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[ Hof, 18. Nov. 1789 ]
277,29
Lieber Pythagoras — Du hofst, ich nenne dich so, weil dein Leib, 277,30
dein Schiksal und Karakter seine Seelenwanderung so oft vertauschet,
aber ich meine dein Stilschweigen. — er ist ein horsd’oeuvre des
ehelichen Werks, [ein] apokryphisches Kind; das Glüksrad mahlt für 278,1
ihn lauter Amben und Ternen hervor. — Ich wünsche mir nicht Glük
zu meinem nüchternen Kopf, indes du deinen in einem Zechgelag vol
mathematischer etc. Kentnisse vol bekömst. Ich werde mir von dir
(ausser in Sachen, die über deinen mehr als 180° habenden [?] 278,5
Horizont liegen) versprechen lassen, daß du mir alzeit Recht giebst,
damit ich mit dir disputiren kan..... Reinhard [?] führte eine Justiz
bei sich, die in einem Goliathsstok und in einem Hermaphroditen
bestand; der alles wagt und iedem Waghals trozt — um Bewunderung
zu säen und zu ernten; er schlug die Mosis Decke über seine Stralen und 278,10
spielte Arons Kalb, das nachher die Verläumdung aus Gold in
Pulver verwandelte — du soltest eher zurük als vorwärts datiren — ich
schlug bei Wirth eine Professur aus und verschiebe den Antrit der
schwarzenbacher; ich hospitire bei ihm.. Ich wolte, er bräche diesen
Brief auf: so säh’ er, daß ich hinter seinem Rücken es schreibe, daß ich 278,15
mit dem Sinnen-Pentateuch geniesse. — Die Polygraphie nicht in
Oligo- und Agraphie verwandeln. — Der Skiagraphie des Konzerts,
in dessen Langweile die Ante et Post Ewigkeit hineinzubringen wäre,
gehört eine lustigere Stunde und ein längerer Brief. — auf wie viele
Dinge du das Beichtsiegel aufdrükst — nicht deine Bekantschaft mit 278,20
Feder, sondern [deine] Bekantwerdung mit ihm — Deine Sonnenfinster-
nisse sollen in Hof unsichtbar bleiben; begehrst du auch Verhehlung
deiner Mittagshöhe: so befiehl es — Wenn ich dich einen Esel, und den
weissen ein Genie nente: so würdest du doch die Figur der Inversion
verstehen. Wenn du sagtest: ich gehörte unter das bleierne und 278,25
arsenikalische Zeitalter und unter die devalvirten Menschen.... ich
wolte die Widerlegung deiner hypochondrischen Aphorismen an
genehmer einkleiden — Erläutere meine Gesinnungen nicht aus meinem
Spas, sondern diesen aus ienen — lasse mich in Pres- und Zensur
freiheit schreiben. 278,30


K: Den 18 [aus 2] Nov. An Herman. i: Wahrheit 4,157× (15. Nov.). B: IV. Abt., I, Nr. 100. A: IV. Abt., I, Nr. 101.
Der Brief wurde schon vor dem 18. Nov. begonnen, B traf während seiner Abfassung ein; Hermann erhielt ihn am 24. November. 277,32f. Nach A ist hier offenbar Joh. Gottlob Marezoll, der bekannte Kanzel redner, gemeint, der 1761 in Plauen i. V. als Sohn eines österreichischen Feldwebels (unehelich?) geboren und 1789 als Universitätsprediger nach Göttingen berufen war; vgl. 295,7. 278,7ff. Es scheint sich um den in Hof geborenen, mit Schiller befreundeten Landschaftsmaler Joh. Christian Reinhart (1761—1847) zu handeln, einen Mitschüler von Richter und Hermann, der nach B in einer Leipziger Schuldenangelegenheit der Brüder Otto eine nicht näher erkennbare Rolle gespielt hatte (s. Schreinert S. 194). 12 Hermann hatte B, „weil Vorarbeiten helfen soll“, um einige Monate vor datiert, während Richter seinen vorigen Brief (Nr. 281) zurückdatiert hatte. 13—16 Bei dem Postmeister Wirth (s. Nr. 295†) wurde Richter erst in den neunziger Jahren Hauslehrer; er fing aber jetzt schon an, sich für die Töchter zu interessieren, und scheint Renate Klavierunterricht erteilt zu haben, s. 279,17 und 288,21; vgl. A: „Lebe wohl mit deinen 5 Sinnen, und dem sechsten wolle bey so vielen Gefahren kein Leid widerfahren.“ 16f. Hermann hatte angekündigt, daß er vielleicht bis Ostern nicht mehr schreiben werde. 17—19 Hermann hatte von einem Traum erzählt, der ihn nach Hof ins Konzert versetzt habe; vgl. das „Konzert in Saturnopolis“ (d. i. Hof) II. Abt., III, 309—312. 19—23 Hermann hatte wieder die Ge heimhaltung verschiedener Mitteilungen verlangt und die Befürchtung geäußert, daß Richter seine Briefe nicht sorgfältig genug aufbewahre, „weil der H. Senator Herold [vgl. Nr. 414†] meinem Vater Umstände von meiner Bekantwerdung mit Feder gesagt, die ich keinem als dir geschrieben haben konte; ob es mir gleich lieb war, weil es mir viel Ehre bringt.“ 23ff. Wie aus A hervorgeht, nahm Richter an, Hermann habe die Historie des Kopfleugnens (269,34ff.) übelgenommen, was dieser jedoch entschieden bestreitet.

Textgrundlage:

292. An Hermann in Göttingen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 277-278 (Brieftext); 503-504 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Bernhard Hermann. Hof, 18. November 1789. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_292 >


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