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Schwarzenbach d. 5 Sept. 1792 [Mittwoch].
366,24
Liebe Renate,
366,25
Der Dienstag hat mich kaum von Ihnen weggeschlept; so zieht
mich der Mitwoch schon wieder zu Ihnen hin. Bayreuth und meine
Paar verträumten Minuten darin liegen jezt vom Abendroth der
Erinnerung übergüldet vor mir; und in der Nacht des Lebens wird
dem Menschen jede Freude, wie im Finstern Fackeln, desto grösser und 366,30
glänzender je weiter sie von ihm rükt. Gute Renate, ich bin heute zu
ernsthaft. Denn am nämlichen Montagsmorgen, wo ich in der
Eremitage künstliche Ruinen bestieg und bewunderte, fiel 12 Stunden
von mir das schönste Herz, das noch über diese kothige Erde gieng, in
ewige Ruinen zusammen — — mein guter Oerthel starb an Blattern. 366,35

Niemand als ich weiß, was in seinem Kopf und Herzen, die nun auf 367,1
immer hier der Sargdeckel und die Töpener Kirche überdekt, für
Tugenden und Kentnisse und Knospen und Blüten verborgen lagen.
Sehen Sie, so sieht man, eh man 30 Jahre alt ist, die Lieblinge unsers
Innern einsinken — so steht vor dem verarmenden Mensch ein Grab 367,5
ums andre auf und der Greis sieht die Sonne blos hinter Todten
hügeln auf und untergehen. O was schadet es, daß im Alter der
Mensch mit seinen zertrümmerten Ohren und Augen wenig mehr
empfindet: er hört und sieht doch die eingegrabnen Vertrauten seiner
Jugendtage nimmer. 367,10


H: DLA, Marbach. 2 S. u. 1 Zeile 4° (anscheinend abge brochen). J: Täglichsbeck S. 34. 366 , 33 künstliche] aus die
Vgl. Tagebuch, 3. Sept. 1792: „... in Eremitage, schöner heller Morgen ... abends … Traurigkeit, daß ich schon fort muß … Vormittag gieng mein geliebter Eleve Oertel in die andre Welt — die Empfindung unsrer Lebensflucht drükt mich nieder.“ Vgl. Nr. 313. 366,33 Das Römische Theater in der Eremitage ist in Form einer Ruine erbaut; vgl. auch I. Abt., VI, 337,37†. Töpener Kirche: vgl. I. Abt., VI, 504,28f.

Textgrundlage:

408. An Renate Wirth in Bayreuth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 366-367 (Brieftext); 534 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Renate Wirth. Schwarzenbach a. d. Saale, 5. September 1792. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_408 >


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