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[ Schwarzenbach, April 1781 ]
4,23
Hochgeehrtester Herr

Dieselben werden ohne Zweifel glauben, ich hätte meine Pflicht 4,25
gänzlich aus den Augen gesezt, da ich weder an Dieselben geschrieben,
noch mich mündlich nach Dero Wohlsein erkundigt habe. Allerdings
wär’ es sch[on] meine Schuldigkeit, persönlich Denenselben meine
Aufwartung zu machen. Allein die tausend Hindernisse, in die man
immer verwikkelt [ist], und die Arbeiten, die einem nicht erlauben, viel4,30
he[rum] zu reisen [?], werden mich hinlänglich bei Denenselben ent
schuldigen, wenn ich das, was ich schon lange hätte tun sollen, bis auf
iezt verschoben habe. Ich habe mir iezt vorgesezt mich in drei Wochen
auf die Universität Leipzig zu begeben. Dieselben werden leicht ein-
sehen, wie viel man Geld nöthig habe, um auf einer so theuern Uni4,35

versität zu leben — und Dieselben werden’s auch wissen [?], wie wenig 5,1
meine Vermögensumstände hinreichen, damit die nötigen Kosten zu
bestreiten, da ich meinen sel. Vater so bald verloren, da ich noch neben
mir vier fast noch unerzogene Brüder habe. Nun hab’ ich erfahren,
daß der H. Superintendent Esper verschiedene Stipendien, und auch 5,5
Tische zu vergeben hat. Ich werde mich also meistenteils [?] auf
Stipendien verlassen. Allein noch hab’ ich keins. Nun hab’ ich er
fahren, daß Dieselben bei dem H. Superintendenten in besonderer
Achtung stehen sollen, und daß man nur [?] Dieselben nötig habe, um
bei ihm alles zu erlangen; dürft’ ich nun nicht Dieselben gehorsamst5,10
bitten, daß Sie Sich bei dem Hern Superintendenten erkundigen, ob
noch Stipendien oder Tische zu vergeben wären, und zugleich bei ihm
die Bitte für mich einlegten, daß der H. Superintendent mir gütigst
ein Stipendium und einen Tisch zukommen liesse. Von Dero Güte
gegen mich bin ichs versichert, daß Dieselben diesem Verlangen keine5,15
abschlägige Antwort geben werden. Ich sezze noch die Bitte hinzu,
Dieselben möchten mir es sogleich durch einige Zeilen bekant machen,
ob [für] mich etwas oder nichts zuerwarten. Ich würd’ alsdann so
gleich nach Wonsiedel reisen, und selbst bei dem H. Superintendenten
gehorsamst suppliziren, und auch bei Denenselben meiner Schuldigkeit5,20
ein Genüge leisten. Dero Güte läst mich alles hoffen. Ich wünsche
Denenselben wol zu leben. Meine Mama läst sich Denenselben ge-
horsamst empfehlen. Ich aber habe die Ehre, alzeit mich zu nennen

Deroselben
gehors. R. 5,25


K (Konzept) im Arbeitsbuch (s. zu Nr. 2). 4 , 25 Pflicht] aus Pathen pflicht 33 mich] aus wenigstens 5 , 5 Superindentend 15 Verlangen] aus Bitte
Der Adressat wurde aus Nr. 229 erschlossen; vgl. auch Nr. 178—180 und 13,24. Johann Ruß, geb. 25. Juni 1746, gest. 19. Okt. 1827 in Wunsiedel, Regierungsrat daselbst, später kgl. preuß. Kriegsrat und Polizeidirektor in Fürth, war mit Frau Richter verwandt, s. 217,5. Nach Feststellung von Frl. Elisabeth Jäger (Wunsiedel) wurde Rust erst 1785 Stadtsyndikus; es ist also fraglich, ob dieser Brief an ihn gerichtet ist. 13 , 24 muß es sich jedenfalls um einen andern handeln, viel- leicht um denselben, an den Nr. 178 und 180 gerichtet sind. 5,5 Johann Friedr. Esper (1732—81), seit 1778 Superintendent in Wunsiedel und als solcher Verwalter der von dem brandenburgischen Kammersekretär Joh. Friedr. Amthor 1733 begründeten Stiftung von sechs Stipendien und Freitischen für in Jena und Leipzig studierende Landeskinder; s. Friedr. Wilh. Anton Layriz, Ausführl. Geschichte der öffentl. u. Privatstipendien für Baireutische Landeskinder, Hof 1804, I, 123ff. Richters Bewerbung war erfolglos; vgl. Schneider S. 83.

Textgrundlage:

4. An Stadtsyndikus Ruß in Wunsiedel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 4-5 (Brieftext); 418 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Ruß (Rust). Schwarzenbach a. d. Saale, April 1781. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_4 >


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