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269,14
Avant propos [ Hof ] 23 Sept. [1789]
269,15
Alle Vorreden fangen an: geneigter Leser; aber diese [?] mus sagen:
ungeneigter Leser. Denn du bestrafst mein Stilschweigen hart durch
deines und die Busse ist grösser als der Fehler. Kontest du denn keine
Entschuldigung für mein unnatürliches Schweigen aussinnen und
mustest du ihm gerade die unnatürliche Ursache leihen, die dich zum 269,20
Erwiedern trieb? Kontest du nicht denken, Richter sizet in Haft bei
Engelh[ardt], oder hat das Chiragra (wie Trog[enprediger] das
Podagra) oder einen Wurm im Finger oder ist gar tod? Bei solchen
wahrscheinlichen Vermuthungen hättest du doch bleiben sollen, eh’ du
zur unwahrscheinlichen der Kälte oder des nicht [?] griffest. Aber lese 269,25
die folgenden Blätter: so wirst du sehen, daß ich Briefe an dich wenn
nicht schikte doch immer schrieb und zweitens was für ein Segment
der heissen und kalten Kometenbahn mich das Schiksal bisher be
schreiben lassen. —

Töpen den 4 Apr. 269,30

Guter, scharfsichtiger, glüklicher und glüklichmachender Freund,
und auf der andern Seite wieder [?]

Närrischer blinder, hypochondrischer Selbstfeind.

Haller [erzählt]: ein gewisser Kerl habe sich in den Kopf gesezt, er
habe keinen und daß man ihn durch Aufladung eines bleiernen Hutes 269,35
herstelte. Den Kerl hab’ ich genau gekant, mein lieber Herman; es
war aber ein ausserordentlicher Spas. Ich war oft dabei, wenn der 270,1
Bader Riedel zu ihm kam, um ihn auf den Sontag zu rasiren: „ach
lieber H. Riedel, es wird da wenig zu scheeren geben, denn es fehlt
mir leider der Kopf und was wollen Sie einseifen?“ Kam der Friseur
Weil[er]: so sagt’ er: „wenn Sie nicht die Luft um mich oder meine 270,5
Achselhaare frisiren wollen: so sind Sie und Ihre Kämme unnüz;
denn ich hatte wol Haare und hübsche dazu: aber mit dem Kopf
giengen sie kapores und es ist freilich ein Jammer.“ Er schrie oft:
„mir sind alle Schnupftücher unnüz und alle Brillen und alle Zahn
stocher und alle mod[ischen] tollen Hüte — aus ganz bekanten Ur270,10
sachen.“ Noch närrischer als diese Narheit war der Anlas dazu und
ich wundre mich oft darüber (über deine Gleichgültigkeit hast du Be
schwerden, wiewol nicht Beweise geführt) — Ich fahre fort, aber
gewissermassen besoffen oder vielmehr berauscht — nicht von den
Reizen, [der griechischen Nase und] feingeschlängelten Mundeslinie — 270,15
sondern vom Hirschberger Bier. Besagter Kerl hatte nun einmal eine
Eiterdrüse im Nakken und darüber diesen physiologischen Sorites in
der 4ten Gehirnkammer: „besagte Kammer ist dem Nakken unendlich
näher als die 3 andern; frist nun das Geschwür tief und weiter oder
bis zur 4ten Kammer: so ists mit allen Nerven, die den Kopf beseelen 270,20
und wässern, völlig vorbei und der arme Kopf fault mir so gut ab als
läg’ ich im Erbbegräbnis oder als hätt’ ich Mutterkorn gefressen,
wovon almählig sich die Füsse abtrennen.“ Und dafür hätt’ er seinen
Kopf zum Pfand gesezt, daß er ihm abgefallen: bis man ihn mit
soviel Blei befrachtete, daß er das Dasein seines Kopfs wie die 270,25
Apperzepzion seiner selbst von der Empfindung lernte. — Sonderbar
ists, daß ich in Hof (iezt lebt er, wenn ich recht höre, in den Landen
deines Königs) einen Genieman gekant, der eben so närrisch als sein
König aber 100 mal klüger war. Dieser hatte die nämliche fixe Idee.
Denn in Briefen vol Wiz etc. klagt’ er, daß er alles das eingebüsset… 270,30
ich schrieb ihm, wie einer eine Liebe verloren habe, die ihm noch werth
ist und die er betrauert —
[Hof] 28 Apr.

ich bewies ihm, daß dieses Gefühl nie verloren wird, am wenigsten
wenn man sich über dessen Verlust betrübt. Inzwischen wollen wir 270,35
Got danken, daß wir unsres Orts nicht an diese hypochondrische
Klippe fahren und viel vernünftiger von unserm grossen Werthe
denken... Ein langer, ein trauriger Zwischenraum stelte sich zwischen 271,1
ienes und dieses Blat … ist der Sultan der Sultanin — Joerdens
respicit finem der Pazienten und haut mit [dem] Todtenkopf auf der
schwarzen Husaren Doktormüze unter die Edelleute siegend ein — der
klebende summende Nachtschmetterling fliegt um eine neue Jungfer- 271,5
blume — Oerthel muste, nachdem er sich und seinen Wald diesen
harten Winter hingefristet, aus Alimentenmangel seinen ihm so
theuern Hofmeister abdanken und kan nie mehr daran denken, einen
neuen zu bestreiten; wie wol der Vater selbst den Hofmeister ganz gut
ersezen kan: denn ein Hofmeister ist nicht blos der 2te Vater sondern271,10
auch der Vater der 3te Hofmeister....

So sieht der Schmerz aus und mit solchen Marterwerkzeugen
bohrt er sich in unser gequältes [?] Herz ein.
den 17 Mai.

Dein Vater, dessen Brief ich einschliessen wolte, schliesset, müde 271,15
meines Aufschubs, meinen ein. Ich wil nur einige historische Figuren
konstruiren... Denn ich habe recht Recht und hoffe dich zu einem Rene
gaten zu machen. Du sagst: / 1) Empfindet denn meine Seele, um die
Anschauung der Sonne zu kriegen, nur 1 Atom oder mehrere nächste und
ist sie denn nur in 1 oder in mehrern Punkten berührbar? 2) Wenn 271,20
ieder Atom in der Ätherlinie nur den Zustand des andern, nämlich die
abgespiegelte Sonne empfindet: so ist diese Reihe Spiegel unnüz, von
denen einer (mit Auswerfung der ganzen Reihe) mir eben so gut die
Sonne gezeigt hätte; so haben alle diese ungleichartigen Wesen die
nämliche Vorstellung; so zeichneten sich in meiner Seele die äusseren271,25
Gegenstände troz den die erstere umringenden konvexen und konkaven
Gläsern (Sinnen) eben so ab wie im nakten Atom ohne Sin. 3) Und
wienach hat denn der nächste Atom an der Sonne eine Vorstellung von
ihr, die ihm doch von keinem Mittelsatom überbracht wird? Die
Sonne selbst, die nicht sich so denkt wie ich sie mir, giebt sie ihm nicht. 271,30
Empfindet der Atom also nicht etwas anders als die Empfindung eines
nahen Atoms? 4) Natürlich gesteh’ ich, daß er nur den Zustand des
nächsten Atoms (welches aber etwas anders ist als dessen Vorstellung)
empfinde, welcher Zustand vorgestelt ganz anders aussehen mus
(wegen der verschiedenen Rezeptivität der empfindenden Wesen) als 271,35
selbstempfunden; etwas anders ist der Zustand des Tisches,
[etwas] anders die Vorstellung dieses Zustands. — Der Hausarzt lebt
nicht länger als seine Pazienten — wechselten Kugeln, um das Blei 272,1
ihrer Köpfe mit noch besserm zu legiren — verlor den Finger, den
Diebe ihm als Diebsfinger mausen solten — Die elastische Luft wird
die Federn deiner Seele mehr stählen als aller Trost. Ich habe dir noch
100 Sachen zu schreiben. Die 101te ist, daß ich niemand so sehr liebe 272,5
als dich und mich.
[Ende Sept.?]

— ich wil dich aus dem göttinger Ton in den höfer transponiren und
dich mit ganzem Leibe auf einmal in die skandalöse Chronologie hin
einwerfen. Wir Höfer serviren dir Kaffee und Birnen, die du den 272,10
folgenden Sprecherinnen abrinden must: „Und hier in Hof ists aus,
man redet in Geselschaft von nichts als von Leuten und das kan nicht
christlich sein“ — aber die Nachahmung ekelt mich wie die Anhörung —
lange zu deinem Lobe geläutet — spielte die achselträgerische Rolle, die
du ausschlugst — hat sich ehelich anastomosirt — da ich dem Otto 272,15
nicht abläugnen konte, daß der Mensch wie ein ungebundenes Buch
ohne silberne Beschlag Klausuren nicht gelesen wird.. Es ist aber das
eben so närrisch als das, was eben ums Äquinokzium ein Namensvetter
von mir that, der seinen seit[her] bindelosen Hals wieder eingeschnürt
und seinen Kopf aus einem Haarkometen in einen Schwanzkometen 272,20
umgeformt. Beide [?] Richter danken Got und dir, daß du nicht da
bist, weil du ihnen diese Übersezung des Leibes aus dem Englischen
ins Vogtländische mit Händen und Zunge sauer gemacht hättest — daß
Hume nur kurz vor seinem Tod Maien-Lorbeerbäume vor seine Thür
für seine Polyhistorie und Polygraphie bekam. — 272,25

Er sagte, Lufttheilgen könten in Feuertheilgen stekken — welches aber
eine gelindere Auslegung leidet. Denn da die Seele aus Feuer und
nach Neuern aus Elektrizität besteht und seine so viel Luft befasset:
so mus das gröbere Feuer noch leichter welche haben können... Gönne
dich deinem Freunde etc.272,30


K (nach Nr. 278, der letzte Absatz nach Nr. 282): An Herman. i: Wahr heit 4,151×. B: IV. Abt., I, Nr. 92. A: IV. Abt., I, Nr. 100. 270,15 ergänzt aus A 33 das Datum nachtr. 272 , 15 dem Otto] oder den Ottoen
269,22 Wahrscheinlich der Hofer Marktmeister, Stadtknecht und Ge richtsdiener Heinr. Joh. Engelhardt. 32 Vielleicht stand das folgende auf der nächsten Briefseite. 34ff. Haller: vgl. 231,17f. und I. Abt., VI, 466,33ff. (Siebenkäs); Hermann hatte über abnehmende Geisteskräfte, Gleichgültigkeit gegen die Wissenschaft usw. geklagt. 270,2 Joh. Adam Riedel, Chirurg in Hof. 5 Andreas Heinr. Weiler, Perückenmacher in Hof. 14—16 Wie aus A hervorgeht, bezieht sich dies auf eine der Venzkaer Frauen, wahrscheinlich auf Wilhelmine von Spangenberg (s. Nr. 297†); vgl. Nr. 257 und Klotildens „griechische Nase“ im Hesperus (I. Abt., III, 101,21). 28f. König Georg III. von England (und Hannover) hatte 1788 den ersten Anfall von Geisteskrankheit gehabt. 271,1f. In den Zwischen raum (zwischen dem 4. und 28. April) fällt wahrscheinlich der Tod von Heinrich Richter, den (nach Wahrheit 4,161) das Elend der Familie in die Saale getrieben hatte. Heinrich Wirths „Chronik der Stadt Hof“, Hof 1843, S. 693f., setzt das Ereignis ins Jahr 1788 und spricht von bloßem „Er trinken“; im Publikum habe aber die Meinung geherrscht, Heinrich sei von einem Rotgerber (Beyer? vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), I, Nr. 65) wegen einer gering fügigen Beleidigung ins Wasser gestürzt worden. Für Selbstmord spricht die Tatsache, daß das Hofer Kirchenbuch den Tod nicht verzeichnet. Vgl. A: „Die Geschichte deines Bruders hätte nicht meinem Bruder begeg nen dürfen, ich wäre ganz gewis zur Ehre der Höfer- und allgemeinen Auf klärung rasend geworden; und wer weis, was ich sonst gethan hätte.“ Viel leicht hatten sich die Hofer geweigert, die Leiche zu begraben, wie es Jean Paul von dem armen Bergmann Zaus erzählt, s. I. Abt., V, 375f. 2 Der Sultan der Sultanin ist gewiß nicht der Tod, wie i sinnlos ergänzt, sondern vermutlich Peter Gottfried Joerdens (s. zu Nr. 217), der am 19. April 1789 mit einer Tochter des Postmeisters Wirth (aus erster Ehe) getraut wurde. Mit Joerdens ist aber wahrscheinlich dessen Vetter Johann Heinrich (169,21†) gemeint, wie die Stelle in A zeigt: „Bey Lesung, daß auf Empfehlung Rudolphs [Professor der Medizin in Erlangen] durch Weßenig [vgl. zu Nr. 196] der Pariser Dr. pp.“ (J. H. Joerdens war in Paris gewesen.) 5 Nachtschmetterling: wohl Tretscher, vgl. 272,15†. 7 Der Winter 1788/89 war in der Tat besonders streng, s. Wirths Chronik S. 694. 18 Hier fehlt das Zitat aus B; Hermann war gegenüber Richters 254,34ff. dargelegter Anschauung bei seiner geblieben, daß ein Atom immer nur den Zustand des nächsten Atoms, jedes Organ nur durch das nächst folgende empfinde: „Bey mir sieht also entweder nur der nächste Atom der Sonne das Licht derselben und meine Seele so wenig als mein Auge oder mein Auge so gut als meine Seele und die Aetherlinie.“ 37 Hausarzt: s. zu Nr. 262; über das im folgenden erwähnte Duell ist mir nichts be kannt. 272,3f. Bezieht sich wohl auf eine von Hermann geplante Fußreise nach Frankfurt a. M. (Schreinert S. 183f.) 15 ehelich anastomosirt: wohl Tretscher (s. 223,27†), der am 25. Sept. 1789 mit Luise Auguste Grimm aus Regnitzlosau (wohl einer Verwandten von Völkels Frau, s. zu Nr. 114) getraut wurde. Otto: nach A scheint Richter Günstiges über die finanzielle Lage der Familie berichtet zu haben. 24f. Hume: vgl. 154,10—13. 26—29 Hermann hatte gegen Lichtenbergs Behauptung polemisiert, Feuer und Wärme seien nicht Modifikationen der Materie, sondern eine feinere Luftart.

Textgrundlage:

281. An Hermann in Göttingen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 269-272 (Brieftext); 500-501 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Bernhard Hermann. Hof, 23. September 1789 bis vor dem 30. September 1789. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_281 >


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