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Wolgeborner, 200,7
Hochzuverehrender Herr Professor,

Inzwischen würd’ ich, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, es auch
sehr wol überlegen, ob ich es am Ende verdienet, einer geworden zu 200,10
sein. Denn da alle Wesen aus Vorzügen und Mängeln bestehen; so
begehret man von einem Professor am ersten, daß er beide an sich zu
vereinen wisse und nicht ganz entblösset von den besten Fehlern eines
Gelehrten sei z. B. von leerer Wortkentnis, Kriechungsgeist etc.: man
hat aber viele Ursache zu besorgen, daß Ihnen diese leztern völlig 200,15
mangeln. Sind Sie überdies ganz gewis, daß Sie Ihren neuen Posten
nicht vielleicht einem Manne weggenommen haben, der gänzlich
dazu ungeschikt gewesen wäre? Ich wil es nicht wünschen; denn in
diesem Falle würde er wirklich diesem gehöret haben, weil es hierin
bei einzelnen Personen gar nicht anders als bei ganzen Völkern ist, 200,20
wo nach Lessing das ungebildete Judenvolk die Bildung der übrigen
Völker zu besorgen hatte. — Dazu sind Sie iezt auf einmal wirklich im
Himmel, welches in vielen Rüksichten äusserst gut sein mag. Denn in
was sezen die grösten und längsten Philosophen den Himmel anders
als in einer [!] Vermehrung der alten Tugenden mit neuen und was ist200,25
die Belohnung eines guten Herzens anders als die Verbesserung
desselben? Sie dürften es mithin schwerlich läugnen, daß Sie mit
einem neuen Himmel belohnet worden, da Sie in der That iezt so
vielen Unterricht ertheilen können, welches die katholischen Lehrer
unter die Tugenden und die 7. Werke der Barmherzigkeit zu zählen 200,30
pflegen.

Doch ich lasse den Voitüre; und wünsche Ihnen aufrichtig, ohne
Dekorazion und Zierbuchstaben, zu Ihrer neuen Stelle Glük, so wie
denen, deren Lehrer Sie geworden. Wer wirklich Gutes zu thun sucht,
den mus es mehr freuen, an einem Orte zu sein, wo er das Licht 200,35

erschaffen mus, als an einem, wo er es nur sehr vermehren 201,1
könte. Ich gäbe aber verschiedenes darum, wenn nicht mit iedem Ver
gnügen die Nachgeburt eines Misvergnügens verknüpfet wäre: was
hilft es z. B. Ihnen, daß Sie das Vergnügen erlanget, ein Professor
geworden zu sein? Der Nachtheil komt leider bald genug hinterdrein, 201,5
indem ich nämlich wirklich eine Bitte an Sie thue. Hier send’ ich
Ihnen Satiren, die noch im Stande der Natur sind, weil ich mich, so
lange ich noch keinen Verleger habe, ans Poliren derselben nicht
bringen kan. Daß Sie ihnen einen zuführten, da es in Prag doch
wol leichter ist, wäre meine zwote Bitte; und meine erste, daß Sie 201,10
selbige zu beurtheilen würdigten. Kein Verleger, das bin ich über
zeugt, nimt sie auf das Wort seines eignen Geschmakkes an, weil diese
Leute insgesamt nur für die possenhafte Kranzische Satire stimmen;
aber vielleicht thut es einer doch, wenn er sieht, daß sein Geschmak dem
Ihrigen widerspricht. 201,15

Meine dritte Bitte ist, daß Sie mir, sobald als es Ihre vermehrten
Geschäfte verstatten, zu schreiben die Güte haben; und meine lezte,
daß Sie mir sie alle verzeihen. Leben Sie wol und glauben Sie stets,
daß ich immer mit der grösten Hochachtung bin

Euer Wolgeboren 201,20
gehors. Diener

Hof im Voigtlande den 7 März 1786.
J. P. F. Richter



N. S. Was macht meine Satire über die menschlichen Tugenden?
Verte.


Nachnachschrift: eben da ich das Paket auf die Post schikke: hör’ ich, 201,25
daß man hier nach Prag nur das Drittheil frankiren kan. Ich wil Sie
also blos mit diesem Briefe geplaget haben und ich hoffe, daß Sie
meine zwote Bitte vielleicht ohne das Paket befriedigen können.

H: Kat. 706 Stargardt (13./14. März 2018), Nr. 155 . K (nach Nr. 150): An Meißner 7 [aus 8] März. i: Wahrheit 4,58. J 1: Ost und West, 1840, Nr. 1×. J 2: Alfred Meißner, Rococo-Bilder, Gumbinnen 1871, S. 69× (falsch datiert 7. Febr. 1787). A: EB 39. K weist viele kleine Varianten auf. 200 , 10 sehr] aus ser H 12 begehret] fodert K beides K 18 wünschen] hoffen K 19 gehöret] gebühret K 27 dürften es] können K 201 , 1 erschaffen] davor gestr. her vor H 17 lezte] vierte K
Meißner war im Herbst 1785 von Dresden nach Prag berufen worden als Professor der Ästhetik und der klassischen Literatur. 200,21f. Lessing: in der „Erziehung des Menschengeschlechtes“ (1780); vgl. I. Abt., IV, 94,3–5, XII, 76,1f.

Textgrundlage:

154. An A. G. Meißner in Prag. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 200-201 (Brieftext); 473-474 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An August Gottlieb Meißner. Hof, 7. März 1786. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_154 >


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