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345,15
[ Schwarzenbach ] 25 Feb. 1792 [Sonnabend].

Lieber Otto!

Endlich ist nach einem Jahr die konvulsivische Geburtszeit meines
Romans vorüber. Ich wolt dir tausend Dinge sagen; folglich kan ich gar
keines. — Wo fang’ ich an? — In der künftigen Woche, wo ich nichts 345,20
zu thun habe, wil ich über meinen und alle Romane reden. — Apropos:
auf dem Titel des meinigen steht mit „romantische Biographie“.

Ich kont’ es nimmer erwarten, ihn dir zu geben — also bekömst du
ihn mit allen Lücken, mit allen Mängeln, die ich selber sehe und aus
Minuten-Armuth stehen lassen muß, und mit leeren Seiten und ohne 345,25
satirische oder philosophasterische Digressionen. Ich wil es doch noch
einmal sagen: daß ich ihn noch nicht korrigiert habe und daß die lezten
⅔ der erste Ausbruch aus meiner Konzept-Feder sind.

Wie ein Vieh hab ich diese Woche geschrieben — der Appetit ist
längst fort — je näher man dem Ende kömt, desto krampfhafter 345,30
schreibt man und ich, der ich sonst alle 2 Tage schrieb, brütet täglich
2 mal daran.

In acht Tagen sei so gut (ich kans nicht erwarten) und schreibe mir
ein algemeines Urtheil darüber: das entwickelte kanst du eine Woche
später fällen. — 345,35

Montags.
346,1
Dieses Pak ist die Ursache warum dein Buch oder ich gestern nicht
kam. — Und doch hatt’ ich gestern nicht so viel Zeit, nur die Kapitel
zu numerieren: ich habe deswegen unten mit Bleistift die Hefte
numeriert; leg es aber doch nicht so sehr aus einander, sonst kanst du 346,5
dich in den Wirwar nimmer finden. — Halt es nur bis zum 21 Sektor
aus: dan läuft das Interesse schon mehr zusammen. — Uebrigens
kanst du vorn keine einzige Szene herausziehen, ohne daß hinten alles
zusammenfält, weils Werk ist wie meine Hosen, wo eine Masche alle hält.

— Es versteht sich, daß unser Alter es auch lesen kan, wenn er wil. — 346,10
Bis Sonabend hast du es hoffentlich wenigstens durchgeflogen — und
mir wenigstens ein Paar Zeilen darüber geschrieben. — Ich wolt noch
1000 Dinge sagen — meine unvortheilhafte Lage für einen Roman
schreiber — daß ich ferner keinen einzigen lebendigen Karakter brauchen
können, kaum etwas vom alten Oerthel ausgenommen — daß ich 346,15
leider die obersten Stände, die ich selber nicht gesehen, zu schildern
mich erfrecht, (worüber ich die 2 Entschuldigungen habe, daß meine
meisten Leser auch nicht da waren und daß andre Autores es auch so
gemacht und daß doch aus allen gedrukten Kopien des Hofs eine
einzige werde zu machen sein —) und daß ich alle Szenen, sie mögen 346,20
immer meine Kräfte überstiegen haben, doch geschildert, anstat daß
andre darüber wegspringen. Denn es giebt eine Menge Mittel, den
Leser um die Schilderung mislicher Szenen zu bringen. — Übrigens
ist dieses Pak ein corpus vile, an dem ich das Romanenmachen lernte:
ich habe jezt etwas bessers im Kopfe! — Ist an den auf andres Papier 346,25
geschriebnen Szenen nichts — dem Eintrit aus der Erde in die Erde —
an der Szene auf einem Berg in einem Park während eine Orgel
geht — an denen mit der Residentin, die mich die meiste Mühe ge-
kostet und noch grössere kosten werden — an der Badzeit, an dem
Tage auf der Molucke Teidor — so ist der ganze Bettel nichts werth. — 346,30
Blos die zwei Hauptkarakt[ere] hatt ich darin zu entwickeln Zeit. —

Behandele mich mit Strenge, aber doch nur mit so vieler als der
Werth des Buchs aushält: hält er gar keine aus, so must du mich
loben. — Wenn nur die 8 Tage weg wären! Ich versich[ere] dich,
ich werde zu Hause ordentlich erröthen wenn ich mir denke, jezt ist er 346,35
da, jezt da!

Richter


H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 3 S. 4°. K: Christian Otto 29 [!] Feb. i: Wahrheit 4 90. J: Otto 1,90× (2. Febr.). A: IV. Abt., I, Nr. 132. Die Reihenfolge der Sätze weicht in K ab. 345,19 Romans vorüber] Buchs zu Ende K 32 2] aus 3 H 346,9 alle] die andern K 11 Bis] aus Am H 15 daß bis 17 erfrecht] ich habe mich in die hohen Stände gewagt ohne sie zu kennen K 28 die meiste Mühe] aus das meiste H 32 doch nur mit so vieler] mit keiner grössern K 33 aushält] erlaubt K 35 zu Hause] in meiner Stube K mir] daran K ist er] bist du K
Vgl. Tagebuch, 29. Febr. 1792: „Am Tage nach dem Schaltjahr [d. i. 25. Febr.] war das lezte Blat meines Romans geboren, dessen Bildung ein Jahr dauerte.“ Vgl. 336,18f. 345,22 Auf Ottos Rat blieb die Bezeichnung „romantische“ aus dem Titel fort. 346,10 unser Alter: Albrecht Otto. 15 Der Kammerrat von Oerthel hat Züge für den Kommerzienrat Röper geliefert. 20—23 Vgl. I. Abt., II, 290,21ff. 25 etwas bessers: den Hesperus. 25—30 Es sind die Sektoren 5, 28, 34, 37, 49—53.

Textgrundlage:

383. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 345-346 (Brieftext); 526 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Schwarzenbach a. d. Saale, 25. Februar 1792 bis 26. Februar 1792. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_383 >


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