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[ Töpen, 16. Dez. 1787 ]
233,9
Ich hoffe ich habe Sie nunmehr überzeugt, daß ich lügen kan. Das 233,10
was ich iezt zu thun habe ist, Sie auch vom Gegentheil zu überführen
und am 3 Feiertage zu kommen. Nehmen Sie mich dan als das
Hintertreffen der Nürnbergischen Puppenware auf, die Weihnacht
Ihren Kindern giebt... Ich wil Sie mit einer Sonne vergleichen (so
wie den Pf[arrer] hier mit einer aus Dünsten geformten Nebensonne) 233,15
und mich selbst mit einem unregel[mässigen] Kometen: offenbar mus
dan der Komet bald in der grösten Sonnenferne, bald in der grösten
Sonnennähe sein und nach Bode sezet blos die Sonne dem Kometen
seinen Schweif an. Können Sie auch das mit einem Zopf .... Am
Ende bewegen Sie sich noch weniger als ich und nicht stärker als die 233,20
Sonne und nur um Ihre Axe.

Indessen Scherz und Astronomie bei Seite, ich wil ernsthaft sein,
wenn die 3 Loth Kaffee, die ich getrunken habe, nichts darwider
haben. „So sehr lebt der Geist unter der Subordinazion der Materie
und findet an seinem und fremden Körper[n] seine unbekanten Obern 233,25
und die Windlade des Unterleibs ist sein verstekter Soufleur.“ Sehen
Sie, solche gute Gleichnisse und elende Schlüsse hätt’ ich sonst ge
macht; iezt mach’ ich den: so wenig die Seele entehrt wird, wenn sie
keine äussere Bilder ohne den Beistand des Sehnervens überkommen
kan: eben so wenig wird sies, wenn sie zu ienen das Gehirn bedarf. 233,30
Die Samenfeuchtigkeit ist der treibende Nahrungsaft der edelsten
Empfindungen: was thuts? Materie ist Materie und Samenfeuchtig
keit nicht unedler als Nervensaft. Die Samenfeuchtigkeit ist doch nicht
die Empfindung, der bewegte Nervensaft nicht der Gedanke, hat
schlechterdings gar nichts ähnliches damit und ist blosses Werkzeug: 233,35

die Niedrigkeit des Werkzeugs benimt dem Adel des Geschäfts nichts. 234,1
Der Dünger verunstaltet den Duft und den Puz der Blume nicht, die
an ihm saugt. Noch mehr (Sie werden sagen nichts mehr) der Kaffee
z. B. oder der Wein hebt weniger die Seele als er blos den Wider
stand der Materie entkräftet, der sie niedergezogen hatte: er beflügelt 234,5
sie nicht, sondern befreiet sie nur, und schnallet ihr nicht sowol wächserne
Schwungfedern an als [er] an den ihrigen den bindenden Faden durch
schneidet. Wenn Sie mich widerlegen: so widerlegen Sie auch sich; denn
diese meine Meinung machen Sie auch in Ihren alten Briefen an
mich zur Ihrigen. Ich gieng neulich Ihre dikke Brieftasche an mich mit 234,10
wahrem Vergnügen durch, machen Sie einen Extrakt daraus, so
haben Sie [den] 3ten Theil Ihrer Raffinerien. Sie solten nicht ganz
aus der Autoren-Zunft springen, und was machen …

5) La continuation des Lettres de M. Vogel, pasteur de Rehau.

Hier folget noch eine Einladung. Die Gelehrten sezen so lange [in 234,15
die] Bücherlotterie, bis sie selbst eine veranstalten. Leben Sie wol, der
Sie nirgends als auf der Kanzel predigen.

K (von 233 , 17 Komet ab in fremder Handschrift und Orthographie): An Pf[arrer] in Rehau den 16 Dez. i: Wahrheit 4,185×. A: IV. Abt., I, Nr. 70. 233 , 24 der2] die 23 dawider 25 seinen 234 , 2 Blume] Blaue 7 Saugfedern
233 , 15 Pfarrer hier: Morus, s. Nr. 197. 18 Bode: in den Anmerkungen zu Fontenelle (s. 201,33†), S. 303. 24234,3 Vgl. I. Abt., I, 352,3–34, II. Abt., I, 226,7†. 234,14 Davor sind vier Bücherforderungen zu ergänzen, wie in Nr. 224; Vogel sandte mit A Bd. 1—7 der „Bibliothèque choisie“, vgl. 172 , 22 †.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

207. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 233-234 (Brieftext); 485 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Töpen bei Hof, 16. Dezember 1787. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_207 >


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