Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.




[ Leipzig, 14. April 1783 ]
63,10
Sie gaben Ihrem Briefe keine Aufschrift; dadurch erteilen Sie mir
das Recht, den meinigen mit dieser zu zieren — Sie nennen mich
keinen Hochgeerten Hern; darum nenne ich Sie meinen Freund und
schreibe Ihnen in einem andern Tone als dem Ton der Höflich
keit, die gleich den Schlangen zwar geschmeidig aber eben so kalt ist. 63,15
Doch eh’ ich weiter geh’, mus ich einen Argwon heben, zu welchem
Sie die Schreibart meiner Briefe vielleicht berechtigen könte. Meine
Schriftstellerei hat meine Gedanken 〈meine Sprache〉 einmal an
Wendungen gewönt, deren Gezwungenheit sich mit Wärme des
Herzens wenig zu vertragen 〈so ser zu streiten〉 scheint. Antitesen und63,20
Gleichnisse sind nun in meinem Gehirn eingewurzelt, daß sie selbst
meinen Träumen anhängen, selbst die Sprache meines Herzens mit
Gallizismen verunstalten. — Wenn ich daher nicht so warm schreibe als
ich füle, wenn die Ergiessungen des Herzens auf ihrem Wege durch den
Kopf an Wärme verlieren, so wissen [Sie] meine Ursache. Warum 63,25
felt mir doch die simple Natursprache des einzigen, guten, teuren [?]
Rousseau, um Ihnen zu sagen, daß Sie mein Herz ganz haben, daß
Ihre Antwort meine Hofnung übertroffen, daß ich gewis überzeugt
bin, wenn Sie — O ihr neuen, empfindlichen Gekken der Deutschen, die
ihr mit dem Mädgen weint, um mit ihm zu huren, und mit dem Freunde, 63,30
um in etlichen Minuten zu zanken, warum raubt ihr andern, deren
Herz Empfindungen nicht nachäffet aber fült, durch die Torheit [?]
den Mut, eine gemisgebrauchte [!] Sprache zu reden. Mein Freund,
man hat der erkünstelten Tränen soviel vergossen, daß man sich der
waren schämt, und die Empfindsamkeit scheint in Gefüllosigkeit aus63,35
zuarten 〈überzugehen〉.

Sie sind nicht nur mein Freund, sondern Sie waren es auch. — 64,1
Meinem Vergnügen über Ihres gleicht nichts als der Anteil, den ich
an Ihrem Schmerze über die Undankbarkeit Ihres Vaterlands neme.
Mir ist immer (um offenherzig zu sein) das Sonderbare Ihres
Schiksals aufgefallen — die Natur, die bei Ihnen weder Kopf noch 64,5
Herz vergas, vergas beides bei denen, mit denen Sie leben. Dieses
Land verdient, daß Sie es verlassen; und Sie verdienen, daß Sie ein
zehnmal besseres finden, ein Land, wo Sie der Priester nicht verfolgt,
und der Arzt 〈die Kollegen〉 nicht beneidet; wo Ihren Kopf ein
Gönner belont und Ihr Herz ein Freund liebt, der Ihrer Freundin 64,10
gleicht. Ich bin von der Warheit Ihrer Gründe für Ihre Absicht so
ser überzeuget, — Übrigens halt’ ich von der Liebe zum Vaterland
nicht viel. Die Teologen erweisen die Gleichgültigkeit des Orts, wo
man begraben wird, durch die Floskel: „die Erde ist des Hern“; ich
möchte dieses auf den Ort anwenden, wo man geboren wird. Warum 64,15
sol denn dies Stükgen Welt, über das mich meine Mutter 9 Monate
als Embryon herumgetragen, mer Liebe verdienen, als der Flek, den
ich viele Jare mit gewichsten Stiefeln betreten? Warum sol mir die
Kindheit einen Aufenthalt mer veredeln als das mänliche Alter? Sol
die Vaterlandsliebe unsern Freunden und Anverwandten gewidmet 64,20
sein; so ist iedes Land mein Vaterland: denn überal findet man Freunde,
oft merere und bessere, als man verläst. Auch müste sonach unsre
Vaterlandsliebe auswandern oder sterben, wenn unsre Freunde aus
wandern oder sterben. Sie ist eine Sonne, deren Stralen der un
wissende Barbar anbetet, und der Professor der Optik zerspält. 64,25
Klopfstok [!] mag allenfalls die Vaterlandsliebe besingen, und ein
Schweizer sie hegen. Auch ists eine bekante Bemerkung, daß die Liebe
eines Lands sich wenig mit seiner Aufklärung vertrage, und daß —
Ich werde nie ein Opfer und Bewoner des meinigen werden. Vor-
züglich, da ich weder Teologie studire und keines Amts fähig bin; solten 64,30
aber in der weiten Welt meiner satirischen Geisel törichte Rükken
felen, so würd’ ich auf Extrapost in mein geliebtes Vaterland hin
eilen. — Eben diese Untreue an der Teologie macht mich unfähig, Ihr
überaus gütiges Anerbieten zu etwas zu benüzen als zur Vermerung
meiner Dankbarkeit. 64,35

Entschuldigen Sie beim Pfarrer in Rehau mein Stilschweigen [da-
mit], womit ich die Feler dieses Briefes entschuldigen mus, mit der
Verfertigung meines Buchs nämlich, das allen andern Geschäften 65,1
Zeit und Kräfte wegfrist, um in 12 [?] Monaten 14 Bogen dikker zu
werden. Man mus hierin die Frauen nachamen, die sich in den Be
schwerlichkeiten der Schwangerschaft und Geburt mit der Hofnung
auf die Schwelgerei im Kindbet trösten. 65,5

Hier würd’ ich meinen Brief, der so ler wie der Kopf und der
Beutel eines Poeten ist, schliessen, wenn Sie den Ihrigen nicht so
angenem geschlossen hätten. One einen schwedenborgischen Traum
bei den Lokken herzuziehen etc. bitt’ ich Sie, mich Ihrer vortreflichen
Freundin mit aller der Wärme zu empfelen, mit der Sie sie lieben und 65,10
ich sie verere. Zu diesem allem wolt’ ich noch hinzusezen, daß Sie nun
in demselben Zimmer eine vortrefliche Lobrede und eine schlechte
Satire auf das schöne Geschlecht besizen — daß ferner die Mytologie
eine himlische und dan eine irdische Venus kent, davon die leztere in
Leipzig von 1000 Priesterinnen angebetet wird, die man nicht Weiber 65,15
sondern Damen nent, und davon die erstere nur Eine — doch dies alles
mag ich nicht hinzusezen, weil Voltaire sagt, man mus nicht iede
Warheit sagen. — Ungeachtet Ihnen mein Buch schon einige [Lang-
weile] macht, so wil ich Ihnen doch nächstens mit einem andern Briefe
noch einige machen. etc.65,20


K (Konzept, am Schluß Kopie): 5. [am Schluß datiert:] Den 14 Apr. i: Wahrheit 3,234×. Voran geht ein nicht verwerteter Anfang: Ihr Brief enthült mir die Schönheit Ihres Herzens so ser, daß ich die Schönheit des Kopfes übersehe. — Man befürchtet vom Satiriker Unempfindlichkeit; aber die Gallen blase, aus der die Satire schöpft, ist weit entfernt vom Herzen, das nur liebt; sie mus darein erst durch die Adern, grosse Holader [aus Aorte] kommen. 63 , 17 meiner Briefe] aus dieser Zeilen 20 scheint] danach gestr. aber bei mir gewis verträgt 23 Wenn] davor gestr. Jeden gekünstelten Ausdruk meiner Empfindung übersezen Sie sich daher in iene simple Sprache 24 Ergiessungen] aus Empfin dungen 25 meine Ursache] aus die Entschuldigung 28 f. gewis überzeugt bin] aus Ihnen ganz glaube 31 um bis zanken] aus one Gründe empfindet und zankt 64 , 1 Sie sind bis 2 Anteil] nachtr. anstelle von Aus diesem werden Sie den Anteil ersehen 4 Mir bis 6 leben.] nachtr. 9 wo bis 10 liebt] aus wo Ihr Kopf einen Gönner, und Ihr Herz einen Freund antrift 13 Die bis 15 wird.] nachtr. anstelle von Die Teologen behaupten die Gleichgültigkeit des Begräbnisses ortes [!] durch das Sprüchelgen:.... ich tue dasselbe bei dem Geburtsort. 22 Auch bis 25 zerspält.] nachtr. anstelle von — auch würde daraus folgen, daß meine Vaterlandliebe mit meinen Anverwandten auswandern und sterben müste.. 27 Schweizer] aus Republikaner 32 f. hineilen] vielleicht heimeilen 65 , 6–20 nachtr. anstelle von Ich wil gleich das Ende Ihres Briefs beantworten und das Schönste desselben. Ich mag Ihr schönes Lob „eine selten gute, liebe Gattin“ mit keiner galanten [aus durch keine höfliche] Schminke bekleksen, und one einen schwedenborgischen Traum an den Lokken herzuziehen, bitte ich Sie, eine Freundin, die eine so beredte [aus ware] Lobrede des Geschlechts ist, auf das ich eine ziemlich schlechte Satire gemacht, [abgebrochen]
65 , 8 schwedenborgischen Traum: vgl. 62,7f. 13 Satire auf das schöne Geschlecht: im 1. Band der Grönländischen Prozesse.

Textgrundlage:

38. An Dr. Doppelmaier in Schwarzenbach. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 63-65 (Brieftext); 437 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Georg Gottfried Doppelmaier. Leipzig, 14. April 1783. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_38 >


Zum XML/TEI-file des Briefes