Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Mitwoch den 4 Dez. 93. 407,26
Abends 6 Uhr.

Ich wil thun wornach ich mich so oft sehnte, ich wil mich ausdrücken
und stat der Klaviertasten die Feder nehmen — O wärest du in diesen
Stunden stat deines blassen rinnenden Bildes bei mir, damit ich meine 407,30
Arme, die die leere Luft umfangen wollen, um deine legte und damit ich
an deinem Angesichte sagte: schau mich an, ach ich möchte meine
Seele in meine Thränen giessen und so mich auflösen in Liebe und
Wonne. Warum lieb ich dich denn heute so? Warum schliess ich dir ein
Herz auf, in dem du noch die Wunden siehst die du ja selber hinein407,35

gerissen? — Warum? Deswegen: ich habe mir heute zum erstenmal etc. 408,1
wieder gemalt — ich und du sind da — ein blauer Abend, ein goldner
Abend hängt zitternd und blinkend über die Erde — jede Blume
spielet und nicket als wolte sie sagen zu mir: brich mich und lege mich
an das gute Herz, das heute neben dir weint — Der Mond fliesset in 408,5
Silber-Nebel zergangen über die Gefilde, über die Blätter — Ach
alles ruht unter Blüten, unter Träumen, neben geliebten Menschen,
und wer noch wacht ist so glüklich wie wir —

O gute liebe Freundin, las mich weiter malen — wenn nun ich und
du, überwältigt vom Himmel um uns, in Ruhe und Freudenthränen 408,10
zergangen, vom Sternenfelde über die Erde gehoben, von Tönen und
Gesängen um uns bebend, sterbend vor Freude, schweigend vor
Glük, wenn ich dich da umfaste und brennend an mich drükte: o dan
wär’ ich glüklich, dan würdest du schweigen, dan würde ich sagen: siehe
das ist mein schönster Tag, heute geb’ ich dir meine Freundschaft auf 408,15
ewig, ruhe ruhe ewig an diesem warmen Herzen und schlage jezt deine
mit Thränen gefülten Augen auf und schau mich an damit ich vor
Freude vergehe und dieses glänzende Bild niemals niemals vergesse.

H: Berlin JP. 3⅙ S. 4°. Mit Blei von fremder Hand darüber: Lipmann. (Karoline heiratete 1800 einen Kaufmann Liebmann.) J: Nachlaß 4,246. Einige Wörter nachtr. unterstrichen, wahrscheinlich nicht von Jean Paul. 408 , 10 du] darüber in einen 11 vom] von 12 sterbend] davor gestr. aus Liebe 16 schlage jezt] aus blicke jezt auf
Vgl. Nr. 445†. Renate kommt schwerlich als Adressatin in Frage.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

448. An Karoline Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 407-408 (Brieftext); 544 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Caroline Liebmann. Ohne Ort, 4. Dezember 1793. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_448 >


Zum XML/TEI-file des Briefes