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Liebe Mama!

Ich bin weniger darüber erschrokken, daß mein Bruder ein Soldat
ist, als daß Sie sich darum so sehr ängstigen. Freilich wär’ es besser,
wenn er bei seinem Metier geblieben wäre; aber doch, wenn man bedenkt, 46,10
wie liederlich er immer war und wie er immer selbst verursachte, daß
ihn kein Herr lange behielte, wenn man dies bedenkt, so ist der Schaden
so gros nicht. Denn Sie irren Sich sehr, wenn Sie den Soldatenstand
für etwas verächtliches halten. Sind denn nicht Edelleute, Grafen,
und Fürstensöhne Soldaten? Ein Soldat ist etwas bessers als ein 46,15
Barbier. Der Adam kan wol ia auch avanciren, wenn er lang ist und
sich gut aufführt. Ist ia der alten Fr. Pfarrerin in Ködiz ihr Sohn
auch einer, und hat es iezt vielleicht besser und bequemer als ihr Sohn
der Pfarrer in Ködiz. Ein Soldat hat es selbst im Kriege besser als
andre Leute; die müssen sich plündern lassen und können sich mit nichts 46,20
gegen ihren Feind verteidigen, allein ein Soldat nicht. Mein Bruder
wirds nun auch wol bleiben. Aus dem Himmel und der Hölle ist keine
Erlösung. An Werber hilft also alles Schreiben nichts. Denn auf den
komt es gar nicht mehr. Hier hat nur der General etwas zu sagen. Ein
Brief hilft soviel als nichts, zumal da er im Dienste des Landesherren 46,25
ist. Schreiben Sie meinem Bruder, daß er sich gut aufführt; für das
Übrige wird Got sorgen. Und kümmern Sie Sich ia nicht so ser darüber;
es ist doch nicht zu ändern, und legen Sie nur die falschen, verächt
lichen Begriffe vom Soldatenstand ab, ohne den der Staat gar nicht
bestehen kan. — Nun zur Beantwortung des übrigen Briefs. — An 46,30
den Pfarrer in Rehau kan ich wegen vielerlei Ursachen nicht schreiben.
— Sobald nach Hof werd’ ich wol nicht kommen. Vielleicht zu Ostern;
zu welcher Zeit ich vielleicht auch, ich weis es aber noch nicht gewis,
die Universität Göttingen beziehen wil. Es ist aber sehr ungewis, das
Leztere. Übrigens müste ich ia doch eine eigne Stube für mich haben bei 46,35
Ihnen; und das wäre auch ein Anstos. Vielleicht aber könt’ ich auch in
Zeltens Haus eine kleine Stube gemiethet bekommen, wo ich zu Ihnen 47,1
im Schlafrok ab und zu gehen könte. Doch bis Ostern ist noch lange. —
Der Ovid ist in Töpen; ich hab ihn selbst den Örthel einpakken sehen.
Die Kammerrätin Örthlin weis ihn nur nicht von andern Büchern zu
unterscheiden; aber der Örthel wird ihr’s schon noch einmal schreiben. —47,5
Was den Kaffee anbetrift, so wolt’ ich Ihnen ihn gern schikken; aber —
nicht daß ich ihn nicht herauszubringen wüste, wie Sie schreiben —
sondern ich kan ihn nicht kaufen. Mein Geldmangel ist so gros wie der
Ihrige. Ich borg’ halt darauf los. Und kan nicht anders. Wenn nur
mein Mittel anschlägt, wie ich hoffe; aber freilich ist es nicht so gleich 47,10
geschnelt. Höchstens in vier Wochen ist es mit meinem Mittel ent
schieden, und da weis ich gewis, ob ich Geld habe oder nicht. — Über
haupt hat mir der Rektor in Schwarzenbach lauter Lügen von Leipzig
weisgemacht, und wenn ich mir nicht selbst zu helfen gedächte, so wür
de[n] mir wol keine Informazionen helfen, weil man keine kriegt. — 47,15
Nur gut daß ich völlig gesund bin. Ist Samuel von den Blattern wie-
der besser? Und wie stehts denn mit meinen Brüdern? was wird denn
aus ihnen? vielleicht nichts. Sehen Sie doch, daß wenigstens Gotlieb
wo ankömt; er ist ia schon so alt. Lassen Sie [ihn] ia nicht studiren.
Wer nicht viele Gaben hat, der lasse es unterwegens, wenn er kein47,20
Geld hat. — Was Ihre Bücher anbelangt, so geben Sie sie dem
Vierling wieder, er wird sie schon annehmen; aber freilich müssen Sie
sie ihm nicht so theuer verkaufen, als er sie meinem seligen Vatter
verkauft hat. Lassen Sie etwas nach, und so wird er sie annehmen.
Leben Sie wol. Schreiben Sie bald und kümmern Sie sich nicht so 47,25
gar sehr, da Sie mit allem Ihrem Kummer nichts geändert und
immer der Gesundheit geschadet haben. Ich bin

Ihr
Leipzig den Dienstag [Juli?] 1782.
ghs. Sohn J. P. F. Richter



P. S. Keinen Mangel an Papier hab’ ich nicht. Aber warum sol
ich auf Einen Bogen schreiben, was auf einen Viertelsbogen geht.

H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 2 S. 4°. J: Wahrheit 3,312×. 46 , 8 weniger] aus mehr 17 alten Fr.] nachtr. 20 andre] davor ein 33 es] er 47 , 15 mir] aus mich
Schneider (S. 241) setzt den Brief in den Anfang des Jahres; vgl. aber 47,3 (Ovid) mit 49,35 und 46,32–35 mit 52,4f. 46,17–19 Mit der Familie des Pfarrers Christian Hagen in Köditz (1698—1776) waren Richters in der Joditzer Zeit befreundet, vgl. II. Abt., IV, 103ff.; einer der Söhne, Joh. Gottlieb, geb. 1744, war 1776—89 Nachfolger des Vaters. 24 kommen für ankommen auch sonst bei Jean Paul, z. B. 117,30f. und 334,1f. 47,1 Zelt: Bäcker in Hof. 22 Der Buchhändler Joh. Gottlieb Vierling in Hof war schon am 18. Jan. 1782 gestorben.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

28. An Frau Richter in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 46-47 (Brieftext); 432 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Sophie Rosine Richter. Leipzig, Juli 1782. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_28 >


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