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[ Schwarzenbach, 24. März 1790 ]

Ich sah, daß ich Recht hatte und 100 andre Unrecht, die Ihr gutes
Herz nicht so nahe gekant als ich... elende Denkungsart, wenn man
ieder verläumdenden oder erzählenden Zunge die Liebe aufopfert, die 287,5
sich auf den Umgang und die Kentnis mehrerer Jahre gründet —
mühsame Überwindung, einem Spion und Denunzianten guter
Menschen nicht [?] zu glauben. Dieser Grundsaz hielt mich noch
immer an Sie geknüpft troz Ihrer Entfernung von allem bildenden
Umgang — troz Ihrem schädlichen Umgang mit Ihrem Gärtner, 287,10
troz Ihrer Gleichgültigkeit für fremde Bücher, mich und meinen
Briefwechsel und troz andern Dingen, die ich hörte … Sie hätten mir
die Freude Ihres Briefes eher gemacht. — Gleichwol so sehr mein
Buch und meine Lehrstelle meinem irdischen Fortkommen Wind und
Segel geben — so gefället mir diese Erde wenig mehr, in der meine287,15
2 innigsten Freunde modern … die Hypochondrie nahm ihn [Hermann]
uns und gab ihn dem Himmel und Ihrem Bruder wieder. So sinken
einem alle Gefährte[n] aus der Morgenröthe des Lebens ein und man
steigt in sein Grab einsam und ohne Begleiter.. o sein Sie recht gut,
recht sanft, fliehen Sie den eiternden Krebs alles Edeln und prägen Sie 287,20
die Gestalt Ihres Bruders, die Ihr Körper trägt, auch Ihrer Seele
ein: damit wenn ich einst sein Grab suche und es leer finde und sein
edles Herz verstäubt in Blumen wächset, ich ihn in seinem Bruder
vom Tode auferstanden umarme und vergesse, was mir fehlet … Ich
bitte Sie um eine Bitte um den Tristram etc. 287,25


K: Oertel den 24 März. B: IV. Abt., I, Nr. 106. A: IV. Abt., I, Nr. 110.
Christian bittet in B um Verzeihung, daß er seinem „sonstigen Lehrer nüzlicher Kentnisse“ und „ehemaligen Kinder-Freund“ auf seinen Brief (Nr. 302) nicht geantwortet habe, dankt für die überschickten Bücher und beteuert, es sei ihm niemals in den Sinn gekommen, seinen „lieben sonstigen Lehrer“ des Diebstahls zu bezichtigen (s. Nr. 301): „Glauben Sie mir, diese Stelle in Ihren werthen Brief war mir bitterer als Wermuth, bitterer als [wenn] Sie alle Macht und Stacheln der ganzen Satyr[e] auf mich ge richtet hätten. Eben so war für mich Ihr erster Brief [Nr. 283?], ehe Sie mit H. Otto bey uns waren...“ Er sei nicht der böse Mensch, als der er vielleicht abgemalt worden sei, und habe die ihm durch seinen Lehrer, seinen seligen Bruder und seine Eltern eingeprägten Tugenden nicht ver gessen. In A verteidigt er sich und den Gärtner gegen „iene Spione und Denuncianten“ (er nennt H. Herold), „die glauben, wenn man nicht in ihre so lere Stadt als Geselschaften komt, man verwildere ganz“. Neue und gute Bücher habe er in Menge zu lesen. Den Briefwechsel mit Richter habe ihm sein Vater anläßlich der „Streitig- und Verdrüßlichkeiten, die sich wegen der Bücher Verleihung angesponnen“, verboten. Es freue ihn auf richtig, daß Richter nun in eine so gute Lage unter so gute Eltern und talentvolle Kinder gesetzt sei. Richters Zuspruch zu Ostern (4. April) sei ihm äußerst angenehm; „leider für einen kleinen Ausbruch des Unwillens meines lieben Vaters kan ich nicht, da er sich so leichte nicht lencken läst, nicht stehen.“

Textgrundlage:

313. An Christian von Oerthel in Töpen. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 287 (Brieftext); 508 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Adam von Oerthel. Schwarzenbach a. d. Saale, 24. März 1790. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_313 >


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