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[Ende März 1793?]
380,20

1. Mache sinliche Gegenstände zu sinlich thätigen: z. B. stat:
„durch die Wüsten werden die Reiche verknüpft“ — Herder: die
Wüsten verknüpfen die Reiche. — Ein Bild streicht das andre
aus. — Die Statue eines grossen Mannes wirft in die fernsten
Jahrhunderte Funken. 380,25
2. Ich unterstrich das Sinliche, das alzeit von Bewegung oder
Raum her ist. So sage nie „Zeit“ sondern alzeit individueller: „Minute,
Säkulum, Jahr“ — nie „Ort“, sondern „Land, Welttheil, Stadt.“ z. B.
das Licht überspringt Länder und Jahre (stat Zeiten und Oerter)
und fält in entfernte. 380,30
3. Fält dir das rechte Verbum nicht ein: so ändere nur die Präpo
sizion, die bei ihm ist, z. B. [stat]: „auf et[was] losgehen“ nim an:
so wird dir einfallen: an et[was] andringen, losprallen, ansprengen.
— Nim malende Präposizionen, d. h. stat durch, bei, ohne, wider,
nim: vor (mit Ackusativ), hinter, um, etc. — Jedes Verbum lässet 380,35

mehrere Präposizionen zu: zu decken, bedecken, überdecken; ab-, los-, 381,1
weg-, zurük-, fortg
ehen.
4. Liegt der Hauptbegrif im Verbo: so mach es zum Substantiv:
stat „sich die Freuden des Lebens so armselig ersezen lassen“ nim:
„sich mit einem armseeligen Ersaz dieser Freuden befriedigen“. 381,5
Ueberhaupt leg’ ins Verbum so wenig als möglich.
5. Nie ein unnüzes Adjektiv, sondern entweder eines von Farbe
〈Auge〉 oder Bewegung hergenommen: Herder: gebükte (stat niedrige)
Sklave, Jacobi: wiegender Tirt — bleiche Frucht (stat unreife) —
Herder liebt Partizipien als Beiwörter: ziehende Völker, berechnende 381,10
Kunst. Sonst lieber gar kein Adjektiv, deren Weglassung (sobald nicht
malerische, oder lokale da sind) dem Styl den Schein der Leichtigkeit
ertheilt. —
6. Ausserhalb der Satire, sind fast alle Adverbia schädlich und unnüz.
7. Eine jede geistige Erscheinung ist entweder eine Wirkung oder 381,15
Ursache oder Begleitung einer körperlichen: du kanst also allemal jener
die Hülle von dieser umgeben: z. B. stat: „Menschen, Verstand,
Wahrheiten aufhellen“ nim: den Köpfen Gehirn, Augen, Welttheilen
Licht geben.
8. Alles individuel, stat genus Unterspezies, stat des Ganzen den381,20
Theil: stat Neger, Plantagenneger — stat Franzosen, Pariser —
stat Haus, Zimmer — stat Raubthiere, Leopard — stat Flügel,
Falkenflügel.
Zu N. 3 sez’ ich noch: verwandle den Ackusativ in Dativ durch bei
gesezte Präposizion mit. Z. B. st[at] die Sonne zieht die Erde an — 381,25
nim: die Sonne verknüpft, behängt sich mit der Erde —
9. Ein metaphorisches sinliches Verbum löse in seine grössere
sinliche Handlung auf: stat die Völker verblühen, nim: die Völker lassen
ihre Blüten fallen — stat sterben: ins Grab fallen etc. — stat der Zufal
befruchtet unser Genie nim: der Zufal wirft den Samenstaub in 381,30
dieses.

H: Berlin JP. 3 S. 4°. J: Nerrlich Nr. 5a ×. 380 , 21 sinlich] nachtr. 24 in] davor gestr. über 381 , 27 sinliches] nachtr. grössere] nachtr.
Datiert nach 376,34f. Die Regeln und Beispiele finden sich z. T. auch im § 78 der Vorschule der Ästhetik. 381,3—6 Diese Regel widerspricht einiger maßen der 376,21ff. und 379,9f. gegebenen.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

421. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 380-381 (Brieftext); 537 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Ohne Ort, Ende März 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_421 >


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