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Schwarzenbach d. 20 Jul. 1792 [Freitag].
360,24
Unter allen Menschen, theuerste Freundin, lügt keiner so oft — er 360,25
mag Papiere oder Wetter versprechen — als der, der die Ehre hat,
es hier Ihnen zu bekennen. Dasmal aber hätt’ er doch nicht gelogen,
wenn er nicht gefunden hätte, daß der Aufsaz, den er für Sie um-
schreiben wolte, lieber müsse umgegossen werden: den Umguß trag’
ich in 8 Tagen in Ihre Stube; er sol wenn nicht Ihrer, doch wenigstens 360,30
meiner würdiger werden, denn aus dem vorigen Aufsaze sollen so viele
Gedanken ausfallen als aus des Verfassers Kopfe Haare.

Ich hatte mir selber fest versprochen, Ihnen heute kein ernsthaftes
Wort zu schreiben; aber ich belüge mich eben so wie andre und wil kein
scherzhaftes mehr schreiben, weil ich da Ihren eben so ernsthaften als 360,35
schönen Brief vor mich hergelegt, wo Sie mir, dem Sie noch keine
Scherben-Blumen gaben, dafür weit höhere reichen, deren Blätter nie 361,1
abfallen und die nicht wie andre, in der Nachbarschaft des Herzens
erbleichen.

.... Jezt fället mir auf einmal so viel ein, daß ich wolte, ich hätte
ein breiteres Papier genommen … 361,5

Ihre Gedanken über dieses Leben und über den wolkenlosen Nach
sommer desselben gefallen mir auch so sehr, weil sie nicht Kinder einer
briefstellerischen Minute sondern Vertraute ganzer Jahre und Schoos
jünger Ihres Karakters sind. Diese Welt wird nur durch den Blik in die
zweite am besten ertragen oder genossen; wie der herübergewölbte361,10
blaue Himmel den blumigten Fusboden der Erde verschönert, so
giebt der Gedanke an das, was in jenem sich verbirgt, allem dem,
was wir in dieser finden, Reize.

Gleichwol können Ihnen in Ihrem Kriege und Ausfalle gegen die
hiesigen Freuden, deren Kränklichkeit, Sommersprossen und Schram361,15
men Sie so sehr tadeln, nur sehr wenige Menschen beistehen — d. h.
nur sehr gute. Für jeden andern, der nicht mehr Sinne hat als fünf,
wächst auf dieser Kugel Futter genug; und der, dessen Hunger sich an
sinlichen Freuden stillen kan, ist hienieden der einzige Glükliche. Aber
es liegen in einigen Menschen Samenkörner, die hier ewig unter der 361,20
Erdrinde und ohne Sonne bleiben — Wünsche und Ideen einer Freund
schaft, die samt ihren Blüten an jeder fremden Menschenbrust wie
ein Spaliergewächs gekreuzigt wird — Tugenden, die wir mehr
denken als haben können, Entzückungen, die uns wie Fürstinnen blos
ihr Portrait vorausgeben — Kurz die Erde ist ein Speisesaal des 361,25
Magens, aber nie des Edlern im Menschen; und unter allen Beweisen
für unser Fortleben ist der der festeste, daß der Schöpfer uns mit
Tugenden, Wünschen, Träumen für eine ganz andre als diese Erde
ausgemalet und volgeschmücket hat und daß gerade die volkommensten
Menschen alle ihre Wurzeln aus diesem Koth-Boden ziehen und in 361,30
einen reinern schlagen..... Oben steht das Ende.

[ Am obern Rande: ] Dieses ist kein Brief, sondern nur die Spiel
marke eines Briefes. Ich bin mit einem kürzern Danke als es ein aus
dem schönsten Herzen geflossener Brief verdient, und mit immer
währender Hochachtung 361,35

Ihr gehors. Freund und Leser
F. Richter


H: Germ. Museum, Nürnberg. 4 S. 8°. K (nach Nr. 395): Helena Koehler d. 12 [!] Jul. i: Wahrheit 4,299. A: IV. Abt., I, Nr. 139. K zeigt viele kleine Varianten. 360 , 31 so viele] mehr K 34 wie] oft als K 35 scherzhaftes] lustiges K 361 , 8 Minute] Stunde K Schooskinder K 15 Sommersprossen] Zerbrechlichkeit K 17 fünfe K 18 wächst auf dieser] reicht diese aus sind auf dieser K 19 sinlichen] irdischen K 22 ieder fremden Menschenbrust] einer kalten Brust K 24 Fürstinnen blos] Prinzessinnen nur K 27 der Schöpfer uns] uns Gott K 28 Träumen] Begriffen K 30 diesen H
360 , 25—32 Es handelt sich um die mehrfach umgearbeitete Abhandlung über die Fortdauer der Seele; vgl. zu Nr. 350. 361,18f. Ein solches glück liches Wesen hatte Richter in Wuz geschildert, vgl. 359 , 9 .

Textgrundlage:

398. An Helene Köhler in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 360-361 (Brieftext); 531 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Helene Köhler. Schwarzenbach a. d. Saale, 20. Juli 1792. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_398 >


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