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[ Leipzig, 9. Jan. 1782 ]
34,20
Ich schrieb Ihnen zeither nicht, weil ich Sie bald in Leipzig zu
sprechen glaubte; iezt [schreib’] ich, weil ich das Leztere nicht mer
hoffen kan. Ihr Entschlus, ein Apoteker zu werden, hat alle Ihre
Freunde in Verwunderung gesezt; alle begreifen die Ursache Ihrer
iäligen Veränderung nicht, und alle schreiben, um Ihnen das zu sagen, 34,25
was ich Ihnen iezt sagen wil. Weder die Schwierigkeiten, die Sie in
Ihrem Studium zu überwinden haben, noch die Bequemlichkeiten,
die aus Ihrer neuen Lebensart entspringen, scheinen mir gros genug
zu sein, Ihren Entschlus zu rechtfertigen. Sie erblikken von Ihrer
vorigen Lebensart nur die Ihnen bekante Seite, und diese ist freilich 34,30
nicht die angenemste — Sie sehen aber auch in Ihrem iezzigen nur
dieienige Seite, die bei weitem nicht die gewönlichste ist, und die Sie
überrascht, allein eben darum auch betrügt. Stellen Sie Sich Ihren
künftigen Zustand vor; allein weren Sie Ihrer Einbild[ungskraft], ihm
Reize beizulegen, die nicht die seinigen sind, und die selten, oft blos 35,1
durch das Ungefär, an ihm wirklich werden. — Sie verlieren Ihre
Freiheit, die Sie noch nicht schäzzen können, weil Sie sie noch nicht
vermist haben und deren Vortref[lichkeit] Sie erst ihr Verlust leren
wird. Die Freiheit ist überhaupt, wie vieles andre, ein Gut, dessen 35,5
Dasein weniger Vergnügen bringt als seine Abwesenheit Schmerzen. —
Ich weis nicht, ob Sie an Handarbeit gewönt sind; aber das weis
[ich], daß sie Ihnen beschwerlich sein wird, sobald Sie sie aus Zwang
tun müssen und sobald sie durch die öftere Wiederholung Ekkel, Ein
förmigkeit und Ermüdung verursacht. — Haben Sie bedacht, was Sie35,10
waren, und was Sie werden wolten? Ein Sprung von einem Studen
ten zum — herab? Würd’ ich Sie nicht beleidigen, wenn ich auch nur
den Namen dieser Sache hersezte? Ich mache mich soviel als möglich
vom Einflusse der Urteile andrer unabhängig; allein so viel könt’ ich
nicht ertragen, was Sie ertragen wollen, und was Sie, wenn Sie 35,15
studirten, bei der unvolk[ommensten] Veränderung Ihres Glüks nie
zu ertragen würden nötig haben. Ihre Freunde können sich die Behand
lung, die Sie iezt von andern erwarten müssen, one Widerwillen [?]
kaum denken; und Sie, Sie wollen sie leiden? — Sie müsten mer oder
weniger Herman sein, um sie one — Reue und Widerwillen [?] zu 35,20
leiden. — Daß Ihre iezzige Lebensart für die Gesundheit gar nicht
vorteilhaft ist, daß das immerwärende Einziehen schärf[ster] und
schädlicher Dünste und der Reiz feiner und schärf[ster] Pulverteilgen,
der Lunge nicht zuträglich sein kan, und daß die Zubereitung der Gifte
oft eben so schädlich ist als ihr Gebrauch — dies mag ich kaum er35,25
wänen. Aber daß Sie zuviele Jare haben, um lange Zeit blos die
Arbeiten zu tun, die blos für ein geringes Alter gehören — daß Sie
auch als Geselle noch tausend Beschwerlichkeiten ausgesezt sind, und
daß Sie es immer bleiben, bis Sie eine Apoteke bekommen, die so
selten als teuer ist; daß die chemischen Versuche des H. Fischer, die Sie 35,30
so unwiderstehlich hinreissen, nicht unausgesezt fortdauern werden,
und daß dies Studium selbst mit der Zeit von Ihnen mit mer An
strengung [?], Volkommenheit [?] etc. würde können getrieben werden,
wenn Sie Medizin studirten — dies bedenken Sie; vielleicht finden
[Sie mer], als ich Ihnen sagen kan, um Ihren Entschlus wankend zu 35,35
machen; vielleicht sehen Sie die schlechte Seite Ihres angefangenen
Lebens in demselben Lichte wie vorhin ihre gute; und vielleicht lernen
Sie die Übel fliehen, eh’ es zu spät ist, sie zu kennen. Und was opfern 36,1
Sie diesen Beschwerlichkeiten [?] auf? nicht viel weniger [?] als Ihr
Glük. Sie verlieren [für Dinge], die für Sie die Reize haben, die sie
blos für fähige Köpfe haben — die Zeit und die Zeit, die Sie ihnen
gewidmet haben, ist verloren, und Sie werden iezt durch unbedeutende 36,5
Dinge beschäftigt, um wichtige zu vergessen — Ihr Verstand, der
sonst von selbst der Warheit sogar bis in ihre geheim[sten] Winkel
nachfolgt, mus ruhen, damit Ihr Gedächtnis die Zeichen zum Zu
sammen[sezzen] der Rezepte behalte, und das Selbstdenken geschieht
immer seltner, ie seltner Gelegenheit und Anreiz [?] sich dazu 36,10
findet. — Das Vergnügen, das aus der Entdekkung und Betrachtung
der Warheit quilt, vertauschen Sie mit dem, nach vielen, umsonst an
gestelten chemischen Prozessen endlich ein besonderes Phänomen
bemerkt zu haben, Ihre guten und vortreflichen Talente schlummern,
um die kleinen und gewönlichen zu beschäftigen, und alle die Ere, die 36,15
[Sie] sich durch Ihre Gaben verschaffen könten, erlangen Sie gar
nicht, oder sparsam, oder dan, wenn Ihnen der Genus mer gekostet
hat als er wert ist — Sie verlassen Ihre Freunde, um [denen,] die
Ihnen befelen, zu gehorchen, und für die süssen Bande der Freund
schaft wälen Sie das Joch eines Hern — Aus dem Zirkel von kleinen 36,20
Ergöz[zungen] fliehen Sie in eine Apoteke, wo Sie nichts ergözzen
kan als die traurige Erinnerung der vorigen Freuden, der vorigen
Zusammenkünfte — — Sol ich mer sagen? Allein vielleicht mal’ ich
Ihnen einen Zustand mit schönen Farben ab, den Sie verlassen müssen,
weil Sie das sind, was gemei[niglich] die sind, die es zu sein amwenig36,25
sten verdienen — arm. Allein dies ist das geringste Übel, das ich bei
dem kenne, der Kopf hat. Bevölkern Sie nur nicht, durch eine ein
seitige Erfarung verfürt, die Welt mit lauter Kaufmansselen und ver
r[ingern] Sie nicht in Ihrer Einb[ildung] die Anzal der B[eförderer]
der Wissenschaften [?] so ser, als klein Sie sie in den Ihnen bekanten 36,30
Orten gefunden haben — und machen Sie nicht aus iedem Plaz in
der Welt ein — Hof. Durch Informiren kommen Sie fort, welches die
grosse Anzal der armen Studenten hier ernärt. Ihr schönes Gesicht
dient Ihnen stat eines schönen Kleids zur besten Empfelung und Ihre
Sitten und Wissenschaften [?] erhöhen die Belonung, die Ihr Ver36,35
stand und [Ihre] Arbeiten empfangen. Sie werden Sich die Liebe
der Professoren erwerben; Sie werden durch ein T[estimonium]
P[aupertatis] alle Kollegien frei bekommen, und in kurzer Zeit 37,1
werden Sie das Glük geniessen, das Sie verdienen, das Sie iezt
fliehen, das Ihnen Ihre Freunde wünschen. Und verdient nicht das Glük,
das Sie nicht zu erlangen hoffen, die Arbeiten und die Beschwerlich
keiten, die Sie iezt einem kleinen und ungewissen aufopfern? 37,5

Ich schliesse. Können meine Gründe die Stärke Ihres Vorsazzes
nicht schwächen; so können sie doch einen kleinen Beweis meiner Liebe
gegen Sie abgeben, die ich sonst nie an den Tag legen konte, die ich
aber wünsche durch deutl[ichere] Proben darzutun. Antworten Sie mir
wieder, wenn Sie Zeit und Lust haben, und sein Sie das gegen mich, 37,10
was gegen Sie nie aufgehört hat zu sein etc.

K 1 (Konzept, wahrsch. noch 1781): X. An Herman. * K 2: X. An H. den 9 [aus 4] Jenner. A: IV. Abt., I, Nr. 5. 34,23f. alle Ihre Freunde] alle, die Ihre Freund [schaft] haben, oder sie erwarten K 1 26 Ihnen iezt] Ihnen, wenn Sie’s erlauben, auch K 1 29ff. von hier ab weicht K 1 so stark ab, daß es ganz mitgeteilt sei: „(Sie bilden sich die Welt vol Wucherern ein, die nie helfen, [gestr. nie lieben] als ums Geld; Sie glauben überal, sowenig Beförderer und Freunde der Wissenschaften und der guten Köpfe zu finden, als Sie sie in den bekanten Orten gefunden — ieden Ort in der Welt machen Sie zu einem Hof.) Sie sind das, was die gemeiniglich sind, die es zu sein nicht verdienen, — arm. Allein wieviel können Sie nicht auf Ihrer Seite tun, um diese Hindernisse zu schwächen; und was nicht andre, um sie hinwegzu[räumen]? Sie können informiren; und Sie sollen, da Sie lange informirt haben, gut informiren. Dieses hilft iedem in Leipzig (denn hieher wolten Sie ia gehen), viele hundert Studenten ernären sich blos davon, und die Informazionen sind nicht selten, weil immer viele abgehen, sie sind auch nicht schwer zu bekommen, wenn man sich durch Sitten und durch Wissen[schaften] empfielt. Beides haben Sie vor andern; und Sie haben noch das, was gewönlich [?] hier Eindruk macht, Sie haben anstat eines schönen Kleides — ein schönes Gesicht. Wenn Sie Empfelungen bekommen können; so ist Ihr Glük hier onehin gemacht. — Die Kollegien bekommen Sie durch ein testimonium frei; eine kleine Stube kostet 8, 10 rtl., und wenn Sie das Konvikt haben, so können Sie mit 50 bis 60 rtl. iärlich auskommen. Die Professoren schäzzen die guten Köpfe, weil sie selten sind — daß sie Sie schäzzen, daß Sie ihre Freundschaft, ihre Hülfe erlangen werden, sol [aus darf] ich es Ihnen erst sagen? — Sind diese Aussichten nicht gut genug? sind die Beschwerlichkeiten, die Sie ia noch für.. übernemen müssen, denen gleich, die Sie iezt on’ allen Nuzzen, on’ alle Aussicht auf Zukunft übernemen müssen? Stellen Sie sich Ihre Lage in der neuen Lebensart vor, davon Sie iezt nur die angeneme, und seltne Seite sehen. (Sie müssen w[enigstens] 4 Jar [warten] bis Sie ausgelernt [haben] werden. Da ist schon ein be[deutender] Teil Ihres Lebens verflogen; und Sie sind noch nichts als ein Gesel. Wie lange müssen Sie es bleiben?) Stellen [Sie] Sich die mühsame Handarbeit vor, die Sie noch ungewont sind, und die Ihnen am meisten beschwerlich werden wird, weil sie aus Zwang geschieht; der Einflus [gestr. der Präparate] auf die Gesundheit, die reizenden Teile, die Sie durch die Nase in die Lunge ziehen, die Gifte; das Ewige [!] Einerlei, wenn oft dieselbe Arbeit viele Tage lang mus wiederholt werden, — der Zwang und der Verlust Ihrer Freiheit, die Sie [gestr. iezt] nicht eher schäzzen können, als bis [Sie] sie vermissen, und deren Dasein weniger Vergnügen bringt als ihr Verlust Schmerzen — (Nach etlichen Jaren werden Sie bedauern Ihren Entschlus ge ändert zu haben —) Ich weis es nicht, ob Sie gegen iede Art.. gleichgültig sind; aber das weis ich, daß Sie mit der iezzigen nicht zufrieden sein können. Das was Sie werden wollen, ist zu weit von dem entfernt, was Sie waren — der Sprung von einem Studenten zum — ich mag’s nicht schreiben. — Ich kenne Sie wenig; aber so viel kenne ich von Ihnen, daß ich weis, daß Ihre Talente eine bessere Ausbildung verdienen, als die, die Sie ihnen iezt zu geben gesonnen sind, daß das iezzige Studium viele Kräfte in Ihnen unge[nuzt] läst, viele unterdrükt, und keine zu der Volkommenheit und Reife [bringt], die sie alle verdienen. Es giebt wenige die denken; allein daß diese wenigen oft die Lebensart ergreifen, wo es alzeit weniger zu denken als zu sehen giebt — Vergeben Sie mir den Anschein einer Schmeichelei; ich müste Ihnen viel Gutes sagen, eh’ ich das sagte, was Sie nicht haben.
Über Johann Bernhard Hermann (1761—90), Richters zweiten Jugendfreund, s. Fikenscher, Weißmann Nr. 4063 und F. J. Schneiders Aufsatz „Jean Paul und Bernhard Hermann, das Urbild seiner humori stischen Charaktere“ in der Zeitschrift „Deutsche Arbeit“, Dez. 1905. Seine im Nachlaß Jean Pauls erhaltenen, zum Teil sehr langen Briefe — 20 an Jean Paul, 27 an Albrecht Otto, 6 an andere — hat Kurt Schreinert mit ausführlicher Einleitung und Erläuterungen veröffentlicht (Tartu 1933). Die Originale von Jean Pauls Briefen an Hermann sind restlos verloren. — Als Sohn eines armen Zeugmachers am 18. (nicht 19.) Febr. 1761 in Hof geboren, hatte Hermann das dortige Gymnasium besucht, wo Richter ihn kennenlernte, und es am 10. Okt. 1781, also ein Jahr später als Jean Paul, zugleich mit den beiden älteren Brüdern Otto verlassen. Während jene die Universität Leipzig bezogen, half er sich zunächst in Hof mit Informationen fort und trat gegen Ende des Jahres unter vorläufiger Aufgabe seiner Ab sicht, Theologie oder Medizin zu studieren, als Lehrling in die Apotheke von Fischer in Hof ein. Ein Jahr später kam er aber dann doch als stud. med. nach Leipzig. 35,12 Hermann nennt in seiner Antwort das ominöse Wort: Apothekersjunge. 21–26 Hermann war also damals schon lungen leidend. 36,32ff. Informieren: der auffallende Widerspruch zu Richters eigner Erfahrung (vgl. 7,1ff., 15,26ff., 47,15, 49,26f.) erklärt sich z.T. dar aus, daß er den hochbegabten Hermann durchaus von seinem Entschluß abbringen zu sollen glaubte; vielleicht waren aber auch die Verhältnisse in Leipzig wirklich nicht so ungünstig, und Richter bekam nur deshalb keine Informationen, weil er von vorn herein entschlossen war, nur durch Schriftstellerei seinen Weg zu machen.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

19. An Johann Bernhard Hermann in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 34-37 (Brieftext); 427-429 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Bernhard Hermann. Leipzig, 9. Januar 1782. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_19 >


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