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60,10
Liebe Mama!

Verzeihen Sie, daß ich so lange nicht geschrieben und daß ich iezt
so kurz schreibe. Ich habe soviel zu tun, daß ich mich kaum rüren kan
und wenn ich nicht alle Kräfte anstrenge, so werde ich bis zu Pfingsten
gar nicht fertig. — Sie wollen wissen was ich für Bücher schreibe? 60,15
Es sind weder teologische noch iuristische; und wenn ich Ihnen auch
den Namen herseze, so ists Ihnen damit doch nicht deutlich: Satiren
oder spashafte Bücher sind es. — Fast muste ich lachen, da Sie mir
den erbaulichen Antrag thun, mich in Hof in der Spitalkirche z. B.
vor alten Weibern und armen Schülern mit einer erbaulichen Predigt 60,20
hören zu lassen. Denken Sie denn, es ist soviel Ehre, zu predigen?
Diese Ehre kan ieder miserable Student erhalten, und eine Predigt kan
einer im Traume machen. Ein Buch zu machen ist doch wol zehnmal
schwerer. Übrigens wil ich Ihnen nur berichten, daß ieder Student wie
ich in Hof gar nicht predigen darf, one vorher für 16 fl. in Bayreut die 60,25
Erlaubnis dazu gekauft zu haben. — Hier ist ein Zettelgen für den
Gotlieb, den Sie doch nunmehr einmal anzubringen suchen solten,
wär’ es auch nur bei dem Aktuarius in Schwarzenbach. Aber zu einem
Schreiber taugt er noch nicht einmal; denn er schreibt eine schlechte
Hand. — Hier ist auch mein Buch für den Doppelmaier in Schwarzen- 60,30
bach, welches Sie nur durch den Leistschneider dahinzuschikken brauchen.
Aber so bald als möglich. — Leben Sie recht wol und schreiben Sie
bald. Ich bin

Leipzig den 3. April. 1783.
Ihr gehors. Son J. P. F. Richter 60,35


N. S. Was macht der liebe Samuel? Ich freue mich recht auf ihn.

H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 1 S. 4°. J: Wahrheit 3,318×.
60,31 Leistschneider: der Botengänger zwischen Hof und Schwarzen bach. (Otto schreibt Leistenschneider.)

Textgrundlage:

35. An Frau Richter in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 60 (Brieftext); 436 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Sophie Rosine Richter. Leipzig, 3. April 1783. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_35 >


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