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Schwarzenbach d. 27 Jul. 1793 [Sonnabend].

Theuerster Freund,

Und wenn ich sagen könte: zornigster Freund, so hätte niemand die
Schuld als ich. Ich wolte Ihnen immer die zweite Ausgabe meines 396,5
Buchs bringen (denn es wurden 2 gemacht, eine auf Schweizerpapier)
— ich wolt’ es immer selber überreichen — ich wolte mich immer
bessern — — kurz ich machte es wie mit der Tugend: —

Erst heute bekommen Sie es durch einen bessern Briefträger als
mich; und morgen können Sie gegen mich predigen. 396,10

Ueber das Buch, das glüklicher war als seine Brüder ohne darum
besser zu sein (es geht den Menschen auch so), sag’ ich nichts, sondern
Sie sollen etwas darüber sagen. Ich weis nicht, ob sich Ihre Apathie
mit dem Pathos dieses Buchs versöhnen wird; und Sie werden mir
dasmal stat der Satire, das Extrem ihres Gegentheils vorwerfen. 396,15

Ihre Antwort ist für mich eine Amnestie-Akte und ein Gnadenbrief,
nach dessen Empfange ich aus meiner Stube in Ihre eilen werde.
(Apropos zu meinen Hindernissen müssen Sie eine dreiwöchentliche
Reise über Erlang mit rechnen) — Ich werde Ihnen eine ganze
philosophische Brieftasche mitbringen; schreiben aber werd’ ich nicht 396,20
eher philosophische Bücher als im Alter wo man ein philosophisches
Leben führt, was meines noch nicht ist.

Empfehlen [Sie mich] der Frau Pfarrerin. Ich habe die Ehre — mit
der sehnsüchtigsten Erwartung einer Antwort, die nur das Buch, aber
nicht den Verfasser kritisiert — mit der wärmsten Hochachtung für 396,25
meinen ältesten litterarischen Wolthäter zu bleiben, was ich nie
aufgehört zu sein
Eiligst



N. S. Nehmen Sie die körperlichen Drukfehler weg, eh Sie die 396,30
transzendenten vor Gericht ziehen.

H: Fichtelgebirgs-Museum, Wunsiedel. 4 S. 4°. (Eine alte Abschrift von derselben Hand wie zu Nr. 148 im Brit. Museum.) J 1: Wahrheit 4,362. J 2: Nachlaß 3,267. A: IV. Abt., I, Nr. 146. 396 , 30 weg] nachtr. H
Der Briefwechsel mit Vogel hatte fast vier Jahre geruht; vgl. Tagebuch, 13. Mai 1791: „Pakte meine Briefe nach den Rubriken der Autoren … Meine Jugendliebe zum Jugendfreund Pf[arrer] in Arzberg kömt wieder und ich bereue mein eitles und undankbares Betragen.“ Vogel antwortete mit der alten Wärme und voll Begeisterung über die Unsichtbare Loge. 396,18f. dreiwöchentliche Reise: sie hatte nur zwei Wochen gedauert.

Textgrundlage:

438. An Pfarrer Vogel in Arzberg. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 396 (Brieftext); 541 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Erhard Friedrich Vogel. Schwarzenbach a. d. Saale, 27. Juli 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_438 >


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