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[ Schwarzenbach ] den 6 Nov. 1790.
310,30
Du wirst dich meines neulichen Urtheils über dieses Buch er-
innern; iezt ändere ichs ein wenig. Das Buch enthält im ersten Bande
eine Enzyklopädie aller Wissenschaften, im zweiten die Naturwissen
schaft. Blos die leztere ist des grossen Genius unsers Freundes werth,
ungeachtet sie kein volständiges System sondern nur Anmerkungen 311,1
über eine Tabelle darüber verspricht und giebt. Hingegen der erste
Band ist nicht sowol eine Enzyklopädie als eine Methodologie und
Nomenklatur der Wissenschaften, in der nur selten eine Hermannische
Bemerkung glänzt. Die übrigen Fötusse, Embryonen und molecules 311,5
organiques
auf Konzeptpapier sind fast alle wie er selbst verlassene
und verwaiste Genies und von grösserem Werthe als die volendeten.
Denn seine Ausarbeitung erschwert durch 3 erlei ausserordentlich das
Lesen und Verstehen: 1) durch Perioden von 2, 2½ Seiten (wie in der
Naturwissenschaft) 2) durch unnöthige sich selbst ersezende Bestim311,10
mungen, welcher Fehler Kant mehr unverständlich macht als sein
Tiefsin selbst (es ist als besiehst du eine Landschaft durch ein Mikroskop)
3) durch eine sonderbare Bescheidenheit und Verstektheit, womit er
gerade seine besten Ideen mehr mit Winken als Worten andeutet. Jezt
kömt es darauf an, ob dein Lesen dieses Urtheil und hernach meinen 311,15
neulichen Rath bestätigt, anfangs nur die besten Stücke überal, selbst
aus der Naturwissenschaft (z. B. Seit. 652 etc. etc. eine meisterhafte
physiologische Darstellung des menschlichen Körpers darin) heraus
zugeben und dan erst die Naturwissenschaft darauf zu geben. Dazu
kömt noch, daß viele Ideen, die er erfand, weil er wenig las oder alles311,20
mit seiner Ideenmasse auflösete und amalgamierte, schon vorher
erfunden waren. So warf ihm ein Rezensent seinen Saz von den
groben Theilen der Luft, des Äthers als ein Plagiat vor. So schrieb
er mir selbst, daß er eine Theorie über die Schwere unterdrükte, weil
er sie bei einem andern nachher gefunden. Wenn wir das thun: so 311,25
gehen wir den Umständen aus dem Weg, die seinen lezten Werken das
Schiksal seiner gedrukten zuziehen könten; und wenn einmal der
Werth dieses grossen Geistes öffentlich gefühlt und gestanden ist, so
daß es die Höfer etc. Spizbuben vernehmen: so haben wir beide nur
den halben Schmerz über sein Hinfallen. 311,30

Aber eile ein wenig, weil ich im einen Falle viele Arbeit, bei so
knapper Musse hätte.

Ich vergas unter meinen obigen Gründen noch, daß sein Werth und
Geist nicht in seinen Wendungen liege und daß die, in denen er ist, ia
nur behalten werden dürfen. 311,35


H: Berlin JP. 2 S. 4°. K: Otto 6 Nov. 90. J: Otto 1,9. 311 , 26 dem] den H 29 vernehmen] hören K
Es handelt sich um ein hinterlassenes Werk Hermanns, vgl. Nr. 304†. Tagebuch, 26. Okt. 1790: „Meine Lektüre in Hermans Schriften.“ 311,27 Hermann hatte unter dem anagrammatischen Pseudonym N. H. Marne zwei Schriften veröffentlicht, „Über die Anzahl der Elemente“ (1786) und „Über Feuer, Licht und Wärme“ (1787), die beide ohne Erfolg blieben. 36 Die Beilage ist nicht erhalten.

Textgrundlage:

346. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 310-311 (Brieftext); 516 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Schwarzenbach a. d. Saale, 6. November 1790. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_346 >


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