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[ Töpen, Mai 1788? ]

Lieber Otto,

Es ist Schade, daß dich das Wetter nicht herunterverlokt: ich könte
dich in die Komödie führen. Nun ists meine Pflicht, sie dir zu erzählen,240,5
und deine, sie zu lesen. Die Truppe beläuft sich nicht unter Einem
Man. Denn ich mag seine Frau nicht dazu mitzählen, weil sie be
kantermassen blos das Einlasgeld in Empfang nimt. Es kan der
gesamten Christenheit nichts schaden, wenn ich blos bemerke, daß das
Schauspielhaus ein wahres Wirthshaus war: Leute, die mich und 240,10
Töpen heruntersezen wollen, sagen gar, es war nur die obere Stube,
welches leider wahr ist. Denn im ganzen Töpen ist nur ein einziges
wirkliches Opernhaus und das wil der Pfarrer, man mag ihm singen
und sagen was man wil, durchaus nicht herleihen: die Entrée in
diesem kömt auf Einen Pfennig alzeit. Für das Schauspiel aber, 240,15
weswegen ich dieses feine Papier verbrauche, sind für verschiedene
Stände verschiedene Pläze: den schlechtesten erkauft man mit 1 Kreuzer,
den besten, der für die hiesigen Honorazioren (wie ich denn selber
einer der ersten darunter zu sein verhoffe) offen gehalten wurde, muste
man nach Belieben bezahlen. Das Orchester hieng in Gestalt einer 240,20
Trommel an der Wand und war schon auf der Gasse hinlänglich ge
rühret worden. Man hätte auch in der Opernstube selber kein Wort
von der Trommel wegen des Getöses vernehmen können, das draussen
die Bauern in Handelsgeschäften verführten: denn sie handelten
iüdisch und nicht christlich um das Entréegeld und ich schäme mich, es 240,25
nach Hof zu melden, ein paar wolten gratis hinein. Die wichtigsten
und nächsten Pläze waren (wie es selbst in grossen Städten, z. B. in
Hof ist) mit alten Sesseln besezt und darauf sassen wir, ich und mein
Eleve als die erheblichsten Honorazioren voran: denn 〈ia〉 ob 〈über-
haupt〉 der Kantor zu unserer Rechten und der Bader und ein Zahnarzt 240,30
zur linken diesen in meinen Augen wichtigen Titel völlig verdienen,
das sollen Ausländer unpartheiisch entscheiden. Inzwischen giengs
zulezt wie in der Auferstehung und den Saturnalien her, die ent
ferntesten Stände wurden vermischt und ein gewisser Junge stand
mir (wie ich halb und ganz erweisen wolte) am Ende auf 2 Schritte 240,35
vor.

H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 1 ½ S. 4°; auf der unteren Hälfte der 2. S. nicht zugehörige Notizen. J: Wahrheit 4,196 (Mai 1788). 240,13 wirkliches] nachtr. 22 worden] nachtr. 30 Rechten] aus rechten 32 un partheiisch] nachtr. 35 am Ende] nachtr.
Die Datierung von J beruht wohl nur auf Vermutung, dürfte aber un gefähr stimmen. Richter hat diese Schilderung in der Auswahl aus des Teufels Papieren verwertet (I. Abt., I, 332ff.), wohl bei der letzten Über arbeitung Ende 1788 (s. Nr. 238†).

Erwähnungen im Kommentar:

Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

219. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 240 (Brieftext); 487 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Töpen bei Hof, Mai 1788. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_219 >


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