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374,26
d. 26 März. 93.

Mein lieber Christian,

Der historische Kunstrichter ist dadurch vom ästhetischen verschieden,
daß er fast das muß machen können was er schäzen wil; und bei ihm 374,30
ist Tadeln und Bessermachen eins.

Diese Bemerkung ist das Kreditiv und das Vokazionsschreiben, das
ich aufzeige, wenn ich mich als beseztes Quartalgericht über deinen
Aufsaz hier niederseze.

Das Gericht hat einige fast blos grammatikalische Noten beigelegt 375,1
und wird hier noch einige machen. Die Sachnoten bestehen in einem
Quadrat am Rande (der bekanten Chiffre der Freimäuerer), welches
so viel bedeutet: „es hat mir recht sehr gefallen.“

— — Der Amtsverwalter war jezt 1½ Stunden in meiner Gerichts- 375,5
stube. — —

Ich wil mich einmal ganz wider meine Gewohnheit gar nichts um
wahre Ordnung scheeren — —

Brüte dein punctum saliens bald zu einem ordentlichen Feder-
Thier aus. Denn da jezt auf jedem Halse ein Kopf mit Regierungs375,10
Parallelismen steht: so könte dir einer zwar nicht mit der Vergleichung
oder mit dem Stofe derselben aber doch mit dem Stofe zum Verdachte
vorlaufen, daß er dich — auf alles gebracht. Es ist ohnehin schon schlim
daß ein Spizbube, der sich der ersten gallischen Hälfte meines Namens
bedient, zu Ostern 94 einige Winke über das Terzianfieber der Welt- 375,15
Revoluzion geben wird, bei denen die Welt, wenn du spät nachgewan
delt komst, recht leicht merken wird, wer eigentlich das Plagiat be
gangen.

— Mach dir vorher einen Bauriß und zeige mir ihn; und theil’
alles in Kapitel ab. Mache Digressionen, aber nicht parterre in 375,20
Noten sondern oben — im Grunde muß jede Hauptmaterie für einen
Autor nur das Vehikel und das Pillensilber und der Katheder sein, um
darin über alles andre zu reden. —

— An der Revoluzion des Christenthums must du wenigstens ihre
Unähnlichkeit mit den 3 andern aufklären und bestimmen. So die 375,25
des Muhammedismus. Wäre das Christenthum in die republikanische
Blüte Roms gefallen: so hätt’ es seine Aeste und Wurzeln nicht weiter
herumgetrieben als bei uns der Hernhutismus; aber Roms Heiden-
thum war durch frühere Hände gefället als christliche, durch monar
chische. —375,30

— Deine apokalyptischen Träume, womit dein Aufsaz wie die
Bibel entschlummert, unterscheiden sich von Wahrheiten in nichts
als in der Zeit; aber der Unterschied ist um einige Jahre grösser als
du denkst. Denn nur wenn Europa Ein geprestes, abgefressenes Gallien
wäre: dan müste sich dieser Riesengeist aufrichten von seiner über den 375,35
ganzen Welttheil reichenden Lagerstätte. Aber jezt da uns nicht das
selbe gemeinschaftliche Bedürfnis — Druk — Wunsch — und Geist
wie bei den 2 andern Revoluzionen emporspornt, da muß noch weit 376,1
mehr Licht unter unsere Hirnschalen und weit mehr Tortur-Schwefel
tropfen an unser Herz geworfen werden: eh sich die liegende Welt er
mant. Auf den reinen Höhen der Begeisterung sieht man wie auf den
Alpen wegen der unbesudelten Luft alles näher an sich geschoben. Gleich- 376,5
wol erwärmt es einen in diesen Frost-Tagen der Kleinigkeiten, wo
unsere ganze Freiheitsfahne in einem Federkiel besteht, auf einen Mai
des Menschengeschlechts vorauszublicken der es nicht glüklich macht; —
denn wer ists; und werden sie es mehr sein als ich und du? — sondern
besser und der uns von der Sonnenbahn, in der wir um die Ewigkeit 376,10
laufen, einen grössern Bogen zeigt als wir jezt kennen, wenn wir stat
der Hofnungen Aussichten begehren. Deine zwei lezten Lagen ergriffen
meine ganze Seele zum zweitenmale und nichts zieht mich aus meinem
zu oft zurükkehrenden Gefühle der Vergänglichkeit und der Kleinlichkeit
dieses Menschen Thuns als die Aussicht einer wichtigern Zukunft, der 376,15
Gedanke an ein verschleiertes Auge über uns und die Freude über den
Menschen, der mir diese Aussicht zeigt oder erneuert — Du kanst dein
Buch nicht höher schliessen als mit dem Enthusiasmus, der vom
„Triumphgefolge“ bis zu Ende dauert.
d. 27 März.
376,20
„Die Ausbildung der Seele ist mit Verschönerung des Körpers
verbunden, befödert sie, ist ihr behülflich etc.“ solte man nie
sagen: denn es ist wider die Kürze und wider das Interesse zugleich, den
Hauptgedanken (Verschönerung) zum Gefolg und Attribut eines ganz
unsinlichen ausgeleerten (verbunden, befödert) zu machen, da man 376,25
sogleich besser sagte: die gebildete Seele verschönert den Körper. Im
Verbo muß alzeit das Prädikat liegen. Die Engländer und Deutschen
haben aber diesen Fehler sich aus dem Studium der klassischen Römer,
besonders Zizeros angewöhnt. z. B. Warum sagst du „Der Enthusias-
„mus (der Christen), der auf einmal die Christen belebte, beföderte 376,30
„die Ausbildung der angelegten Verbindungen und die Aus
„führung der unternommenen Thaten“ stat „der neue Enthusiasmus
„bildete ihre Verbindungen und Unternehmungen aus.“

Für die Feiertage, wo wir Zeit haben werden, bring ich meine
deutsche Sprachkonkordanz und Hevristik mit und wir reden mehr 376,35
darüber.

Den Erasmus, dessen sanfter Geist dem des Melanchthons so 377,1
ähnlich sieht wie Feigheit der Bescheidenheit, kont’ ich von jeher so
wenig goutieren als er Fische; weder sein Gesicht noch seinen Spas
noch sein tausendseitiges schillerndes Leben. Er war ein Museums-Raz;
und da diese Thiere alzeit vor einem Erdbeben aus den Häusern laufen: 377,5
so wolt’ er seiner Stube wegen kein Erdbeben. Alles was er hier an
räth, war ja eben vor Luther alles geschehen; wie bei uns die ähnlichen
Kabinetspredigten gegen die Fürsten; aber da sie die ihrem Stande
eigne Unverschämtheit besizen, Thorheiten und Ungerechtigkeiten zu
gleicher Zeit zu begehen und einzusehen: so bringt sie kein Licht, so 377,10
wenig wie den Papst, sondern nur das Schütteln von ihren Thron
gipfeln herab. — Leb wol und mache mir die doppelte aus der Gabe
und aus dem Geber zusammengesezte Freude öfter.
Beilage

1. Da man in unserer Sprache wie in unserer Regierungsform nie 377,15
recht weiß, wer regiert: so nehm ich lieber das Passivum oder den
Singular.
2. Kürzer.
3. Damit der Styl selber nicht über Abhänge fliesse, sage lieber:
ihre Spekulazionen und ihre Handlungen waren durch die Mauern 377,20
der Hörsääle von einander abgetrent; endlich traten sie wie zwei
Ströme, über den Weg der Überschwemmungen und in Katarakten
zu Einem ruhigen [See] zusammen.
4. Bei Vergleichungen mit bekanten Gegenständen ist die Alle->
gorie besser als das Gleichnis, weil jene kürzer und lebhafter und 377,25
dieses nur ein Behelf für deutsche Leser ist, denen man in der Regel
nicht über 6 Bogen aus dem Zeitungslexikon zutrauen darf.
5. Ich ruhe bei mir nicht eher als bis ich 2 Verba die einerlei
Substantiv regieren, gefunden habe, oder 2 Substantiva für 1 Ver
bum. Z. B. ich sage nicht: „man muß das Frauenzimmer mit ge377,30
bognem Rücken ehren, aber nicht das Knie vor ihm beugen“ —
Sondern: „man muß vor ihm den Rücken, aber nicht die Knie beugen“.
6. Daher duldete man damals in Rom Atheisten, aber nicht Kezer.
Die Scholastiker thaten im Ernste (wie Kant in andrer Rüksicht)
was Bayle aus Satire that: sie demonstrierten die sogenante natür- 377,35
liche Religion weg, um die geschriebne aufzustellen; sie bewiesen den
Atheismus, um ihn aus der Bibel zu widerlegen, aus der man (wie 378,1
jezt wieder) den ersten Beweis des götlichen Daseins zog.
7. Denn alle Gründe, die sich sagen lassen, um die erste Auflage
dieser Akte zu rechtfertigen, müssen auch für die verbesserte gelten.
So gut der König das Volk (seine Krone) abdanken kan, so gut dieses ihn. 378,5
9. In Robertson stehen noch mehr Beispiele: „im 13ten Jahrhundert
nahmen die Lombarden 20 proc., oft 30 — im 14ten sezte Philip der
Schöne die Zinsen auf 20 pr. herab — im 15ten gab man in Placentia
40 proc.“ Seine Anmerkungen must du wieder zu bekommen suchen.
10. Da das Prädikat so spät nach einer Reihe von Subjekten kömt, 378,10
die dan den Leser in einem rathenden Schwanken lassen: so würd’ ich
jenes gleich zuerst stellen, ob gleich jeder sonst diese Erleichterung seiner
Leser versäumt.
11. „Nachdenken“ ist zu wenig und zu algemein; und „Philo
sophieren“ vielleicht passender. 378,15
12. Daher die Aehnlichkeit des Mystizismus und Stoizismus — des
Spinozismus und Jakob Böhismus; aber warum antizipiert der
Schwärmer? — Eine Ursache ist, daß blos Phantasie erfindet (im
Metaphysiker so gut wie im Dichter; und der Unterschied liegt nur im
Gegenstand und Gebrauch des Funds) und daß der Mensch zwar über 378,20
die Anspannung, in der erfunden wird, gebieten könne, aber nicht über
die Erfolge dieser Anspannung. Man kan sich blos die Lage zu erfinden,
geben; aber die Ausbeute nicht weissagen und nicht erzwingen und nicht
beabsichtigen. Und doch liegt dieser Kraft ein regelnder Mechanismus
zum Grunde. 378,25
13. Die dritte Aehnlichkeit hast du nicht dem Geist der Epoche,
sondern nur einigen Separatisten zu danken.
14. Kürzer! (Daher hab’ ich in deinem Aufsaz mehr Parenthesen
als Noten gemacht)
15. Stelle alles so kurz neben einander wie zu Ende des Aufsazes 378,30
im „Triumphgefolge“; du kanst doch hintennach die Nachbarschaft
des ça ira, deus lo vult, und unser Gott ist eine feste Burg etc. noch
erklären oder beweisen. Falle nicht wie der Deutsche oder Herman oder
Zizero in Bestimmungen, die der Leser leicht ersezt oder entbehrt. z. B.
warum hier „Gefahren vergessen und den Tod verachten — den 378,35
gesunknen Muth am Rande der grösten Verzweiflung beleben.“
Denn sonst, wenn dem Leser keine Bestimmungen aufgehoben werden,
müstest du noch sagen „die Gefahren des Lebens, des Reichthums, der 379,1
„Bequemlichkeit, des Körpers vergessen“ nach dem quis quomodo
quid etc.
Die lezten 2 Bogen aber sind mit der Kürze deines schon
gedrukten Aufsazes gemacht, die dir in [die] Feder alzeit ungerufen
kommen wird, wenn du vorher in Seneka oder Rousseau liesest. 379,5
16. Es geht so weit, daß man ein Faktum mit weniger Einwürfen
annimt, wenn es vom Referent A erzählt wird als wenn B erzählt, daß
er es von A gehört.

8. Ich habe dich glaub’ ich schon einmal angefahren daß du zu gern
Substantiva aus Verbis machst. 379,10
Dein boshaftester litterarischer Denunziant wird deine Sünden nicht
mit grösserer Begierde aufstöbern als ich, aber er wird dir sie mit ganz
andrer Höflichkeit als ich, ja ich hoffe mit soviel Streuzucker sagen als
du mir meine.

H: Berlin JP. 10 S. 4° (6 S. Brief, 4 S. Beilage). K (nach Nr. 415): Otto 26 März 93. J 1: Otto 1,116 ×. J 2: Nerrlich Nr. 6 u. 5b×. Die Zusammen gehörigkeit und Reihenfolge der Stücke ergibt sich aus K. 375 , 17 kömst K 20 Parterre K 376 , 15 Menschen] nachtr. H 26 sogleich] aus eben so gut H 377 , 7 alles] schon K 8 Stande] Verstande K 12 der Gabe] aus dem Gegen stande H 13 Geber] aus Ursprunge H 19 über Abhänge] aus so H 22 über den Weg] aus auf dem Wege H (Wege ist versehentlich stehen geblieben) 23 ruhigen] nachtr. H See] aus Ottos Aufsatz ergänzt 25 das Gleichnis] aus die Metapher H 27 über] nachtr. H 29 Substantiv] aus Kasum H 34 in andrer Rüksicht] nachtr. H 378 , 2 ersten] nachtr. H 6 9.] aus 8. H 23 die Ausbeute] aus den Fund H
Es handelt sich um Ottos Aufsatz „Über den Parallelismus der Kreuz züge, der Reformation und der Revolution“, der 1801 in K. L. Woltmanns Zeitschrift „Geschichte und Politik“, III, 220—350, erschien mit dem Ver merk: „Entworfen im Jahr 1793.“ 375,5 Amtsverwalter: Cloeter. 15 zu Ostern 94: im 6. Schalttag und 28. Kapitel des Hesperus. 376,16 ein verschleiertes Auge: vgl. I. Abt., III, 388,3. 376,21ff. Vgl. Ottos Aufsatz a. a. O. S. 338. 34 Feiertage: Ostern = 31. März 1793. 35 Sprach konkordanz und Hevristik: wahrscheinlich das sog. Rote Erfindungs buch des Nachlasses (Fasz. 9) mit Regeln und Beispielen über Stil, Witz, Ironie etc.; vgl. Nr. 421. 377,1 Erasmus: vgl. Otto a. a. O. S. 340; I. Abt., VI, 19,23f. 8—10 Vgl. II. Abt., V, 53,14f. 20—23 Otto a. a. O. S. 234. 28—32 Vgl. 77,10—21. 33ff. Otto a. a. O. S. 232. 378,6 Otto a. a. O. S. 275; W. Robertson, „Geschichte der Regierung Kaiser Karls V.“, Kempten 1781—83, I, 467. 16ff. Otto a. a. O. S. 241: „... die Schwärmerei, die immer nach ihrer eigenen Art philosophiret, gewöhnlich alle Mittelsätze überschreitet, und oft aus einer dunkeln Ahndung zum Schlußsatz und zu Extremen fortläuft.“ Vgl. I. Abt., XI, 157 (Vorschule der Ästhetik, § 43). 26f. Die dritte Ähnlichkeit ist wohl die Intoleranz, vgl. Otto a. a. O. S. 309. 30ff. Otto a. a. O. S. 319. 33 Hermann: vgl. 311,10f. 379,6—8 Vgl. Otto a. a. O. S. 324.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

418. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 374-379 (Brieftext); 536-537 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Ohne Ort, 26. März 1793 bis 27. März 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_418 >


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