen selbst verschuldet hatte, ist
einen bessern und gewis rühmlichern Weg zu seinem Fortkommen
eingeschlagen und Höfer Zeitungsmacher geworden. Die erste Probe
seiner Zeitung ist so ausgefallen, daß sie ihm zur grösten Ehre ge188,15
reicht und daß man die Fortsezung derselben algemein wünschet.
P. S. Da die besten Rechtslehrer zu einem guten Pasquil das
Bestreben, es auszusäen und den Namen zu verhehlen, verlangen: so
kan mir wol Karl der fünfte wenig anhaben und ich bleibe bei Ehre
und beim Leben. 188,20
[Adr.] Höfer Festtagszeitung an die Sämtl. Ottoischen.

H: BB, Nachlass Jean Paul, Fasz. 13 b. 6⅓ S. 4°; auf der 8. S. Adresse. K (nach Nr. 134) ohne Adressat u. Datum; 187,22–25 nachtr. nach Nr. 135 mit der Überschrift: Noch zur Zeitung. i: Wahrheit 4,23. 184 , 29 zu meiner] zur Höfer K 185 , 2 geschikten] glüklichen K 8 alzumal] insgesamt K 27 Höferfesttagszeitung K 28 ich bis können] es mir und Hof zur grösten Ehre gereicht H 34f. nicht nur … sondern auch] aus sowol … als H K 186 , 7 Landeshauptman] W. K 15 wie ein ehrlicher] als ein rechtschaffener K Teufel] böse Feind K 25 Heute wird derselbe] Dieser wird heute nachmittags K 29 Vorstadt] aus Altenstadt H 30 grosser] alter K 31 frommen] davor woldenkenden K 187 , 1 Am heiligen Abende] Gestern K 8 unsere] die schlechten K 9 vorgestern] in der vorigen Nacht K 10 führten] an den Händen geführet K 16 als] für K 17 glüklich ins Licht] völlig ins Klare K 26 woldenkende und wolredende] einsichtvolle K 31 schlimste] erschreklichste K 188,9f. mit Gewalt] verb. in wider ihren Willen K 12 ist] hat K 14 und] und ist K 17 besten Rechtsgelehrer H, grösten Rechtsge lehrten K
Aus den Varianten zu 187,1 und 9 ergibt sich, daß K auf den 1. Weih nachtstag fällt, H einen Tag später; trotzdem ist K wahrscheinlich Kopie, H also wohl eine zweite Fassung. Vgl. das „Höfer Vierzehntags-Blatt“ II. Abt., III, 65—75. 185 , 3 f. Wahrscheinlich der Hofer Superintendent Weiß, vgl. 173,4f. 8–13 Vgl. II. Abt., III, 295,11–18. 16 Brückner: vgl. 145,4†. 22 Das Kirchenjahr hatte am 11. Nov. 1785 begonnen. 34 Als Atheist war Richter in Hof verschrieen, seit er auf dem Gymnasium ein mal das Dogma von der Göttlichkeit Christi bekämpft hatte (Wahrheit 3,46ff.); vgl. Nr. 197. 186,7f. Der Landeshauptmann von Weiters hausen hatte 1783 das Höfer Intelligenzblatt begründet. 14 Amtsburger meister Barnickel: vgl. 44,11†. Es gab in Hof vier Bürgermeister, die alle vier Monate abwechselten. Auf Barnickel war auch Hermann schlecht zu sprechen, s. Schreinert S. 51; er war Modell für den betrügerischen Heimlicher von Blaise im Siebenkäs . 187,11 drei Damen: vgl. 207 , 7 . 188 ,7–10 Vgl. I. Abt., VI, 229,24–26. 11f. Amtslosigkeit: vgl. I. Abt., I, 320, 11–13 .

Erwähnungen im Kommentar:

Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

133. An die Brüder Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 184-188 (Brieftext); 469 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Albrecht, Christian und Christoph Otto. Hof, 26. Dezember 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_133 >


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