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Schwarzenbach den 2 Febr. 91 [Mittwoch].
323,24
Lieber Otto
323,25
Ich wil mir iezt gar nicht die Mühe geben, nur 3 zusammen
hängende Perioden zu sezen. — Also erstlich nüzt deine Dinte meinen
Fötussen was das kalte Wasser deinem Leibe; sie iagt die Krankheits
Materie heraus indem sie Beulen macht. — Ich habe bisher iede
satirische Personage wie eine Pfänderstatue angesehen, die man mit 323,30
allem Möglichen bestekt und umhängt: du gewöhntest mich halb davon
ab; aber desto kahler steht vielleicht alles da, besonders mein armer
Fälbel, an den ich, ohne deine kritische Ordnung des Heils, sicher alles
Närrische gepicht und geheftet hätte, was von den weitesten Sprüngen
der Phantasie wäre aufzutreiben und zu erspringen gewesen. Sauer 324,1
wirds, so vernünftig zu sein. Da ich aber doch gar zu langweilig
werden könte und da ich den Orbilius in sovielen Seiten noch nicht
über Schwarzenbach hinausgebracht habe: so wil ich ihn vorläufig
sizen lassen wo er sizt, damit er dir size und du durch deine Kritik mir 324,5
Mühe ersparest oder belohnest. Ich werde dem Schul-Emigranten von
Minute zu Minute feinder ie länger ich ihn beschreibe. — Sag alles
recht gerade heraus: nur must du, wenns zu machen ist, Tadel mit
Lob versilbern, um welches ich dich ausdrüklich ersuche. Im halben
Ernste: es wird mir wol thun und ich werde wissen woran ich bin, 324,10
wenn du mir meine lucida intervalla deutlich angiebst. Das würde
anspornen. Denn solche Stunden, wo man sein eigner Provokant ist
und wo man das Ohrenklingen der 2ten Trompete der Fama hat,
schlagen für mich so oft wie für dich (nur daß du es noch 13 mal weiter
treibst) und man mus iemand haben, dessen Stimme man seiner eignen 324,15
entgegensezt. — Eile aber und gieb mir Sontags alles wieder.

Dafür aber, daß ich von Tage zu Tag vernünftiger wurde (welches
ich mir nimmer verbergen kan) — erlaube mir, daß ich auch einmal
etwas recht Närrisches laiche. So ein Vergnügen, womit ich Haber-
mans Reise in [den] Teufels Papieren machte, indem ich das rechte 324,20
Bein am arktischen Pole und das linke am antarktischen hatte —
giebts schwerlich mehr, du müstest mir denn erlauben, mir es und die
Reise noch einmal zu machen. Versicherst du mir also, daß solche Seil
tänze den Leser nicht gar zu unangenehm affizieren: so mach ichs und
ich freue mich schon darauf. Thue mir den Gefallen und erlaube 324,25
mir diese Tour, da ich Fälb[els] seine so ordentlich und geographisch
mache.

Blos das anarchische Wetter hielt mich ab, meine äusserste Ab
arbeitung am Morgen durch den Abend und durch Hof zu heilen. Dafür
trit der Himmel am Freitag etc. etc. etc. in desto schönere Harmonie 324,30
zurük. Könt’ es der Leistschneider noch mitnehmen: so wäre mir der
Empfang des Oberons sehr lieb. — Die Lina ist nichts für dich.

Den ganzen Sontag versas und verruhte ich bei Herold.

Schik mir das de prodigo und mehr.

Am Sontag mus ich meinen Fälbel wieder haben, den ich erst 4, 5 mal 324,35
wiedergebären solte eh er durch deine Zuckerraffinerie solte. Denn es
wird sicher kein Stük von mir so oft gelesen als ichs geschrieben.

Lebe wol und grüsse und scheere in meinem Namen meinen alten an 325,1
Rok und Wangen rothen Pylad.

Fr. Richter


H: Berlin JP. 2⅔ S. 4°. K: Otto den 4[!] Febr. J: Otto 1,30. A: IV. Abt., I, Nr. 123. 323,24 Febr.] aus März H 31 Möglichen] Lächerlichen K 324,4 vor läufig] aus iezt H 15 iemand] einen Freund K 33 Sontag] Abend K
Mit der ersten Hälfte der von Otto zur Ausführung bestimmten „Reise des Rektors Fälbel“ (vgl. 300,2 ). 324,13 2te Trompete der Fama: vgl. I. Abt., 147,7†. 19f. Habermanns Reise: I. Abt., I, 232—256; palin genesiert VII, 295—312. 32 Lina: s. zu Nr. 359. 34 de prodigo: vgl. 315,8—10. 325,2 Pylad: vgl. 320 , 12 †.

Textgrundlage:

361. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 323-325 (Brieftext); 520 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Schwarzenbach a. d. Saale, 2. Februar 1791. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_361 >


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