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[ Hof, 28. Dez. 1785 ]
190,10
Den Vorwurf der übertriebnen Empfindlichkeit kan ich nicht besser
widerlegen als daß ich über ihn und Ihren Brief nicht böse werde. Ich
vergebe Ihnen alles, weil ich gewis weis, daß Sie unendlich besser
sind als Ihr Brief. — Aber lieber Himmel! ich bitte dich, leite künftig
meine Feder, daß sie die Metaphern sehr flieht. Wenigstens in Briefen 190,15
[?] und in gewissen Briefen gehet dan alles weit besser. — Die mis
verstandene Metapher entzweiet uns.... Es wäre Undankbarkeit,
wenn man diese Freigebigkeit mit einer Klage darüber vergelten
wolte.... Lieber Got, ich sol an Sie schreiben, nicht wenn die Ver
nunft, sondern wenn die Etiquette es begehret: Sie wolten den Anfang 190,20
nicht machen, ungeachtet Sie Stof zum Briefe hatten, blos weil Sie
nicht von mir weggereiset sind; aber ich sol den Anfang machen,
ungeachtet ich nichts zu schreiben habe, blos weil ich von Ihnen gieng.
Wenn haben meine Handlungen Sie iemals zu dem Verdachte be
rechtigt, daß ich nach der Etiquette — den symbolischen Büchern derer, 190,25
die nach fremden Fäden springen und nach der Pfeife des Marionet
spielers tanzen — handeln würde?... Wo ist der Freund, der mich in
sein Haus einlud? der vol Liebe gegen mich war? der einmal weinte, da
ich von ihm nach Leipzig reiste? Ach er ist von einem Manne ver-
dränget worden, der gegen mich sich nicht bitter genug auszudrükken 190,30
vermag und der sogar im Obigen [?] so zu mir saget: „wenn ich etwan
noch einige bittere Ausdrükke gegen dich vergessen habe: so thue mir
den Gefallen und ergänze sie selbst; ich wil hoffen, daß du als einer, der
sich in dem Verhöhnen nicht wenig übt, schon so viele Stachelreden
zu meinen hinzuzufügen verstehst, daß es dich etwan stark genug ver190,35

wundet.“ Zorn! der du meinen guten Freund so sehr misleiten kanst; 191,1
ich kan dich nicht mehr leiden und du darfst nicht hoffen, mich gleichfals
zu bethören und mir gegen ihn die Hand zu führen. — Darum wollen
wir einander alles vergeben und wenn ich Ihren Brief vergebe, so
thu’ ichs nicht umsonst: denn Sie haben mir auch etwas zu vergeben 191,5
etc.... Hat sich Ihre Abneigung gegen mich auch Ihren lieben An-
gehörigen mitgetheilt: so verschaffen Sie mir die alte Liebe wieder und
lassen Sie den, der so lange in Ihrer Familie [?] der Isaak war, nicht
länger den gehasten Ismael sein.

K (nach Nr. 133): An Akt. Vogel den 28 Dez. i: Wahrheit 4,30. B: IV. Abt., I, Nr. 47.
Vogel hatte Richters Bemerkung vom „Maifrost“ (184,1) übelgenommen und auf Richters Vorwurf, daß er nicht geschrieben habe, erwidert, es sei doch Sache des Wegreisenden, damit den Anfang zu machen. Im Postskript seines Briefs hieß es: „Sollte ich über das Kapitel des Karmeliters [vgl. 183,27] und des Maifrost die Sprache nicht recht getroffen haben, so sagen Sie sich alles dieses besser. Denn Sie, als ein Satirenschreiber, … müssen dies kräftiger machen können.“ 190,28f. Vgl. 8,33. 191,1f. Zorn: vgl. 173,26ff.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

135. An Aktuar Vogel in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 190-191 (Brieftext); 470 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Wilhelm Vogel. Hof, 28. Dezember 1785. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_135 >


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