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Töpen den 13 Jul. 88 [Sonntag].

Hochgeehrtester Herr Pfarrer,

Ich habe die Sache anders überdacht und mein heutiger Brief
enthält noch keine Nachricht, sondern eine Frage. 244,5

Der bekante Kriegszahlmeister, an dem nicht wie am Pythagoras
blos die Hüfte golden ist, hat die Natur und Textur und Struktur,
daß er am meisten für ieden eingenommen wird, der gerade bei ihm
ist — daß ihn ieder solcher Gegenwärtige in einen gewissen Enthusias
mus der Liebe sezt — daß er in solchem Enthusiasmus nichts ver244,10
sagen kan — daß er, so sehr er Sie aus Ihren Büchern schäzet, doch
allemal, da ihm ein solcher Geistlicher und ein solches Gespräch ein
unauferstandner Phönix ist, durch eine Stunde Umgang noch weit mehr
Sie schäzen müste — Kurz kommen Sie selbst.

Daß ers nicht abschlägt, wenn ichs begehre, ist wahrscheinlich, 244,15
und wenn Sie es begehren, gewis. Lesen Sie iezt unter Wahrschein
lichkeit und Gewisheit aus.

Damit Sie nicht meine Vorsicht mit dem eigennüzigen Wunsche
Ihres Zuspruchs verwechseln — so dürfen Sie ia nur schreiben: „bitte!“
und es wird geschehen. 244,20

Ja ich wil vorher bitten: aber blos Sie und um nichts als 8 Bände
deutsch. Merkur rükwärts von 1778 an bis zu 1775 oder 1773. Es
liegt mir viel daran.

Ich beschneide zwar das Papier nicht, zanke mich mit den H.
Schwarzenbachern, vertrage mich mit H. Herman: aber gleichwol bin 244,25
ich mit fester Hochachtung

Ihr
gehors. Diener
Richter

Wenn Sie werth sein wollen, daß Sie die Sonne — des Stoizismus 244,30
bescheinet: so kaufen Sie sich ums Himmels Willen 2 Bücher,
1) Kants Grundlegung zu einer Metaphysik der Sitten und 2)
Kants Kritik der praktischen Vernunft, 1788. Kant ist kein Licht
der Welt, sondern ein ganzes stralendes Sonnensystem auf einmal.
[Adr.] An des H. präexistirend. Superintendent Vogel Hoch244,35
würden in Rehau. Mit 6 Büchern.

H: Brit. Museum. 2 ½ S. 4°; auf der 4. S. Adr. J 1: Wahrheit 4,203×. J 2: Nachlaß 3,263×. A: IV. Abt., I, Nr. 79. 244,21 Ja ich wil] aus Ich wil auch H
Wahrscheinlich sollte Richter den Kammerrat von Oerthel um ein Darlehen für Vogel bitten. 244,35 Vogel hatte am 2. März 1788 geschrieben, er sei schon zweimal zu vakanten Superintendanturen vorgeschlagen worden.

Textgrundlage:

225. An Pfarrer Vogel in Rehau. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 244 (Brieftext); 489 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Töpen bei Hof, 13. Juli 1788. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_225 >


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