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Töpen den 15 März 87.
224,6
Lieber Herr Pfarrer,

Ich mag noch so sehr mit Ihnen im Stilschweigen um die Wette
streiten, so werd’ ich doch von Ihnen überholet. Und diesen Vorrang
gönn’ ich Ihnen weniger als ieden andern.224,10

Wahrscheinlich haben Sie — sonst hätten Sie mir es geschrieben —
die Rezension Ihrer Raffin[erien] in der Litteraturzeitung noch nicht
gelesen: auch ich nicht, aber gehört hab’ ich, daß sie ihren Tadel, dem
kein Buch entläuft, doch durch ein grösseres Lob rechtfertigte, das sie
vorzüglich den Aufsäzen des zweiten Theiles zuwog. Mich sucht der 224,15
Rezensent einigemale beim Barte anzufassen und dadurch meinen
unfrisirten Kopf zu erschüttern: allein Sie wissen recht wol, daß ich
wie die Griechen eben darum keinen Bart trage, um daran nicht vom
Feinde gepakt zu werden.

Ich sende Ihnen hier ausser einem Bücherverzeichnis, das ich mir 224,20
von Ihnen nebst den herausgezeichneten Büchern um es weiter zu
geben, heute zurükerbitte, auch Ihre eignen nach Hause. Ich hoffe,
nach und nach in der Jurisprudenz, (zumal da ich iezt neben einem
ganzen Repositorium iuristischer Bücher size) so weit zu kommen, daß
ich beweisen kan, ich habe von Ihnen so oft Bücher erhalten, daß es 224,25
offenbar ein Recht und keine Gefälligkeit sein könne und daß eine
servitus librorum mittendorum mit Grunde zu vermuthen stehe.
Ich bitte Sie um folgende:

1. English Miscellanies.
2. Derhams Physikotheologie. 224,30
3. Einen Band von der neuern griechischen Geschichte aus dem
Französischen — oder wenn Sie’s nicht zu Hause haben, den
1 Band von Plato.
4. Niemeiers Karakteristik; den Theil worin Jesus Leben ist oder
irgend einen; nicht so wol für mich als — wenn Sie ihn sich 224,35
verbindlich machen wollen — für den Kammerrath Oertel.

Vielleicht seh’ ich Sie zu Ostern und ich freue mich auf die neuen 225,1
Sachen, die Sie mir wie Christus seinen Jüngern werden mitzutheilen
haben: wir werden in einem heterodoxen Sinne mit einander dan das
Fest der süssen Brodte feiern.
Mich fragt ieder, ob Sie nicht fortraffiniren werden? Allein da ein 225,5
Prediger, der gegen seine Mitkollegen schreibt, ausser dem Lohne der
Wahrheit doch auch die Strafe seines Widerspruchs erfährt, so wie
ieder der dem persischen Könige (nach dem Aelian) einen guten Rath
ertheilte, eine Belohnung in Golde aber auch eine Strafe mit der
Geisel empfieng, weil er dem Könige zu widersprechen sich erdreistete: 225,10
so werden Sie nirgends mehr raffiniren wollen als in Ihrem Kopfe.
Gleichwol solte die A. Litt. Rezension Sie wieder anködern.
Leben Sie so wol als einer kan, den durch Bitten um Bücher und
hole Briefe und Drohungen des Besuchs niemand mehr plaget als Ihr

gehorsamster Diener 225,15
J. P. F. Richter

[Adr.] A Monsieur Monsieur Vogel qui commença par changer
l’orthodoxie en fragments et finit par changer ceux de Wolffen-
buttel en orthodoxie, à Rehau.

H: Brit. Museum. 3 S. 4°; Adresse auf der 4. S. J 1: Wahrheit 4,175. J 2: Nachlaß 3,259. A: IV. Abt., I, Nr. 67. 224,26 offenbar] aus wol 31 neuern] vielleicht verb. in neuesten 225,8 ieder] aus einer 18 ceux] aus celles
224,12 Rezension der Raffinerien: Jenaische Allg. Literaturzeitung, 15. Jan. 1787, Nr. 13; darin wird Richters „launicht sein sollender Aufsatz“ über die geistliche Tracht getadelt. 24 Die juristischen Bücher hatten wohl dem verst. Oerthel gehört. 30 W. Derham, „Physiko-Theologie, oder Naturleitungen zu Gott“, aus dem Engl., Dresden 1764. 31f. Wahr scheinlich die „Neue Welt- und Menschengeschichte“, aus dem Franz., Münster u. Leipzig 1781ff., deren 6.—9. Band (1785—87) die Geschichte der Griechen enthält; vgl. 226,29. 33 Plato: vgl. 139,21†. 34 Aug. Herm. Niemeyer, „Charakteristik der Bibel“, 5 Teile, Halle 1775—82. (Nach A besaß Vogel das Werk nicht.) 225,5 Ein dritter Band der „Raffinerien“ ist nicht erschienen. 8 Exzerpte aus Aelian im 11. Band von 1787.

Textgrundlage:

192. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 224-225 (Brieftext); 482 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Töpen bei Hof, 15. März 1787. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_192 >


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