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Kopie
[ Schwarzenbach, 22. April 1790 ]
288,15
Um einen Vorwand des Schreibens zu haben, wil ich Sie um etc.
ansprechen und welches mir lieber ist als etwas Gedruktes, um etwas
Geschriebnes von Ihnen. Da Sie mir aus Bayreuth in Ihren
Freuden der Seeligen schrieben: so werden Sie mir noch weniger einen
[Brief] aus Hof versagen.. In Schwarzenbach nichts neues; in Hof 288,20
ist das einzige neue meine Elevin etc. Denken und leben Sie recht wol
in einer Welt, wo man vom Genus, indem man ihn beim Flügel fängt,
den Zweifaltersschmuk abstreift. Ich ärgere mich, daß ich die Ehre
habe, mit der lebhaftesten Hochachtung nichts zu sein als Ihr etc.
P. S. ob Sie kein Postskript zum Briefe, dessen Kopie ich Ihnen 288,25
geschikt etc. Die Juden am Sabbath bekommen eine zweite Seele und
eben da spürten sogar die Verdamten eine Unterbrechung ihrer
Qualen; Schwarzenbach ist keine Hölle und ich kein Verdamter: sonst
passet alles auf mich.
Brief von ihr an mich.288,30
Ich wette, Sie erwarten eher ein Testament von mir als einen
Brief; aber Sie haben einmal mein Wort, das leichter in Hof zu
geben als in Bayreuth zu halten ist. Für iede Minute, die ich Sie unter-
halte, geb’ ich [60] Sekunden hin, wo ich unterhalten werden könte289,1
und ich unterbreche meine Vergnügungen durch mein pflichtmässiges
Schreiben so, wie die Baiern [?] mitten [in] der Freude der Komödie
beim Gebetläuten niederknieen und ihr Gebet abzwirnen...Meine
Vergnügungen mag ich Ihnen nicht eher schildern als bis ich sie ver289,5
loren, wie man von einer geliebten Person nur bei ihrer Abreise
[ein Bild?] macht und weil das Porträt.. Eben unterbrach mich eine
Freundin und ihr Bruder; aber ich ertrage den leztern blos, um die
erstere zu geniessen und kan dieser Aufopferung nicht überhoben sein —
Ihr seid wahrhaftig alle in einer Lichtform gezogen, ihr Mansper289,10
sonen — einen halben Eimer Lügen färbt ihr mit einem Tropfen
Wahrheit — euer Jahr besteht aus 12 Aprilmonaten und die einzige
Liebe, in der ihr beständig seid, ist die gegen euch selbst und die Beerin
sagt es auch. (Auch Sie sind wie die andern insgesamt und ich glaube,
ich habe gehört) Mich wunderts nur, daß ihr uns noch nicht mit289,15
diesem Fehler angestekt und daß wir unsre anererbte Aufrichtigkeit
behalten. — O du geliebtes Bayreuth, in das ich wie in einen Himmel
fuhr und in dem [ich] iede Minute verschlang, aus Furcht sie fliege un
genossen vorüber — besuche mich in meinen Hofer Träumen und
spiegle dich in ihnen mit deinen Gegenden und Einwohnern ab wie der289,20
Himmel im klaren Bach: gern wil ich mich überwinden und deswegen
morgens eine Stunde länger das Bette hüten. Wundern Sie sich, daß
ich Ihnen geschrieben. (Meine Mama schliesset diesen Brief in ihren
mit ein etc.)

K: Renate Wirth 22 Ap. i: Wahrheit 4,276×. 288 , 21 Denken und leben] aus Leben und denken 25 P. C. Postspricht 289 , 17 geliebtes] aus beglüktes
Über Renate Wirth, die älteste, damals erst 15jährige Tochter aus der dritten Ehe des Postmeisters, die spätere Gattin Christoph Ottos, s. die Stammtafel in Bd. II. Es sind 26 Briefe von ihr an Jean Paul aus den Jahren 1792—1824 erhalten (Berlin JP). Seine Briefe und Billette an sie hat der Schwiegersohn ihrer ältesten Tochter, der Musikdirektor und Gymnasiallehrer Joh. Friedr. Täglichsbeck in Brandenburg a. d. H., u. d. T. „Jean Pauls Briefe an eine Jugendfreundin“ 1858 ziemlich vollständig veröffentlicht; die Handschriften befanden sich großenteils in Berlin (nicht JP), ein Teil ist verstreut. 288,18f. Renate war mit ihrer Mutter bei deren Schwester in Bayreuth zu Besuch gewesen und hatte von dort wohl nicht an Richter geschrieben; daher schreibt er in ihrem Namen an sich selbst, wie in Nr. 89 in Oerthels Namen. 22f. Vgl. 260,12—15. 289,13 Beerin: wohl eine Tochter des Regierungsrats Joh. Siegmund Ferd. Beer in Bayreuth; die älteste, Wilhelmine Margarethe Charlotte Helene, war am 23. März 1774, die zweite, Charlotte Ludovike Friederike, am 2. Mai 1775 geboren.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

317. An Renate Wirth in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 288 (Brieftext); 509 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Renate Wirth. Schwarzenbach a. d. Saale, 22. April 1790. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_317 >


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