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[ Töpen, 3. Sept. 1787 ]
227,12
pp.

Ich hatte bisher bessere Dinge zu thun als daß ich schlechte zu
widerlegen Zeit gehabt: blos dies verschob meine Antwort auf Ihre227,15
neulichen Beleidigungen auf dem Wege. Auch der Ehre des H.
Kammerraths bin ichs schuldig, einen Vorwurf abzuweisen, der ihn
am Ende auch antastet: denn bin ich ein Lehrer des Selbstmords und
Atheismus, was ist denn ein Vater, der einen solchen Lehrer zum
Lehrer seines Kindes macht? Aber ich frage vielmehr, was ist ein 227,20
Man, der diesen giftigen Vorwurf ohne Beweise einem Neben
menschen zu machen vermag, der ihn nie beleidigte? Ich weis recht
wol, Sie werden Ihre damalige Feld- und Kontroverspredigt gänz
lich auf die Wirkung schieben wollen, welche die Sonnenhize gerade
auf Ihren Kopf gemacht: allein ich rede hier von Ihrem Herzen, das 227,25
in eine noch schlimmere Hize gerieth. Ahmten Sie damit den sanften
liebevollen Geist des Stifters unserer Religion etwan nach, der nie
auf Meinungen sondern auf Thaten drang, der (so wie sein bester
Jünger) nicht irgend eine Kernlehre sondern Liebe zum Lebensgeist
und zur Wurzel des Christenthumes machte und der nicht die geradern 227,30
Freigeister in Jerusalem (die Sadduzäer) sondern die heuchelnden
Orthodoxen (Pharisäer) verdamte? Und wo hab’ ich überhaupt Ihnen
mein Glaubensbekentnis abgeleget, daß Sie es so genau zu kennen
vermöchten, um die almächtige Rolle eines Grosinquisitors in
Töpen spielen zu wollen? Oder schliessen Sie auf meinen Glauben aus 227,35

meinem Lebenswandel, der auf die guten Werke, die der rechtschaffene 228,1
Ambtsdorf für Hindernisse der Seeligkeit ansieht, einen zu grossen
Werth zu legen scheint? Ja, wenn einer wie Sokrates lebte, dan
erst hätten Sie Recht, ihn für keinen Christen sondern für einen Heiden
zu erklären. Sie können zwar vorschüzen, „man brauche eine Sache 228,5
„wahrhaftig nicht eben zu verstehen um sie zu beurtheilen und Sie
„wären recht gut im Stande (und thäten’s die Wahrheit zu sagen
„stets), Voltairen einen Atheisten zu schelten, ungeachtet Sie keinen
„Buchstaben noch von ihm gesehen und ungeachtet er vielmehr einen
„Atheisten, den Verf. des Buchs Systeme de la nature vortreflich 228,10
„widerleget“; Sie können ferner sagen, es sei einmal Ihre Art so,
widerstreitende Dinge zu gebären und z. B. zu sagen „einer könne
„doch ein Atheist sein, wenn er auch einen Got glaube“: allein dieses
Recht, dieses jus stolae kömt Ihnen nicht auf der Landstrasse zu,
sondern kaum auf der Kanzel. Sie führten neulich den Spinoza zum 228,15
Beweise, daß man einen Got glauben und läugnen könne, ge
schikterweise an: allein meinten Sie seine Theorie, so kan doch nur
eines von beiden wahr sein; meinten Sie seinen Karakter (wovon wir
aber gar nicht sprachen, weil Geistliche Sünden, die sie vergeben
können, minder hassen als Irlehren, für die sie keine absolvirende 228,20
Hände anhaben), so ist Ihnen unbekant, daß er ein guter mässiger
Man gewesen, der gewis nur den menschlichen Fehler hatte, daß er
kein Bier trank. — Freigeister, Philosophen, Heterodox[e], Natura-
listen und Atheisten schnüren Sie in Einen Begrif zusammen wie die
Türken Engländer, Holländer und ieden Europäer Franken nennen. 228,25
Daher trauen Sie iedem, dessen Seele nicht in einer totalen Sonnen
finsternis der Wahrheit leben wil, Vertheidigung des Selbstmords zu,
obgleich dessen Verwerflichkeit schon Plato ohne Kentnis des Christen-
thums und Rousseau ohne Gebrauch desselben bewiesen. Ja der
Atheist mus, um konsequent zu sein, sich gegen die Selbstentleibung 228,30
noch weit stärker als der Christ erklären. Dies beweisen die Bauern,
die insgesamt als bekante Christen herumgehen und die dennoch den
Selbstmord für gestattet halten, wenn man Sallat und Milch zu
sammenfrisset. Dadurch „schlipt“ offenbar (wie Sie auch selber auf
der Kanzel in Ermangelung eines hebräischen Ausdruks sagten) die 228,35
Milch im geplagten Magen (und das um so mehr, da die Milch auch
schon ohne Essig im Magen gerönne) und der Mensch bringt sich
damit, er mag noch so starker Natur sein, in 80, 90 Jahren muth229,1
willig ums Leben, wie Sie denn selber oft Bauern begraben haben
müssen, die wenn sie bis in ihr spätes Alter geschlipte Milch frassen,
endlich daran Todes verfuhren.

Ich bitte Sie, mich wegen dieses Briefs mit einiger Stärke von 229,5
der Kanzel zu werfen und überhaupt die grösten Freigeister, die in
Paris wohnen, hier in Töpen mit [dem] Hammer des Gesezes halb
todt zu schlagen. Den hiesigen Bauern hilft es zwar gar nichts: denn sie
lieben nicht sowol das Freidenken als [das] Freileben; ia vor ihren
Ohren gegen die Freigeisterei, von der nichts in ihrem Kopfe ist als der229,10
Name, lospredigen ist soviel als wenn sich ein Stadtarzt auf die
Heilung der Seekrankheit legen wolte, die auf dem Lande noch seltner
ist als ein Schif von Pappendekkel. Ich wolte überhaupt, ich wäre
irgend wo als Pfarrer ansässig oder hier als Kaplan: ich würde
wahrhaftig iene neuerungssüchtigen Geistlichen (dergleichen gewis der 229,15
rehauer, der schwarzenbacher und ein näherer ist) wenig nachahmen
aber wol verkezern, da sie (wie ich in Erfahrung gebracht) immer und
ewig Moral predigen als ob man tugendhaft sein müste um seelig
zu werden, und da sie wie ich besorge mehr lesen als trinken und keinen
andern Durst haben als nach Kentnissen. Ich würde die heilige 229,20
Stätte zur Freistätte meiner Galle und meines Kopfes machen ((wie
in Nürnberg und Paris die verlierende Parthei in der Gerichtsstube
eine Viertelstunde schimpfen darf)); ich würde darauf beharren, daß
Irthümer und Bier desto besser werden, ie älter sie werden; ich würde
dem Mangel an Kinderlehren so gut wie möglich durch Überflus an 229,25
Privatkommunionen abzuhelfen sorgen; ich würde minder über die
Seelen als Mägen meiner Schafe wachen; ich würde mich für klug
und die mich dazu machen wolten, für dum ansehen; ich würde meinen
Arm so sehr vor mir hinstrekken, bis er halb so lang wäre wie der
weltliche. — 229,30

Ich muste diese Präservazionskur mit Ihnen auf Kosten meiner
Zeit vornehmen, um Ihnen auf künftighin den Vorwurf des Atheismus
abzugewöhnen, auf den ich Sie wie Ihnen ieder Jurist beweisen kan,
iniuriarum verklagen kan. Lassen Sie mich meinen Weg fortziehen,
auf dem ich die Wahrheit untersuche, liebe und vertheidige nicht weil 229,35
sie Akzidenzien zuwirft sondern weils Pflicht ist; lassen Sie mich
glauben, daß diese Welt mehr für die Nachahmung der Gotheit
und Christi und eine künftige erst für ihre genauere Kentnis gemacht 230,1
sei und daß einer, der lieber Christi Gotheit beweiset als seine Lehren
volzieht, einem Bauern gleiche, der den ganzen Tag heraldisch unter
suchte, ob sein Her wol von ächtem Adel wäre, übrigens aber ihm
Liebe und Folgsamkeit völlig abschlüge; und lassen Sie mich endlich 230,5
versichern, daß ich nur Ihre Intoleranz aber weder Sie noch Ihren
Stand hasse, der der verehrungswürdigste und der entehrteste aller
Stände ist ((und den bekleiden und beschimpfen selten zweierlei zu
sein scheint)).

Ich bin natürlicherweise 230,10
Ihr etc.


*K 1: SBB, Nachlass Jean Paul, Fasz. 24. 2\nicefrac {2}{2} S. 4°. K 2: An Pfarrer Morus den 3 Sept. i: Wahr heit 4,90 (aus K 1 und K 2 gemischt). K 2 zeigt zahlreiche kleine Varianten. Die doppelt eingeklammerten Stellen standen wohl nicht im Original. 227 , 20 macht] wählt K 2 21f. Nebenchristen K 2 23 damalige bis 24 welche] damaligen mit der Menschenliebe, Höflichkeit und Vernunft gleich sehr streitenden Reden der Wirkung zuschreiben, die K 2 27 Religion] danach und der Apostel (die folgenden Relativsätze im Plural) K 2 nie] nicht K 2 29 Kernlehre] soge nante Hauptlehre K 2 30 nicht bis 32 (Pharisäer)] keinen wegen Irthümern sondern wegen Lastern K 2 228 , 5 vorschüzen] sagen K 2 8f. keinen Buchstaben] keine Zeile K 2 12 widerstreitende Dinge zu gebären] widersprechende Dinge zu verfechten K 2 17 Theorie] theoretische Behauptung K 2 21 mässiger] danach tug[endhafter] K 2 26 totalen] ewigen K 2 29 Ja bis 34 zusammenfrisset.] Der H. [von Oerthel?] kan Sie mit beiden Büchern aus seiner Bibliothek erleuchten. Indessen gesteh’ ich doch halt’ ich einen Selbstmord aus blossen Vernunftgründen für völlig erlaubt, den nämlich wenn man Sallat und Milch isset. K 2 36 ge plagten] armen K 2 229 , 2 denn bis 4 verfuhren.] an den Bauern sehen können, die blos wegen der geschlipten Milch und wegen des dazu tretenden Alters sterben. K 2 12 noch bis 13 Pappendekkel] so selten wie ein Walfisch ist K 2 20f. heilige Stätte] aus Kanzel K 1 21 Kopfes] Grols K 2 26 sorgen] denken K 2 27 Schaafe K 2 28 ansehen;] danach ich würde die neuen Bücher wie neuge baknes Brod für ungesund ansehen; K 2 29 vor mir hinstrekken] ausstrekken K 2 wie] als K 2 230,3 volstrekt K 2 5 Liebe bis abschlüge] weder Liebe noch Ge horsam gewährte K 2 7 entehrteste] gemisbrauchteste K 2
K 1 ist wahrscheinlich die mit Nr. 199 an Otto gesandte Kopie. Christian Morus (nicht Morg, wie i verliest) war 1774—1812 Pfarrer in Töpen. 228,1f. Der Lutheraner Nikolaus von Amsdorf (1483—1561) bewies in einer 1559 erschienenen Schrift, „daß die Propositio, gute Werke sind zur Seligkeit schädlich, eine rechte wahre christliche Propositio sei“. 9–11 „Système de la nature“, die 1770 in London erschienene, wahrschein lich von Holbach verfaßte Hauptschrift des französischen Materialismus, wurde von Voltaire im „Dictionnaire philosophique“, Artikel „Dieu“, be stritten. 28 Plato: im Phaidon. 29 Rousseau: vgl. Nr. 211†. 31 229 , 4 Auch Rousseau weist im „Emile“ auf die Unschädlichkeit gestockter Milch hin, da ja jede Milch im Magen gerinne; vgl. II. Abt., II, 427,3–11. 229,16 Vogel, Völkel und wahrscheinlich Trogenprediger Müller; vgl. 230,32. 37 Nachahmung der Gottheit: vgl. 226 , 22 .

Textgrundlage:

197. An Pfarrer Chr. Morus in Töpen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 227-230 (Brieftext); 483-484 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Christian Morus. Töpen bei Hof, 3. September 1787. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_197 >


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