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Schwarzenbach den 1 Jun. 1791.
337,20
Ob ich gleich deine Arbeit, die ich mit soviel Liebe und Vergnügen
las als du sie zeugtest, nach ihrer Volendung erst beurtheilen kan: so
hab’ ich doch ein Paar Bleiweis Striche und ein Paar Noten hier
nicht unterlassen können. Wer in keinem ganz anelektrischen Körper
stekt: dem mus die Weltgeschichte die Nerven und die Feder mit Aether 337,25
füllen; oder kein Feuer des Stils und der Seele ist überhaupt zu
lässig — vertausche also ja deinen feurigern Ton mit keinem andern,
der etwan für feudalische Paragraphen passet.

1. Den genanten Gütern konten Barbaren nichts anhaben.
2. Höchstens Städte. 337,30
3. Oder lieber: „der Uebermacht“. Nach dem strengsten Sin hast
du freilich Recht; aber sonst gilt dieses Schwanken des politischen
Wagbalkens auch von Europa, wo die Majorität von Süden immer
mehr gegen Norden zureisete.
4. Aufschwellen, überfüllen, überladen.
337,35

Blos des Adelungs wegen: „daß sie das Band aller Länder und 338,1
Völker d[er] R[ömischen] W[elt] wurde, das in der Folge ein wol-
th[ätiger] Genius noch fester zuzog und an dem er sie zu höherer Bildung
lenkte“.
6. Die nächsten 6 unterstrichnen Wörter vertragen sich als abstrakte 338,5
Rechnungsmünzen nicht mit dem brennenden Metalflus vorher. Aber
auch ohnedies ists mir wenn ich bei den sonst besten Autoren (Wieland,
Garve etc.) die luftartigen Ausdrücke lese „Wirkung, Vereinigung,
Zusammenhang, bewirken, hervorbringen“, als müst’ ich warmes
Wasser oder warme Luft saufen: warum nicht „binden, knüpfen, 338,10
schlingen“ da zumal keine Sprache auf einem solchen Wortschaze
sizet als die deutsche. Ich sage das nicht nach: denn ich habe ein Lexikon
aller Verba, die sinliche Gegenstände malen, (und blos um diese
Worte dreht sich der ganze Styl, besonders der malende) zusammen
getragen: z. B. fürs blosse „Gehen“ haben wir 94 Verba, für 338,15
schallen 104. Ich wil dirs einmal weisen.
7. Der grosse Genius des kleinen Rennebaums fragt die meisten
deutschen Schriftsteller, auch die ungedrukten: warum sie Gedult,
dultsam, und doch dulden schreiben.
Wegen meiner Unbekantschaft mit deinem künftigen Zwek weis ich 338,20
die Ursachen nicht genug, warum du manchen Stellen zulezt diese
oder iene Ausdehnung gegeben.
Das Schreiben mit Feuer wirft selbst im Kopfe des Autors Stralen
in die entferntesten Winkel einer Materie, die er bei kaltem Nach
denken gar nicht bemerkt hätte — die Leidenschaft hat, blind für alles338,25
andre, dennoch das schärfste Auge für ihren Gegenstand.
Da ich dein Stilschweigen auf meinen lezten Brief nicht für
Zögerung sondern für Bejahung halte: so werd’ ich nächstens einen
an den Herman selber schreiben und ihm die alten Mspt. geben und
neue fodern. 338,30

R.


H: Berlin JP. 2 S. 4°. K: Otto 29 Mai [!] . J: Otto 1,87× (1. Jan. 1792). 338 , 6 Metalstrom K 12 als] wie K 29 Mstpt. H
Es handelt sich um den Anfang von Ottos „Einleitung zu einer Geschichte des Europäischen Gleichgewichts“, die 1801 in K. L. Woltmanns Zeitschrift „Geschichte und Politik“ (I, 117—188) erschien. 337,29 Otto sagt a. a. O. S. 117: durch den Einbruch der Barbaren verloren die Römer nicht nur ihr Eigentum und ihre Rechte, sondern auch ihre Sitten, Gesetze, Künste, Gelehrsamkeit, Philosophie, Religion und Sprache. 30 Vgl. a. a. O. S. 118: „Als ein schwaches Band vereinigte die Gastfreundschaft nicht ganze Völker, sondern nur einzelne Männer, höchstens Städte.“ 31 Vgl. a. a. O. S. 120. 338,1 Vgl. a. a. O. S. 127 (sie = die christliche Religion). 5—16 Vgl. Vorschule der Ästhetik, § 78 und 83 (I. Abt., XI, 262,9f., 287f., Fuß note). 17—19 Rennebaum (vgl. 33,6†) spricht in seinem von Jean Paul parodierten Programm von 1789 von „dem großen Geist der Griechen und Römer“, s. II. Abt., III, 101. Vgl. Ungedult 15 , 9 .

Textgrundlage:

376. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 337-338 (Brieftext); 524 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Schwarzenbach a. d. Saale, 1. Juni 1791. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_376 >


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