Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.




Hocherwürdiger und hochgelerter Herr,
Hochzuvererender Herr Pfarrer!

Ich wag’ es kaum, mich bei Denenselben zu entschuldigen — soviel 37,15
hab’ ich zu entschuldigen! Ihnen nicht nur keine Briefe zu schreiben,
sondern auch keine zu beantworten — Sie in der Ungewisheit über
das Schiksal Ihres Schreibens, in Furcht wegen der Folgen desselben,
und in der warscheinlichen Meinung meiner Unhöflichkeit und Un
dankbarkeit zu lassen — gewis dieses hätten Sie nie von mir erwartet, 37,20
wenn es nicht geschehen wäre; allein dieses hätt’ ich auch nie getan,
wenn ich nicht gemust hätte. Das Folgende meines Briefs wird dieses
deutlicher machen, und das beiliegende Paket wird es beweisen.

Ich hab’ Ihr erstes gütiges Schreiben, das Sie vom 23. September
datirten, zu Anfang des Novembers erhalten. Den 7. Oktober schikt’37,25
ich Ihnen einen Brief mit einem Aukzionskatalog. Vielleicht haben
Sie diesen gar nicht bekommen, so wie ich den Ihrigen spät bekommen
habe. Auch Ihre vortrefliche Anmerkungen hab’ ich erhalten, die mir
eben soviel Vergnügen als Ihnen Sorge gemacht haben. Gewis ich
würd’ es ser bedauert haben, wenn sie nicht in meine Hände gekommen 37,30
wären; aber ich würd’ es noch unendlich mer bedauert haben, wenn
Sie dafür in die Hände der orthodoxen Henker gekommen wären. Ich
hab’ Ihnen nun die Sorge in Rüksicht Ihrer benommen; möcht’ ich
Ihnen doch auch den Verdacht in Rüksicht meiner benemen können!
Ich hatte neulich schon drei Bögen von meiner Antwort auf Ihr 37,35
voriges Schreiben verfertigt — Und doch felte noch die Helfte meiner 38,1
Antwort, noch die Neuigkeiten, die ich gesamlet hatte, noch die Gegen
anmerkungen, mit denen ich Sie belästigen wolte. Aber Geschäfte
häuften sich an Geschäfte, um mir das Vergnügen, an Sie zu schreiben,
zu rauben, und Ihnen die Langweile, mich zu lesen, zu ersparen. Und dies 38,5
waren solche Geschäfte, die meine ordentlichen hinderten. Sie wissen
vielleicht, daß ich arm bin; aber dies wissen Sie vielleicht nicht, daß
man mir meine Armut nicht erleichtert. Man mus vorher einem
Gönner durch Geld zu verstehen geben, daß man Geld brauche; d. h.
man mus nicht arm sein, wenn man reich werden wil. Dieses fält 38,10
bei mir weg; und kein Verteiler fremder Woltaten achtet mich für
bedürftig genug, mir das Fremde zu schenken, weil ich ihm das Meinige
nicht schenken kan. Noch obendrein hat mir Got 4 Füsse versagt, mit
welchen man sich den gnädigen Blik eines Gönners und etliche Bro
samen von seinem Überflus erkriechen kan. Ich kan weder ein falscher 38,15
Schmeichler, noch ein modischer Nar sein, und weder durch die Beweg
lichkeit meiner Zunge noch meines Rükkens Freunde gewinnen.
Sezzen Sie noch hinzu, daß die meisten Professoren, weder Zeit, noch
Gelegenheit, weder den Willen noch das Vermögen zu helfen haben;
daß der Zugang zu ihnen durch die Menge derer, die schmeicheln oder 38,20
betrügen, denen unmöglich gemacht wird, die keines von beiden tun
wollen; daß es Stolz verraten würde, wenn man nach der Gelegenheit
haschen wolte, ihnen eine gute Seite zu zeigen — Denken Sie sich dies
alles zusammen, so wissen Sie meine Lage; aber Sie wissen noch nicht,
wie ich sie verbessere. Es fiel mir einmal ein, so zu denken: „ich wil 38,25
„Bücher schreiben, um Bücher kaufen zu können; ich wil das Publikum
„beleren, (erlauben Sie diesen falschen Ausdruk wegen der Antitese)
„um auf der Akademie lernen zu können; ich wil den Endzwek zum
„Mittel machen und die Pferde hinter den Wagen spannen, um aus
„dem bösen Holwege zu kommen!“ Ich änderte nun die Art meines 38,30
Studirens; ich las wizzige Schriftsteller, den Seneka, den Ovid, den
Pope, den Young, den Swift, den Voltaire, den Rousseau, den
Boileau, und was weis ich alles? — Erasmus encomium moriae
brachte mich auf den Einfal, die Dumheit zu loben. Ich fieng an; ich
verbesserte; ich fand da Hindernisse, wo ich sie nicht suchte, und da keine,38,35
wo ich sie erwartete; und endigte an dem Tage, wo ich Ihren schäzbaren
Brief bekam. Sie werden denken „wunderbar!“ wenn Sie nicht
denken „töricht!“ Hier haben Sie meinen Versuch, den Versuch eines 39,1
neunzeniärigen Menschen. Ein Professor, dem ich dieses Schrif[t]gen
durch eine dritte Person in die Hand spielte, versagte mir nicht ganz
seinen Beifal; aber darf ich auch auf den Ihrigen hoffen? Vielleicht
machen Sie folgende Rezension vom Lobe der Dumheit: „Der Ver39,5
„fasser kan sich ser leicht an die Stelle der Dumheit sezzen — man
„glaubt sie selbst reden zu hören — gewis die Gotheit hat ihn begeistert,
„die er gelobt hat.“ — Verzeihen Sie, daß ich Ihnen so ein durch
strichnes, unleserliches und unkorrigirtes Manuskript geschikt habe.
Ich hatte zu wenig Zeit, es nochmals abzuschreiben. Ich werde Ihnen 39,10
den grösten Dank abstatten, wenn Sie mir, eh’ ich das Manuskript
dem Verleger überlasse, einige Nachricht in Ansehung des Werts
desselben, des Akkords mit dem Verleger, u. s. w. erteilen, und noch mer,
wenn Sie mir die auffallendsten Feler desselben anzeigen. — Doch genug
von der Sache: sonst schreib’ ich einen schlechten Brief über ein 39,15
schlechtes Buch.

Wenn ich zu Ostern das Vergnügen haben werde, Sie zu sprechen:
so werd’ ich Ihnen alles das sagen, was mir weder der Raum noch die
Zeit erlaubt zu schreiben. Ich habe 2 Avertissements beigelegt. Wenn
Sie die neue Gotaische Ausgabe der voltairischen Werke für 30 rtl. 39,20
wünschen, so brauchen Sie nur zu pränumeriren — wenn Sie aber die
prächtige Pariser Ausgabe derselben für ½ rtl. wünschen, so brauchen
Sie nur in die Lotterie zu sezzen. Bis zu Ostern steht die Pränumerazion
auf iene offen. —

Ich hoffe, noch einen Brief von Ihnen vor meiner Abreise zu39,25
erhalten. Der meinige ist schlechter als alle meine schlechten — denn
wirklich schon die zweite oder dritte Zeile ist falsch. Sie werden den
Schlaf, der in meinen Augen ist, durch die Post in die Ihrigen
bekommen. Ich habe Ihnen geschwind geantwortet, und schlecht geant
wortet. Sie werden vor Ungeduld und Langweile nichts mer wünschen, 39,30
als daß ich mich nenne

Ew. Hocherwürden
Leipzig den 8ten März 1782.
gehorsamster Diener J. P. F. Richter




H: Brit. Museum. 3 S. 2°. K (Konzept, am Schluß Kopie): XI. An Vogel, Pf[arrer] in Rehau, den 8 März. 1782. J 1: Wahrheit 3,173 ×. J 2: Nach laß 3,210. B: IV. Abt., I, Nr. 4 und 6. A: IV. Abt., I, Nr. 7. 37 , 15 wag’ es kaum] mag kaum an fangen K 18 wegen] aus über HK 22 Das bis 23 beweisen.] Dieser ganze Brief wird im Grunde nichts als eine Entschuldigung, und das Beiliegende Paquet wird der Beweis von der Warheit derselben sein. K 27 bekommen] aus erhalten K (beidemal) 32 dafür] darüber K 35 neulich] nachtr. H, fehlt K 38 , 1 Und bis 6 hinderten.] Und doch hatt’ ich erst den halben Brief beantwortet, und noch keine Neuigkeiten geschrieben, und keine Gegenanmerkungen gemacht. Sie sehen, ich hatte mir damals [?] vorgenommen, Ihnen Langweile zu machen; allein meine Umstände verboten mir es, und noch dazu solche, die mich von meinen ordentlichen abhielten. K 8 Man bis 13 kan.] — blos weil ich keine reichen Vettern habe. Ich habe kein Stipendium, keinen Freitisch, keine Infor mazion, gar nichts. K 15 Ich bis 22 wollen] Ich kan weder ein Schmeichler des Stolzes [?], noch ein Nar der Mode sein; weder meine Zunge, noch mein Rükken verschaffen mir Freunde. Wer wird mir also in Leipzig seine Beschüzzung [?] und Hülfe erteilen? wer solte mich deren nicht ganz unwürdig halten? — Sezz’ ich hinzu, daß man sich unmöglich durch den Haufen von Schmeichlern und Be trügern, Dum[heit] und Stolz Anbetenden [?] zu einem Professor hindurch drängen kan K 22f. nach der Gelegenheit haschen wolte] Gelegenheit suchte K 23 gute] vorteilhafte K zeigen] danach und daß überhaupt die, die iunge Leute zu befördern versprechen, meistens nur die befördern, die es nicht brauchen K 25 sie verbessere] mich aus ihr herauszuziehen [hoffe] K Es bis denken:] Ich dachte bei mir selber: „Ich wil wizzig werden, um sat zu werden; K 30 Ich bis 31 Studirens] Nun war meine ganze Lebensart verändert K 35 ich1 bis 37 bekam] ich fur fort, es gelang, und eben [?] bin ich fertig K 37 und 39 , 1 denken] sagen K den Versuch] davor aber blos K 2 dem bis 3 spielte] dem ich ihn durch eine zweite Hand lesen lies K 6 man bis 7 hören] niemand als er kan sie so meisterhaft dum reden lassen K 8 so bis 10 abzuschreiben] in der Geschwindigkeit ein so elend geschriebnes [?] Manuskript geschikt habe; ich wolte Ihren Brief sogleich beantworten, und hatte nur noch eines übrig, welches ich dem V[erleger] K 17 Wenn] aus Da H 26 meinige] aus meine davor gestr. iezzige H
Vogel hatte am 4. März geschrieben, er fürchte, sein Brief vom 23. Sep tember, auf den er noch keine Antwort erhalten, sei verloren gegangen, vielleicht gar nebst den Anmerkungen (über Richters Aufsatz von den vielen Religionen) in orthodoxe, also inquisitorische Hände geraten. 37,35 Antwort: Nr. 17. 38,25ff. Vgl. Grönländische Prozesse 1,36f. (I. Abt., I, 24,6–8). 39,1 Versuch: „Das Lob der Dumheit“ (II. Abt., I, 292—347). 2 Professor: Seydlitz, vgl. 54,13†. 3 dritte Person: Oerthel, der mit Seydlitz bekannt war und Vorlesungen bei ihm hörte. 19–24 In Gotha erschienen 1785—88 Voltaires Oeuvres complètes in 71 Bänden; mit der Pariser Ausgabe ist wohl die 1785ff. in Kehl erschienene Prachtausgabe in 92 Bänden gemeint.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

20. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 37-39 (Brieftext); 429-430 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Leipzig, 8. März 1782. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_20 >


Zum XML/TEI-file des Briefes