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[ Töpen, 20. Mai 1788 ]

Aus übertriebner Liebe für deine Disput[azion] send’ ich den Theil
vom Athem, den ich so eilig durchflog, daß ich im eigentlichen Sin kaum
den meinigen mehr ziehen konte. Die übrigen Theile wirst du hoff’241,5
ich unter Jahr und Tag (du müstest denn eher nach Hof zurükkehren)
nicht zu sehen bekommen, weil ich dir einige Briefe abzuknikern vor
habe: ich erzürne dich um dich zu lesen, wie man den Affen auf dem
Kokosbaum tol macht, damit er mit Kokosnüssen um sich werfe.

Das angenehme und schweinische Sediment in deinem Briefe schreib’241,10
ich blos einem Nerven vom 5 Paare zu, der die Lippen und die
Geschlechtsglieder zusammenkettet; es ist nicht deine Schuld, wenn
die Bewegungen der leztern über die der erstern gebieten und der
Datum rechtfertigt soviel, daß ich mich sehr wundern würde, wenn
die Worte nicht der Anfang wären, sondern der Beschlus. Die 241,15
Gelegenheit hat hinten keine Haare: du wirst sie vorn fassen und
lieber deine eignen aufopfern.

Ich bin des Teufels, wenn ich nicht einmal deinen ganzen Karakter
in einen Roman pflanze: aber bringe mir bei, wie ich dem Leser die
Wahrscheinlichkeit deiner Zotenmanie beibringe? Es wird ieder241,20
sagen, ich soutenirte den Karakter zu schlecht und zwänge die un
[gleich]artigsten Züge zusammen.

Ich wil nicht mehr von sondern wie Weiber reden... ob du nach
Erlang und nach dem Doktorhut gegangen — Erwäge, was ich für
dich aufgeopfert, nämlich die Wahrheit — schlage an dein histerisches241,25
Herz und gestehe, daß du meinetwegen zwar auch oft die Wahrheit
aufgeopfert aber auch zugleich mich mit: oder vielmehr du hast mirs
ia schon selbst gestanden... thut die ottoische Frage troz aller Ver-
anlassung nie an mich. Er dankt seinem Got, daß die Bürde deiner
Unterstüzung schon auf irgend einer wolthätigen Schulter sizt und 241,30
seine verschonet hat und er mag gern um den Namen dieser Schulter
nichts wissen. Er befürchtet irgend eine auffodernde Schilderung
deiner Bedürfnisse. Diese Kleinigkeiten, diese lilliputischen Annalen
müssen dich ganz interessiren. Denn dich laben blos entweder die
wichtigsten Wahrheiten oder die erbärmlichsten Sagen und du bist wie 241,35
die Lerche entweder singend über den Wolken oder nistend in einem
Drekloche auf der Erde. Schreibe mir nicht blos was du erfährst
sondern auch was du denkst und was andre Neuestes oder Schlimstes 242,1
denken. In Rüksicht der Krankheitsgeschichte: so versehe ieden Brief
mit einer und ahme mich [nach,] der ich dir iezt erzähle.... Aber dich
interessiren fremde Lagen wenig hinter deiner langen Maske von
theilnehmender Höflichkeit. Ich komme täglich zu neuen Gründen 242,5
deiner Meinung, daß Hypochondrie die Nerven zu Protoplasten und
die Eingeweide nur zum Mitleiden habe... Vertraue auf die glänzenden
und breiten Flügel deines Kopfes und möchten sie dich nur über das
todte Meer wegtragen, damit du nicht da geistigtod hineinfällest und
als Stadtarzt andre lebendig und dich tod erkurirst. Las dir von 242,10
deinen Bedürfnissen nie die Elastizität der Seele stehlen; denn wenn
du einmal Herman bist, so wirst du dich ärgern, daß du einmal ein
Anti- oder Pseudoherman gewesen, wiewol nie gegen deinen Freund.
— Verzeihe mir die 4 Hände und ich vergebe dir den 11 Finger und
den vorhergehenden Handschuh. 242,15


K (nach Nr. 217): Den 20 Mai Herman. i: Wahrheit 4,126× (mit Nr. 226 vereinigt). B: IV. Abt., I, Nr. 76. A: IV. Abt., I, Nr. 78. 241,21f. un[gleich]artigsten Züge] aus ungläub. Erwartung 36 über] aus unter 242,9 hineinfällest] aus niederfällest
Mit dem 3. Band von Hallers Physiologie. 241,6 Hermann hatte ge schrieben, es gefalle ihm in Erlangen so wenig, daß er, wenn er sich nicht fest entschlossen hätte, ein Jahr dort zu bleiben, schon in vier Wochen wieder in Hof sein würde. 10–17 Hermann hatte eine sehr zynische Schilderung eines Praktikums über Geburtshilfe gemacht, bei dem er zum erstenmal seinen Zeigefinger in eine lebendige Vulva gesteckt habe: „Wie wird mirs gehen, wenn ich einmal bey meiner Frau mit dem eilften Finger touchiren soll.“ (Vgl. den Schluß des Briefs.) 15–17 Vgl. 101,28–30. 18–22 Hier taucht zum erstenmal die Absicht auf, einen Roman zu schreiben. Hermann kann in mancher Hinsicht als Urbild von Jean Pauls späteren Humoristen gelten; in den „Biographischen Belustigungen“ sollte er sogar mit seinem richtigen Namen auftreten, s. I. Abt., V, Einl. S. XXIXf. 28 Vielleicht ist zu ergänzen: der Kammerrath von Oerthel; vgl. zu Nr. 228. Christian Otto hatte versprochen, Hermann in Erlangen mit Geld zu unter stützen; vgl. Nr. 226. 34–37 Vgl. die bekannte Stelle über die drei Wege zum Glück in der Vorrede zum Fixlein (I. Abt., V, 4,22–34; auch I, 519,11–13). 242,3 Hier berichtete Jean Paul wahrscheinlich über seine eignen hypochon drischen Zustände, vgl. 235,28f. 14 Wie aus A hervorgeht, hatte Richter in seinem Briefe vier Hände angebracht, vielleicht am Rande, um auf gewisse Stellen besonders hinzuweisen, oder, wie Hermann im Scherz andeutet, um sein Entsetzen über Hermanns Zynismus auszudrücken.

Textgrundlage:

220. An Hermann in Erlangen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 241-242 (Brieftext); 488 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Bernhard Hermann. Töpen bei Hof, 20. Mai 1788. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_220 >


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