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Für meine Freundin 368,28
Amoene

am Ende des Jahrs 1792.
368,30
Es giebt keinen schönern Gedanken als den der Griechen — hinter
denen wir in der Schönheit der Ideen und der Körper bleiben —,
daß jeden Menschen ein Genius umgebe, der ihn mit seinen unsicht
baren Flügeln kühlet, hebt und bedekt. Wenigstens möglich ists, daß
höhere Wesen das für uns sind, was wir für die Thiere — daß sie mit 369,1
unsichtbarer Uneigennüzigkeit um die wichtigsten Handlungen des
Menschen, nämlich um seine einsamen, und um seine wichtigsten
Gedanken, nämlich um seine ungehörten Wache stehen. Auch wüst’ ich>
nichts, was der arme Mensch in der brausenden Waldung des Lebens 369,5
mitten unter Thieren — Irsteigen — wilden Jägern — Stürmen und
fallenden Bäumen nöthiger hätte als eine unsichtbare Hand, an der er
williger und richtiger geht als an allen sichtbaren. — —
Der Genius. 369,10
In der Mitternacht, die zwischen zwei Jahren liegt, wird die Sand
uhr des alten umgestürzt — Alle Genien der schlafenden Menschen
ziehen in den Mond und fallen nieder vor einem Thron, um den ein
ewiger Schimmer und Zephyr flattert; für den, der sich darauf verhült,
hat der Endliche keinen Namen. Jeder Genius führet hinter sich die 369,15
365 Wolken, durch die er seinen Menschen zog...

Ich wende mein Auge mit Schauer von den andern Genien dieses
Jahres, die mit volgebluteten Wolken, auf welche Leichname und
Glieder geworfen waren, vor den stummen Thron des Schiksals
giengen; und ich sehe blos den friedlichern Genius an, der Deine 369,20
Wolken, A., beherschte und leitete.

Dein Genius schimmerte wie eine Sonne im Regenbogenkreis von
Wolken, die nun auf ewig von der engen Erde in die weite Ewigkeit
geflogen sind. Er sah mit einem Auge den immer um ihn wirbelnden
Wolken nach und zählte die, auf denen eine Abendröthe, eine Neben369,25
sonne, ein Regenbogen glimte — er wolte noch länger zählen, aber er
muste seinen Blik vol Liebe von denen abziehen, in denen Regentropfen,
Nebel und Dunkel niederhiengen. —

Erhaben und langsam zogen jezt aus der tiefen Ewigkeit in langer
Reihe die künftigen 365 Wolken eines jeden von uns, in denen so369,30
mancher Bliz, so manches Eis auf unsern unbeschirmten Busen
wartet. — —

Dein Genius schlug das Auge an dem stummen Throne dessen
nieder, den zwei Ewigkeiten umgeben, und sagte: „Ewiger, durch den
„ichs bin! Du siehst das zukünftige und ich nur das vergangne 369,35
„Gewölk. Ach der arme zerrinnende Mensch ruht drunten auf der „Erde mit bedektem Auge und träumt unter seiner Nacht nicht von 370,1
„den Thränen, die jezt in jenen Wolken in sein Leben ziehen. O
>„Alliebender, mein Herz ist zu weich! Nim aus den Wolken meines
„Menschen alle Thränentropfen — zertrenne die schwülen — um
„golde die trüben — das Morgenroth der Jugend fliesse über den 370,5
„ganzen Kreis — und ach wenn die wiederkömt, die Gewitterwolke,
„die schwarz über der gequälten Brust und über dem gedrükten Athem
„steht, o so lege dafür in sie das frische reine Wehen des abgekühlten
„Himmels — Aber ach da der Mensch doch eine versunkne Wasser
„pflanze ist, die ihre erschütterten gepresten Blüten mühsam über die 370,10
„Wellen hebt, so lasse mich, wenn eine finstre Wolke nicht weichen
„wil, in der Gestalt eines Gedankens, in der Gestalt eines Liedes, in
„der Gestalt eines Traums mit liebendem Zittern um die verdunkelte
„Seele fallen und sie bebend zwingen zu weinen, damit ich ihr das
„Zeichen gebe, daß ihr guter Genius sie umarmet habe“..... 370,15

Das Schiksal antwortet nie — die erste Wolke des künftigen Jahres
stand schon am Genius — — Er sank auf ihr zu seinem schlafenden
Menschen nieder und umzog ihn damit. — —

Mein Genius fliegt neben deinem und seine Wolken decken, wenn
Güsse in ihnen liegen, einen tiefen Schatten auf die des meinigen 370,20
und einen Purpurwiederschein, wenn Abendgold sie überzieht. — O daß
doch den Menschen das Schiksal so zusammendrükt, daß er sein Glük
weniger nach der Farbe als nach der Zahl seiner Wolken schäzen
muß! …

Tausend Neujahrswünsche! 370,25
Fried. Richter


H: Kunst- und Altertümersammlung der Feste Koburg. 4½ S. 4°. K (von fremder Hand, mit eigenh. Korrekturen): SBB, Nachlass Jean Paul, Fasz. 13b. 5½ S. 4°. J 1: Morgenblatt, 25. Juni 1829, Nr. 151. J 2: Otto 4,210. K beruht auf einer abweichenden (älteren) Fassung. 368 ,28 Freundin] davor theure K 30 1792] aus 1793 K 369,1f. mit unsichtbarer Uneigennüzigkeit] eine unsicht bare Uneigennüzigkeit zu ihren Pflichten rechnen, und daß sie K Uneigennüzig keit] aus Unsichtbarkeit H 8 williger und richtiger] gehorsamer und sicherer K 14 flattert] aus ist K für bis 15 hat] nachtr. K 15 Endliche] aus Mensch K, Ewige J 1 J 2! 18 auf bis 19 waren] auf den[en] Glieder und Leichname lagen K 21 leitete] fürte K 24 Auge] davor feuchten K 26 glimte] über gemalet er schien K er2 bis 27 abziehen] aus die wolt’ er nicht zählen K 27 Liebe] nachtr. H 28 Dunkelheit herunterhiengen K 31 auf bis 32 wartet] aus verhüllet ist K 33 stummen] aus stillen K 370 , 2 Wolken] aus Tagen H 3 Algütiger K 4f. ver golde K 7 die bis 8 steht] die Brust mit einem schweren Athem niederdrükt K 13 verdunkelte] finstere K 17 auf ihr zu seinem] an ihr auf seinen K 18 nieder] nachtr. H 19 decken] werfen K 21 Purpurwiederschein bis überzieht] goldnen Wiederschein, wenn sie mit Abendroth überzogen sind K daß bis 22 zusammen drükt] der Mensch ist so vom Schiksal zusammengedrükt K 23f. schäzen muß] schäzt K
Vgl. Tagebuch, 27. Dez. 1792: „Blieb in H[erolds] Hause bis 2 Uhr; schönste Abend meines kargen Lebens; ein gesungnes Wort von ihr ‚Die Tage sind nicht mehr‘ beklemt mich zu Thränen … Schöner lezter Tag. Neujahrswunsch an H.“ 369 , 17—20 Die blutigen Ereignisse in Frankreich! 370,9—11 Vgl. I. Abt., III, 94, 30—33 .

Textgrundlage:

412. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 368-370 (Brieftext); 534-535 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Ohne Ort, Ende des Jahres 1792. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_412 >


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