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Münchberg d. 11 Oct. [1793?]
404,23
Ich und Otto sind so fröhlich vom Wein und Wege daß ich weiter
die Freude durch nichts zu verdienen und zu vermehren weis als da404,25
durch, daß ich sie ausdrücke — und zwar vor Ihrem Auge, gute Ka
roline! — Otto schreibt fliegend auf Pergament und ich hier auf dem,
was Sie weder zeigen noch verlieren sollen. — Verzeihen Sie Papier,
Handschrift, Gedanken und alles, wiewol Sie mehr gewohnt sind, zu
zürnen als zu vergeben. — Liebe, ich wil von heute an in einem 404,30
Enthusiasmus, den Sie eher begreifen als theilen werden, Ihnen die
Nachricht und mir die Freude geben, daß ich allemal, wenn meine
bessere Seele über ihre Ufer schwilt, Ihnen die Überströmungen der
selben enthüllen wil, da ich leider Ihnen bisher keine andere Seiten,> 405,1
als die, die nur für mein Geschlecht gehören, offenbaren konte.

Liebe, Stille, Resignierende, jezt flieht der Ton, der weniger aus
Ihrer Kehle als aus Ihrem Herzen dringt, wie ein zurükwandelnder
Frühling vor mir vorüber und ich möchte meine ganze Seele an Ihre, 405,5
und mein von der Freude feuchtes Auge an Ihres legen, das oft dem
meinigen aus andern Gründen gleicht. Warum ist der Mensch so, —
und doch wär es schlimmer wenn man fragen müste, warum ist der
Mensch nicht so —, daß er vor keiner Abendröthe, vor keiner epischen
Gegend, vor keiner zerschmolzenen und zerschmelzenden Musik und vor 405,10
keinem zitternden Abendstern zu stehen vermag, ohne an das zu denken,
was er liebt, ohne an eine Seele zu denken, vor der er von seinem
Herzen die Brust abreissen möchte, um ihr dasselbe mit allen Schlägen
der Liebe freudig zu entblössen. — Jeder schöne Abend mit Wolkenroth
war mir in Bayreuth ein solcher Brief an Sie — und heute endige ich 405,15
erst den, den ich damals anfieng — — am fremden Orte dehnet eine
unbezwingliche Sehnsucht nach der Seele, die man liebt, den beglükten
Busen aus und man möchte in ein fremdes Auge die Freudenheisse
Thräne und an ein fremdes Herz den von der Freude gebornen Seufzer
giessen — — — 405,20

Liebe, Gute, mehr Geliebte als du weist, wenn du dieses Blat
bekömst, lieb [ abgebrochen ]

H: Berlin JP. 3 volle S. 4° (4. S. leer). Mit Blei darüber, wohl von fremder Hand: An O. [?] in Hof. O. ist mit Tinte in C. verbessert. J: Wahrheit 4,313× (11. Okt. 1792).
Karoline Christiane Luise Herold, Amönens Schwester, geb. 4. Febr. 1779, also 1793 erst 14 Jahr alt. Dennoch gehört der Brief wahrscheinlich in dies Jahr, vgl. Nr. 448. Es sind 5 Briefe Jean Pauls an sie in seinem Nach laß erhalten, die er wohl bald wieder zurückgefordert oder gar nicht abgeschickt hatte. Von ihr hat sich keine Zeile erhalten. 405,15 in Bay reuth: vgl. Nr. 441.

Textgrundlage:

445. An Karoline Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 404-405 (Brieftext); 543 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Liebmann. Münchberg, 11. Oktober 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_445 >


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