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400,7
Bayreuth d. 3 Sept. 93 .
Dienstag früh um fünf Uhr.

Meine theuerste Freundin,
400,10
Es ist närrisch, daß ich gestern ankomme — morgen abgehe — und
heute doch schreibe — da ich wol eher nach Schwarzenbach komme als
der Brief nach Hof. Mein und Ihr Schwestergen und der Bruder
tranken in Gefrees neben einander Kaffee — auf dem ganzen Wege bis
an die Hauptwache liefen unsre Kutschen neben einander. Ein Zufal! — 400,15
Da ich abends um 8 den Sohn des schwarzenbacher Pfarrers zum
Stiftsamtman Völkel einlogiere: wohnt der gerade über dem Kopfe —
Ihrer F[rau] Tante. Zweiter Zufal! Der gute Himmel stekt mir wie es
scheint alle Blumen in die Chausseen wo sonst keine gedeihen; mein
Himmel nach dem Tode wird in einem steten Reisen durch den Himmel 400,20
bestehen. —

Das Jämmerlichste ist bei allen dem daß meine Zunge und meine
Feder sich herumbeissen, wer Ihnen erzählen sol: — — dasmal wird
die Feder Herr.

Es giesset der Himmel jezt, und meine Feder sols auch so machen. 400,25

Der ganze Tag steht vor mir hin mit lauter Visitten wie mit
Trachten besezt — Es ist nichts schöners als so (wie ichs mache) zur
Thüre hineinfahren — die Person zum erstenmal sehen — ihr einen
geliebten Brief hingeben — in drei Minuten bekant werden — in
fünf Minuten lustig werden — und in achten verliebt — —400,30

Schütten Sie alle liebe Bayreutherinnen zu einem Kornhaufen
zusammen — die Bayreuther sind nur Kornwürmer —: so wil ich sie
leichter alle kommandieren als die Vorstädterinnen in Hof; denn sie
schicken sich eher ins Tolle als Höfer, die eigentlich keine Städter,
sondern nur Vorstädter, nur Altstädter sind. 400,35


Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün an- 401,1
gestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten — man
solte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können — …

Ich schreibe so lange als es regnet, damit ich mich um den ganzen
Himmel nichts scheere und meine Heiterkeit ohne die seinige be401,5
halte. — —

Gestern gieng ich unter Finsternis, Regen und Musik der Vogel
schüzen-Armee zum guten guten — — —

Mandel! …


(Gerade war eine invitierende Magd bei mir, die allein soviel401,10
Freundlichkeit hat, daß damit die ganze Kappens oder Kapuzen
Familie auszustatten wäre)

Unser theuerer Mandel hört ohne Hörrohr, wenigstens mein
Sprachrohr und braucht die Krüke wie wir den Stok, zu nichts. Er ist
kein Jude sondern ein Philosoph — und den [ unleserlich gemachtes 401,15
Wort
] hätte man in ihrer Jugend so viel Verstand einprügeln sollen
als sie ihm [ zwei unleserlich gemachte Wörter ] ausprügelten. Diese
schöne Seele solte nichts feil haben als — Wahrheiten; sie ist für einen
Juden und Kaufman zu edel. Erst diesesmal — das erstemal nicht —
zog ich die Blätter aus einander, die diese für ein besseres Leben reife401,20
Frucht verhüllen. Wir disputierten fast blos — ich konte gar nicht fort
— ein alter Jude mit einem Barte so lange wie ein Kometenschwanz
kam dazu und sprach dazu und recht gut — Sein erstes Wort klang
Renata — Seine edle Wärme für Sie ist so gros daß ich nicht weis,
welches schöner ist, diese Wärme zu empfinden wie er oder zu ver401,25
dienen wie Sie. Wir stritten über die Freundschaft, auf welche der
Uebergang von Ihnen nicht schwer ist. Er glaubte an zwei Stufen —
an die theilnehmende, liebende, die aber in Proben erliegt — und an
die helfende, die in der Noth wie ein Gott die Arme reicht und heraus
hebt. Ich strit, weil ich noch an eine dritte höhere Stufe glaube: 401,30
Um 9 Uhr

an jenen Einklang der Brust, wenn Eine Saite, von einem Herzen
zum andern gespant, auf beiden zittert, sobald sie der Ewige mit seiner
grossen Welt berührt — an jene Aehnlichkeit, wo die Gedanken schon
Worte sind und die Blicke schon Umarmungen — wo äussere Vortheile401,35
nicht knüpfen, äussere Nachtheile nicht trennen — wo die zwei Ueber
glüklichen wie zwei Kinder neben einander in den zwei Armen des 402,1
Unendlichen liegen und einander trunken anblicken und sich mit ihren
Augen die Liebe gegen den Ewigen, der sie begeistert, sagen — — Diese
Freundschaft ist uneigennüziger als die Liebe und seltner und grösser als
die Liebe, deren jeder fähig ist.. 402,5

Seit 9 Uhr bin ich so im Feuer: nicht weil ich die Flotowin gesehen,
(das geschieht erst abends um 7 Uhr) sondern weil ich draussen war und
weil mir Mehringer aus ihrem Tagebuch die von ihm diebisch kopierten
Stellen über Hof vorlas. O fesseln und achten Sie diese Karoline! Ihr
ganzes Leben und zwanzig Städte legen kein zweites solches schönes 402,10
Herz an Ihres: dieses warme Herz bleibt Ihnen ewig wenn Sie es
nicht abreissen, es ruht an Ihrer Seele schlagend und glühend so lange
wie die Tugend.

In diesem Tagebuch sind ihre Eden-Stunden in Hof, am meisten
die im Gartenhaus wie ein Abendroth wiedergestralet. Wenn es einen 402,15
Engel giebt, der Sie beide behütet — und giebts keinen: so ists der un
endliche Engel, der uns alle trägt: — o so schlinge, guter Engel, die
Arme dieser geliebten Seelen noch oft so in einander wie in jener
Nacht — so drücke sie oft an einander, daß sie weinen vor Wonne —
und wenn sie sich wieder geschieden haben: so richte ihre Augen gegen 402,20
deinen hohen Himmel und gieb ihnen den Gedanken: droben unter
den Sonnen bleiben wir ungetrent! —

Bis nach Brandenstein ergos sich ihr sanftes Auge vor Liebe, vor
Sehnen, vor Schmerz — ich schreib’ es noch einmal: Sie haben ge
funden was Sie so lange begehrten, ketten Sie sie ewig an sich. 402,25

Aber ich werde zu enthusiastisch für beide, wenn ich fortschreibe:
ich thu’ es lieber mündlich.
Um 11 Uhr.

Bei Krausenek war ich gerade — eine Kleine sah ich und die Mutter
und den Sohn und den dazukommenden Thoren Boie — aber 402,30
Marianne nicht.
Mitwoch um 6 Uhr.

Auch diese sah ich — die Flotowin sah ich und hörte sie singen —

Sie sehen wie viel ich mündlich zu sagen habe. Aus Zeitmangel
brech’ ich alles ab. — Nur aber noch dieses Wort: Das liebevolle 402,35
Betragen Mandels und der Iris gegen mich sezt ein grosses von
Ihnen gegen mich voraus und ich sehe überal recht gut Ihre gute 403,1
Hand mir andre Hände geben. Haben Sie meinen herzlichen Dank>
dafür, liebe Renata; — ich bin wieder recht sehr Ihr Freund und ich
freue mich wie ein Kind auf unsere ersten Zusammenkünfte und auf
unsre Erzählungen. Leben Sie tausendmal wol, Liebe, theuere Freundin 403,5

Ihres
Freundes
Richter


H: zuletzt Dr. Philipp Hausser, Bayreuth; ehem. Kat. 54 Antiquariat V.A. Heck, Wien (1931), Nr. 255; 12 pagin. S. 8°. K (nach Nr. 443): An Renata d. 3 Sep. Bayreuth. i: Nachlaß 4,245. J: Täglichs beck S. 55. 400 , 12 doch] nachtr. H 29 werden] aus sein H 31 zu] aus auf H einen H 401 , 2 Presentierteller K 13 Unser bis 17 ausprügelten.] dick ausgestr. u. ausgebogt H, fehlt J 30 höhere] nachtr. H 33 sobald] aus wenn H 402 , 1 wie zwei Kinder] nachtr. H 22 wir] aus die Guten H 23 ihr sanftes] aus dies sanfte H
400 , 13 Schwesterchen: Erdmuth Wirth, vgl. 390,27; Bruder: Jean Paul. 16 Sohn des Schwarzenbacher Pfarrers: wahrscheinlich Karl Völkel, geb. 15. Aug. 1779, der wenigst begabte von Richters Schülern. 17 Joh. Karl Erhard Völkel, Stifts- und Pfründamtmann in Bayreuth (Adreßbuch 1795, S. 89), wohl ein Bruder des Pfarrers. 18 Tante: vgl. zu Nr. 436. 27 Trachten: oberdeutsch = Speisen, Schüsseln, Gerichte, Gänge. 401,9ff. Mandel: Koseform von Emanuel; Näheres über ihn in Bd. II. Er war unlängst von zwei Offizieren schwer mißhandelt worden, wodurch sein Gehör gelitten hatte; s. darüber „Briefe zur Berichtigung der vertrauten Briefe über das Fürstentum Bayreuth“, 1794, S. 66ff., wo zwar kein Name genannt, aber sicher Emanuel gemeint ist. 11 Kapp: wohl nicht der Bayreuther Kirchenrat, mit dem Jean Paul später in freundschaftliche Beziehung kam (s. Bd. VII, Nr. 78†), sondern der Hofer Kaufmann Joh. Gottlieb Kapp. 19 das erstemal: wohl im Juli 1793. 402,6 Flotowin: vgl. 388,23†. 23 Brandenstein: vgl. zu Nr. 237. 29 Wahrscheinlich der Kammersekretär Joh. Christoph Krauseneck (1738—99), der auch dich tete (s. 4,6†), mit einer geb. Wanderer verheiratet war und viele Kinder hatte. 30 Wahrscheinlich Gottlob Christian Moritz Boye, ein Sohn des 1792 verst. Hofkammerrats Moritz Boye. 36 Iris: vgl. 389 , 2 .

Textgrundlage:

441. An Renate Wirth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 400-403 (Brieftext); 542 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Renate Wirth. Bayreuth, 3. September 1793 bis 4. September 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_441 >


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