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Am Fastnachtsmorgen. 93. [12. Febr.]
370,28
Der Sontags Abend war das stürmende Aequinokzium, das allemal
den Uebergang von einer Jahrszeit in die andre macht und auf das 370,30
jezt der stillere sanfte wolkenlose vom Julius und Januar gleich weit
entfernte Nachsommer erfolgt. Meine Vorwürfe und Launen sind
jezt geendigt und Ihre Plagen. Ich konte Sie nur misverstehen, weil
ich Ihnen Widersprüche zutrauete — und diese kont’ ich nur zutrauen
und verzeihen, weil ich selber (wenigstens in leidenschaftlichen Stunden) 370,35
daraus bestehe. Z. B. mein gröster ist, daß allemal in der ersten Nacht
nach einem Sontage mein Blut noch höher fortsiedet — und daß es 371,1
in der zweiten erkaltet. Ich war nie am Montag vernünftig, aber am
Dienstag wurd’ ichs allemal. Gestern wars noch mein fester Entschlus,
Hof lange, und Sie noch weit länger, nicht zu sehen; und heute dank’
ich dem Himmel, daß ich noch niemand mein Wort darauf gegeben 371,5
als blos einem, um den ich mich gar nichts scheere — nämlich mir
selbst. Also an dem Fastnachtstage, wo andre Leute ihre Narheit an
fangen, beschliess’ ich die meinige.

Es wäre aber eine blosse Fortsezung derselben, wenn ich meinem
ersten Entschlusse, Sie nicht zu sehen, folgte. Ich würde dan nicht blos 371,10
viele fremde, und meine eigne Freuden zerrütten, Zusammenkünfte
stören und alle schöne Oerter fliehen müssen: sondern dieser Entschlus
wäre nichts als eine verstekte Absicht, mich zu rächen und Sie zu
quälen — — Das wil ich nie, das kan ich nie, das hat die Person nie
verdient, die mir so viele schöne Stunden gegeben und der ich nichts 371,15
vorzuwerfen habe als — meine Ungenügsamkeit. — —

(Ich ersuche Sie, mir im Konzert dieses Blat zurükzugeben, weil
in Ihrem Hause weder schriftliche noch mündliche Geheimnisse
eine Freistätte haben.)


Mein zweiter Entschlus war, Sie zugleich zu sehen und zu vergessen, 371,20
meine Augen und meine Worte in Schnee zu vergraben, in den Stellen
des verlornen Paradieses gleichgültig herumzugehen und zu sagen,
es war gar keines da — — Ach das kan ich noch weniger als gar nicht
kommen: wenn ich nur eine elende Konzert-Anglaise hörte, wenn ich an
einem Sommerabend neben Ihnen stände, wenn ich einen Gesang 371,25
hörte oder wenn nur zufälligerweise in mir der Traum aufstiege „so war
es sonst nicht“: dan würde mich die Vergangenheit mit ihren magischen
Qualen niederdrücken, ich würde von allen weggezognen Tagen noch
einmal mit vollen Augen Abschied nehmen und ich würde zu viel
leiden — — Nein! Sondern es bleibe lieber wie es war d. h. ich habe 371,30
nichts verloren als meine Auslegungen. Die bisherigen Zeichen Ihrer
Freundschaft dauern fort und ändern blos die Bedeutung, die ich in
sie legte; Sie sind die Henriette gegen mich (Jakobi[s] Sch[ri]ft[en]),
die zwar nicht im Werthe aber doch im Verhältnis einen Woldemar
an mir findet. — Auch ich brauche mein bisheriges Betragen nicht 371,35
zu ändern, da Sie ihm sonst die Auslegung gaben, die ich dem Ihrigen
versagte. Und wenn ichs auch brauchte, so könt’ ich nicht; und ich hoffe,
Sie und das Schiksal werden mich zu keinem neuen Riß und nicht zum 372,1
ersten Entschlusse verurtheilen.

— — So reichen Sie mir denn noch einmal Ihre gute Hand über
das Paradies herüber, dessen Mauer mich von Ihnen trent. Aber
es wäre Lüge, zu versichern, daß die Vernunft das mit ihrem Wasser372,5
ausgiessen werde, was höchstens die Zeit almählig zertragen und zer
bröckeln kan — — Es war blos Unsin der Empfindung, zu versichern
daß ich nur die Wahl hätte zwischen Has und Kälte — Es ist noch
jezt Unwahrheit, zu versichern, daß ich eh ich noch alle unsre Gegenden
verlasse, mein eignes Herz bezwungen haben werde — Ach wenn ich 372,10
aus ihnen weiche, so werd’ ich noch ein volles und bewegtes für die
Person aus ihnen tragen, der ich das ihrige nie hätte quälen sollen — —
Warlich, die trauernde Gestalt, die am Sontage, ohne Vermögen zum
Abschiede, einem noch bittern zusah, die nicht sagen konte, „lebe wol
weil sie fühlte, wem es unmöglich sei — diese geliebte Gestalt weicht372,15
nie aus meiner Brust — und wenn ich traurig bin, werd’ ich sie
schweben sehen und zu ihr gebrochen sagen: so bleibe denn auch ewig in
meinem Herzen, und ruhe auf seinen Wunden.... Leben Sie wol;
alle meine Wünsche sind für Sie, und meine Handlungen sind es; jede
Freude, die ich Ihnen verschaffen kan, ist meine; alle meine Geheim372,20
nisse sind die Ihrigen.

Ihr treuer Freund
Richter

N. S. Ich habe diesem zu unordentlichen Briefe den an Wernlein
beigelegt, den ich unabgesendet bisher niemand als Otto lesen lassen. 372,25
Aschermitwoch.

Mein kälteres Blut widerspricht meinem wärmern nicht und der
Aschermitwoch billigt (was in Italien heute selten geschieht) die
Fastnacht. Was ich gestern mit verdunkelten Augen gesagt, unter
zeichn’ ich heute mit abgetrokneten. — Ich habe nur noch die neue Bitte, 372,30
daß Sie das Paket, das mein Bruder um 3 Uhr bringen wird, mir nicht
im Konzert sondern etwan um 4½, oder 5 Uhr durch Ernst wieder-
geben möchten. Ich thue diese Bitte blos, um die Gelegenheit zur
neuen zu bekommen, daß Sie mir mit drei Zeilen Ihre Gegenwart im
Konzert und Ihre Zufriedenheit mit meiner Aenderung, versichern 372,35
möchten.

H: Berlin JP. 4⅔ S. 4°; der letzte Absatz (372,26—36 ) auf besonderm Blatt. J: Otto 4,219× (mit einem Brief an Christian Otto vom 13. Febr. 1794 vermengt). 370,33 nach geendigt vielleicht ein Doppelpunkt 371,35 an mir findet] nachtr. 372 , 6 werde] aus kan die Zeit] nachtr. 9 zu versichern] nachtr. 17 ewig] nachtr. 25 bisher] davor gestr. bisher ließ
Richter hat den Brief vermutlich gleich zurückbekommen, s. 371,17. Sein Tagebuch berichtet Anfang 1793 von leidenschaftlichen Szenen mit Amöne: „26. [Jan.] Ich machte von den Zeichen ihrer Freundschaft zu eigennüzige Auslegungen. — 10. Feb. Das Spiel ist aus. Ich zerrütte alles durch meine Wuth, alles entschieden zu sehen. — 12. März. Völlige Gleich gültigkeit gegen sie.“ Vgl. 398,29ff. Ob sich Amöne damals schon für Otto entschieden hatte, ist ungewiß. 371,33 Jacobis Schriften: s. zu Nr. 247. 372,24 Brief an Wernlein: nicht erhalten. 32 Ernst: mir unbekannt.

Textgrundlage:

413. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 370-372 (Brieftext); 535 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Ohne Ort, 12. Februar 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_413 >


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