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Hof den 26 Mai 1789.
272,32
Wolgeborner Herr,
Hochzuverehrender Herr Professor,

Wenn Sie mir ein Manuskript geliehen hätten: so würd’ ichs Ihnen 272,35
schwerlich wieder geben; ich dürfte Ihnen dieses Depositum vielleicht
gar vor Gericht abläugnen und Ihre vielen Requisitorialschreiben aus 273,1
Prag würden wenig verfangen. Wäre Alexander eben so klug wie ich
gewesen und hätt’ er die Manuskripte des Aristoteles ihm abgelogen
und vorenthalten: so hätt’ ihn nachher der Stagyrit nicht mit der
Edizion derselben ärgern können. 273,5

Der Zwek dieses Briefes ist Sie zu bitten, daß Sie es — nicht so
machen wie ich, sondern wie Alexander. Mein satirisches Mskpt über
die menschliche Tugend nistet zwar bei Ihnen wie in einem Ägypten,
gegen den bethlehemitischen Kindermord der Rezensenten geschirmt;
allein ich möcht’ es doch haben. 273,10

Zwar wäre mirs aus 2 Gründen recht lieb, wenn Sie mir meinen
Willen nicht thäten. Denn ich hätte dan doch bei Ihnen immer einen
Vorwand liegen, unter welchem ich mir das Vergnügen an Sie zu
schreiben herausnehmen könte. Und zweitens hätt’ ich das Misver
gnügen nicht, durch die Erinnerung meiner litterarischen Tölpeliahre 273,15
und deren Mis- und Nachgeburten gedemüthigt zu werden; denn das
Manuskript wird mich gewis dadurch erbossen, daß ich damit nicht nur
das Publikum ergözen wollen sondern auch Sie.

Allein ich habe auf der andern Seite 2 stärkere Gegengründe
warum Sie mir doch zu Willen sein sollen. Ich wil 1) das Mspt mit 273,20
meiner zur Ostermesse ausgekrochenen „Auswahl aus den Papieren
des Teufels“ zusammenhalten, um zu sehen, ob der offizinelle und
heilende Tadel, den Sie ienem eingaben, diese purgirt habe. Der
zweite Gegengrund ist...... ia warlich vor 3 Minuten wust’ ich ihn
noch und er ist mir vor einem Augenblik aus dem Kopfe. 273,25

Vielleicht haben Sie gar das Mspt selber ediret, nach Art der
Alten nämlich; ich meine, vielleicht haben Sie, wie die Alten ein Mspt
durch Aufrollung um Holz oder Knochen in ein Buch veredelten, auch
mit meinem etwas umflochten, etwas recht weiches, etwan die Lokken
haare — allein ich kan das nicht glauben sondern blos hoffen. Denn 273,30
nur Ihre Schriften wurden bisher zur Verschönerung und Bil
dung
des Kopfes verwendet und zwar nicht an seiner äussern sondern
innern Seite, ia sie wurden sogar zur Reinigung des anus — cerebri
(wie die Anatomiker die Gehirnkammern nennen) verbraucht — eine Ehre, die noch nicht einmal der breite Nikolai errang, der zwar auch 274,1
den Dekroteur des anus abgiebt, aber erst solcher, die um 6 Zolle
tiefer sizen.

Ich bitte Sie um die Verzeihung und Erfüllung meiner Bitte und
ihres Tons; und habe die Ehre, in der Erwartung einer geschriebenen 274,5
und einer praktischen Antwort, mit wahrer und gefühlter Hoch
achtung zu bleiben

Euer Wolgeboren
gehorsamster Diener
J. Paullus Fried. Richter 274,10
N. S. Den 26 Sept: Unerwartete Umstände liessen dieses Blat so
lang unabgeschikt. Ich habe noch einmal Ursache, Sie um Nachsicht
für den freien Ton darin anzusprechen — auch bitt’ ich Sie, diese
Abschikkung nicht durch die Beantwortung nachzuahmen und heim
zusuchen. 274,15

H: zuletzt Kat. G.A. Kaldewey, München (Sommer 1973), S. 104, Nr. 385, 1. S. Faks.; ehem. Frau Major Pirquet, Bregenz. 4 S. 4°. K: An Meißner den 26 Mai 89. (Vgl. zu Nr. 266.) i: Nachlaß 4,233. J: Alfred Meißner, Rococo Bilder (1871), S. 118. A: IV. Abt., I, Nr. 97. 272 , 36 dürfte Ihnen] aus dürft’ es H K 273 , 1 und] danach gestr. auch H 17 dadurch] nachtr. H 20 doch] nachtr. H 21 Auswahl] aus Auszügen H 25 vor einem] aus den H 35 38] aus 36 H
273 , 22 f. Meißner hatte in seinem Brief vom 27. August 1784 den Rich terschen Satiren einen mehr gerundeten Stil und kürzere Sätze gewünscht. 274,1—3 Meißners „Skizzen“ waren in Nicolais Allg. Deutscher Bibliothek nicht sehr freundlich beurteilt worden, wogegen sich der Verfasser in mehreren Vorreden zu den einzelnen Teilen heftig zur Wehr gesetzt hatte. Es muß doch wohl heißen: 16 Zolle tiefer.

Textgrundlage:

282. An A. G. Meißner in Prag. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 272-274 (Brieftext); 502 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An August Gottlieb Meißner. Hof, 26. Mai 1789. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_282 >


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