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[ Töpen, 8. Dez. 1788 bis Jan. 1789 ]
253,11
Ich erhielt deine 2 Brieftaschen. Ich wil den heutigen beantworten,
weil er iezt mein Gehirn inne hat, und wie ein 2tes Chor oder Anti
phonienweise antwortet ieder Zeile von dir eine von mir. Dein Kuffer
[!] sezt mich in wahre Beängstigungen nicht wegen seines materiellen253,15
sondern hieroglyphischen und philosophischen Inhalts, weil deine
Fötusse — daher du oft Sachen verbrenst, die von niemand solten ver
brant werden als von einem Orthodoxen — mir angenehmere und ge-
liebtere Schooskinder sind als majorenne Geburten andrer Köpfe. Eben
so ärgert mich dein Geklage über den Inhalt deiner Briefe, deren Ein253,20
kleidung deinem Kopf von aussen ähnlich und deren Inhalt deinem
inneren Kopf gleich ist. Selbst deine historischen Einwebungen sind
mir eben so interessant wie meine Geschichte, blos weil dein und mein
Ich mich interessirt. Racine schlug ein Couvert an der königlichen
Tafel aus, weil er einen Karpfen mit seinen Kindern zu essen hätte; 253,25
die Philosophie ists Kouvert, und der Karpfe ist eine historische Anek
dote. Und hier hast du Karpfen.. Ich würde deine Schwester fast
heirathen, wenn ich mich nicht schämte dich dadurch mit zu heirathen,
weil dein und ihr Gesicht = 1.... der moralische menschenkennerische [?]
Gehalt desselben steigt in meinen Augen täglich — Apropos (meinen 253,30
Brief web’ ich aus solchen und wie eine Idee mir aufspringt, treib’
ich sie aufs Papier) du soltest kein Buch über 1 Materie schreiben,
sondern dich zu einem zwingen, wo du deine Paradoxien [in möglichster
Kürze] auf Frisuren und Perükken und Köpfe hageln liessest. … Die
Zungenbänder der Göttinger Philosophen sind in den zügelnden 253,35

Händen des Systems und den Kant hält man für einen Kometen, auf 254,1
dem der iüngste Tag flamt und der die Himmelsstufen zum Spasse auf
und niederspringt — Ich sorge, das wärmere Klima des Schiksals
verzärtelt deinen Muth, dein Gehirn zu enthülsen d. i. zu zeigen und
nicht durch Schritte sondern Sprünge das Glük einzuholen. Wie 254,5
Michaelis den Reisenden Fragen mitgab, deren Auflösung sie mit-
bringen solten: so geb’ ich diesem Papier Fragen mit. Woher ent
stehen die Winde im Unterleibe — d. i. warum richtet sich die aus
den Speisen entwikkelte Luft nicht nach der Menge von der in der
Speise sizenden Luft sondern nach der Schwierigkeit und Länge des 254,10
Verdauens — und die ausser dem Unterleib, mit denen dein Graf
weniger zu thun hat? Wie können sie von gestörtem Gleichgewicht der
Luft entspringen, da sie in den wärmsten Ländern, wo Tagshize und
Nachtkälte wechseln, und im Sommer am schwächsten sind und am
stärksten in den Äquinokzien? Wie können sie stosweise wirken? Wie 254,15
können sie — diese 3te Frage thu’ ich am 1 Jenner, wo ich dir lauter
Feinde wünsche, damit dich niemand mit Wünschen geiselt — schwach
anfangen und nach Stössen endigen? … wie wenn [ich] verdünte
schaale Luft einsöge [?] — Wenn dein Geschmak wollüstiger und regel
loser wäre: so würdest du am Ende auf den Speisetisch deines Grafens 254,20
[!] gerade eine Antidiätetik hinpredigen und das ists erstemal, daß der
Arzt Speisen verbietet, um sie selbst nicht zu bekommen … Was dein
Graf deinem Magen nüzt, nüzt er meinem Zwergfel und damit auch
ienem … da mich die Umarbeitung meines Buchs abnüzt … Deine
Aufrichtigkeit, die dir keinen verstellenden Brief zulies, begiesse und 254,25
belege mit Gartenerde: es ist das edelste was noch auf dir Wurzel
treiben kan. Jede Verstellung ist ein blasses wurmförmiges Kind der
Schwäche und alter Gebrechen. Der beste Mensch könte sich schon
deswegen nicht verstellen, weil er nichts zu verstellen hätte. Bei dir kan
ich Wiz, Narheit, Dumheit etc. auskramen, wie ich wil: so vertraut bist 254,30
du mir und ich kan mir gar nicht denken, wie ich an dich schreiben
müste, wenn ich dir sagen wolte, daß ich mit dir bräche, oder wie du
mir das nämliche sagen köntest. Ich kan die Universalgeschichte deines
fortgerükten Schiksals kaum abwarten.. Die Federsche Behauptung
[daß nicht die Organe, sondern die Seele empfinde] verdient dein 254,35
Urtheil nicht. Er macht sie blos gegen die Materialisten, die reden als
ob das Auge sähe etc. da doch, indes sich das ganze Leben das nämliche
Bild auf der Retina entwirft, im Maler nach den Fortschritten seiner 255,1
Kunst andre Gesichtsempfindungen aufstehen. Selbst nach dir kan
nicht das Organ als Organ, sondern nur als eine Monadensamlung
empfinden und insofern hat das Organ 1000 Wesen und 1000 Empfin
dungen; auf eben die Art kan unser Geist ein Theil höherer Organe255,5
sein. Wenn du behauptest [das Organ habe] die nämlichen Empfin
dungen, die es der Seele giebt: so kanst du es erstlich mit nichts beweisen
und zweitens durch welches neue Organ empfindet denn das Organ?
Wenn einmal irgend eine Monade eine Empfindung für sich bekommen
mus: so kans iede andre ohne ein Organ, das die Empfindung zugleich 255,10
hat und erwekt. Deine philosophischen Einschaltungen sind mir wil
kommen: aber wenn du mir Gewächse dieser Art schikst: so schneide nur
nicht die Wurzel vorher davon herunter: sonst sezet es sich nicht in mir
fest. … Ihre [der Franzosen] Schreibverzerrungen sind nicht ärger als
unsre, die wir gar ein besonderes Alphabet für den Druk und ein 255,15
andres für die Feder haben. Du wirst mir wenigstens in Rüksicht meines
heutigen Schmierens Recht geben, hoff’ ich.

Er [Joerdens] hat durch das Intelligenzblat sich um seinen Kredit
und Vorrang vor dem weissen geschrieben. Der Teufel holt in dieser
medizinischen Diözes niemand als die Kranken... Der ehrsame samtne 255,20
Tretscher hat sich mit dem lebenden Fleischfas nicht gezankt, gerauft,
geprügelt — sondern verlobt... Es sol doch nicht wahr sein: um so
wichtiger ists aber für uns beide, daß diese Verlobung und die Un
sterblichkeit der Seele in ein zuverlässiges Licht gestelt werde und es mus
bald geschehen... Am Ende ists eine Grille von dir lieber in einem 255,25
gelognen als wahren Ort zu sein und ich sehe in Rüksicht deines Ruhms
keinen Unterschied zwischen W[ien] und G[öttingen]. Gleichwol liegt
dein Siegel noch auf meinem Mund: und auf deinem liegt auch eines:
aber ich habe kein Recht zum Richterstuhl, weil ich selbst nicht mit der
Schreibung sondern Volendung dieses Briefs so lange gezaudert. 255,30
Schreib es meinem abmattenden Brüten über meinen federlosen
Küchlein zu und sei stets der Freund deines Freundes.

K (nach Nr. 241): An Herman. 8 Dez. i: Wahrheit 4,136× (mit Nr. 234 vereinigt). B 1: IV. Abt., I, Nr. 84. B 2: IV. Abt., I, Nr. 88. A: IV. Abt., I, Nr. 92. 253,26 Kouvert] aus Kouwert 33 f. 254,35. 255,14 ergänzt aus A 255 , 31 meinen] oder meinem
In B 1 fragt Hermann an, ob Richter zwei frühere Briefe von ihm aus Göttingen erhalten habe, die er zur Spedierung an seinen Freund Graefe in Erlangen geschickt hatte, um seinen neuen Aufenthaltsort nicht zu ver raten. Vorhanden ist davon nur noch einer, Nr. 82, den Richter schon mit Nr. 234 beantwortet hatte. Der „heutige“ Brief ist B 1 (12 S. 4°!), während B 2 erst unter der Abfassung unseres Briefs eintraf. 253,14—19 In B 1 klagt Hermann über das Ausbleiben seines Kuffers (!), der alle seine Hirn- geburten, sowohl Fötusse als Puncta salientia, berge; in B 2 meldet er dessen Eintreffen. 21 dein Kopf von aussen: vgl. 36,33. 27—29 Hermann hatte in B 1 im Scherz geschrieben, er werde niemand heiraten als seine Mutter oder seine Schwester (Katharina Eva, geb. 1771); in A schreibt er: „Dein erstes Karpfen gericht beschäftigt mich auf die angenehmste Weise; es betrift deine Heyrath zweyer Schwestern — in den Augen der einen hast du brüderliches Liebesfeuer blitzen gesehen … und die Augen der andern hast du mir jederzeit vorzüglich gelobt und mich nicht selten dadurch eifersüchtig gemacht.“ 34 Auf die hier ausgelassene Stelle bezieht sich wahrscheinlich die Bemerkung in A: „Bey der mir angenehmen Nachricht deiner Verbindung mit Herdern und [der] darauf folgenden Jakobischen Definition [vgl. zu Nr. 247], und daß du mich in Verbindung bringen willst...“ 35ff Göttinger Philosophen: Hermann hatte in B 1 ge schrieben, er könne sich in das heutige professormäßige Philosophieren nicht mehr finden. Gegner Kants war hauptsächlich Feder, vgl. 215,9†. 254,3 wärmere Klima: Hermann hatte ein leidliches Unterkommen als Hofmeister bei einem französischen Grafen Broglie gefunden. 6 Joh. David Michaelis (1717–91), Professor in Göttingen, Theolog und Orien talist; vgl. 146,10 und I. Abt., IV, 98,19f. 8 Winde im Unterleib: Hermann hatte von seines Grafen „unbändiger Gabe zu forzen“ erzählt; in A versucht er eine Erklärung. 18 An dieser Stelle ließ sich Richter jeden falls näher über seine körperlichen Beschwerden (vgl. 248,11) aus; vgl. A: „Du schreibst mir auch von einer örtlichen Schwächung der Lunge und sezt Fragen dabey, die mich vollkommen überzeugen, daß sie unnöthig zu beantworten sind und du vollkommen an der Hypochondrie leidest. Ein paar lokale Krämpfe und die bey allen Hypochondern bisweilen ganz närrisch verrükte Einbildungskraft machen dich zum Schwindsüchtigen...“ (Schreinert S. 179.) 19—22 Hermann hatte in B 2 erzählt, wie er seinen Grafen davon überzeugt habe, daß statt des täglich wiederkehrenden Ge richts von Rüben, Kartoffeln und Rindfleisch Abwechslung gesünder sei. 24—29 Aufrichtigkeit: Hermann hatte seine gegen Otto geübte Ver stellung fallen lassen. 34ff. Federsche Behauptung: Hermann hatte in B 1 der von Feder im Kolleg vertretenen Ansicht, daß nicht die Organe, sondern die Seele die Empfindung habe, lebhaft widersprochen: „Wenn jeder einzelne Atom zwischen mir und der Sonne nicht eben die Vorstellungen hätte, die ich nachhero durch sie, wie andere Vorstellungen durch den Nervengeist, durch mein Seelenorgan oder durch die mich so im Körper wie beym Sehen ausser dem Körper umgebende Seele erhalte, so würde ich warlich niemals wissen, daß eine Sonne nur existirt...“ 255,14 Hermann hatte sich in B 1 darüber aufgehalten, daß die Franzosen „nicht reden, wie sie schreiben, oder nicht schreiben, wie sie reden“ und ihre Sprache wie ihre Schrift verhunzen. Vgl. A: „Dein sams xaen hat mir sehr gefallen, nur must du wissen, daß du damit einen Höfer Dialekt, aber keineswegs die von mir jezt sogenante Vornehm deutsche oder Kanzel-aussprache schilderst.“ Vermutlich hatte Richter geäußert, auch im Deutschen schreibe man nicht, wie man spricht, sonst müßte man „sams xaen“ für „sie haben es gesehen“ schreiben. 18f. Im Höfer Intelligenzblatt war im Oktober 1788 (Nr. 40ff.) „Ein Beitrag zur Beförderung der Aufklärung und des Wohls meiner Mitbürger“ erschienen, wahrscheinlich von Peter Gottfried Joerdens, dem Sohn des „schwarzen Doktors“ (s. Nr. 217†), den Richter bisher für tüchtiger als seinen „weißen“ Vetter Johann Heinrich Joerdens gehalten hatte. 20—22 Tretscher: vgl. 223,27†; hierauf bezieht sich wohl die Be merkung in A: „Deine Nachricht von der Mamsell Wächter war mir auch in Göttingen eben so sehr interessant als in Hof.“ Die Verlobung ging aber zurück, s. 272,15†. 25—27 Wien: vgl. zu Nr. 228; Hermann hatte gebeten, seinen neuen Aufenthaltsort noch geheim zu halten; erst in A hob er das Schweigegebot auf.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

243. An Hermann in Göttingen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 253-255 (Brieftext); 493-495 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Bernhard Hermann. Töpen bei Hof, 8. Dezember 1788 bis Januar 1789. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_243 >


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