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[ Töpen, 20. März 1788 ]
236,14
N. 1148. 236,15
Alg. deutsche Litteraturzeitung
Jena den 20 März 1788
Vermischte Schriften
Stambuch. Olim meminisse juvabit Hermannum. Ohne Drukort
und Verleger in Queerduodez. 236,20

An diesem Werkgen arbeiteten mehrere Verfasser, Leute aus allen
Ständen, Wissenschaften und Geschlechtern, um durch Mannig
faltigkeit das Lesepublikum völlig zu bestechen. Rezensent ist es sich
und andern schuldig, die wesentlichen Mängel nicht zuzuhüllen, an die
er sich darin sties und die es von andern Stambüchern nicht zu seinem 236,25
Vortheile unterscheiden. Er nahm es wahrhaftig nicht in der festen
Absicht in die Hand, es schlecht und völlig ohne Zoten zu finden: allein
es ist nur gar zu klar, daß nicht Eine darin sizt und daß also der erste
Zwek eines Stambuchs (denn die Liebe brauchte vor Erfindung des
Papiers Bäume zu Stambüchern und schnit Namen und Seufzer 236,30
hinein) die Wahrheit zu sagen schlecht erreicht ist. Welchen geringen
Begrif von der Keuschheit der Verfasser noch überdies dieser Purismus
geben mus, weis der Moralist gut genug: denn die überladne Natur
mus sich selbst helfen und wie gewöhnlich eine Sekrezion durch die
andre ersezen und wer es vernachlässigt, seine Zunge wie beim Zorn 236,35

hierin zum Ventilator und Erdbebenableiter zu machen, der ist sehr 237,1
schlim daran. Einer der sich daran gewöhnt hat an einen solchen
Abszes, weis, wenn er Einen Tag ausbleibt, gar nicht mehr selbst zu
bleiben. — Es mus dem Publikum misfallen, daß dieses Stambuch,
das eine Polyglotte, wenigstens Hexapla von Sprachen sein solte, 237,5
nicht einmal Einen hebräischen Buchstaben aufzeigt, der übrigen
morgen[ländischen], afrikanischen, amerikanischen Sprachen gar nicht
zu gedenken. Ich habe mit Verwunderung fruchtlos nach einem
Quodlibet im Buche herumgeblättert und muste den [?] Band ausser
demselben für eines annehmen. — Ein zweiter Jammer ists, daß die 237,10
Arbeiten im theologischen Fache darin so sehr fehlen, daß einer schlecht
fahren würde, der das Stambuch zu einem Spruchkästlein zu brauchen
wünschte. Sowenig Rezensionen so wie die ersten Grundsäze alles
Denkens eines Beweises fähig oder bedürftig sind: so glaubt doch
Rezensent, zumal da er zugleich Selbstrezensent ist, seinen Tadel mit237,15
einem Beispiele belegen zu müssen und er hebt dazu das nächste aus,
das noch darzu nicht das elendeste ist:

„Wirds (sagt der H. Verfasser) mein guter Herman, wol der
Mühe werth sein, zwischen Erinnerung und Vergessenheit, zwischen
Vergnügen und Schmerz einen Unterschied zu machen und mir die erste 237,20
und dir das zweite zu wünschen, in einem Traum- und Theaterleben
wie diesem mein’ ich, in dieser dunkeln Ekke des Universums, in einer
Welt, die der kleinste Zähler einer bessern ist, in einer hypochondrischen,
in einer verwitternden, zerstöhrten und zerstöhrenden, in einer wo man
im 24 Jahr noch nicht in Weimar sizt, in einer wo du dich weg nach 237,25
Erlang verlierst, in einer wo dein Kopf vol Avtochthonen Ideen und
Systemen auf einem unsystematischen kranken Körper wächst, in einer
wo glaub’ ich die Stadtpf[arrer] nicht besser sind als die Landpf[arrer],
in einer wo alles im Wechsel zerfährt, meine Lustigkeit auf dem Neben
blatte, Oerthel und zur Hälfte einmal 237,30

Dein Freund?“


K (nach Nr. 210) ohne eigne Überschrift. i: Wahrheit 4,163.
Vgl. Nr. 73. 237,25f. Hermann ging im April 1788 zur Fortsetzung seines Studiums nach Erlangen.

Textgrundlage:

212. In Hermanns Stammbuch. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 236-237 (Brieftext); 486 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

Eintrag in ein Stammbuch. An Johann Bernhard Hermann. Töpen bei Hof, 20. März 1788. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_212 >


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