Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.




[ Leipzig, 14. Sept. 1783 ]

Ser schwer müsten Sie zu erzürnen sein, wenn Sie es über mein
Stilschweigen nicht wären. „Zögert er schon mit dem ersten Brief 108,15
„solange, werden Sie zeither gedacht haben, wie saumselig wird er erst
„in den folgenden sein!“ Dies lezte dürfen Sie aber nicht besorgen; weil
der Zukunft die Ursache felen wird, die mein ieziges Stilschweigen ver
anlaste und entschuldigt. Mein Brief solte nämlich Ihren lezten nicht
blos beantworten, sondern auch das enthalten, was er enthielt; meine 108,20
Silhouette, auf die ich Ihnen eben so lange warten lassen müssen.
Aber warum lass’ ich doch die kalte Entschuldigung vor d[em] wärmern
Dank sich vorausdrängen? Für Ihren so schönen Brief nämlich, „der
Ihrem Kopfe soviel Ere macht“, würd’ ich hinzusezen, wenn ich Sie
blos schäzte, one Sie zu lieben; aber über die Liebe vergesse ich iedes 108,25
andre Lob Ihres Briefs als dies, daß er Ihrem Herzen Ere macht, daß
er im Ausdrukke Ihrer Liebe mir halb die schönen Augen ersezt, in
denen ich sie sonst las. Dieser Brief malet Ihr Bild mit richtigern Zügen
als der Schattenris, der ihn begleitet und für den ich nur mit meinem
Ihnen danken kan. Ich bin schwer zu treffen; aber besser, wie im 108,30
gegenwärtigen Schattenris kan ich nicht getroffen werden und dennoch
ist er mir immer nicht ser änlich. In etlichen Wochen schikk’ ich Ihnen
eine Abbildung, worin ich besser werde getroffen sein — ich meine mein
Buch. Auch die Verfertigung des leztern, zu deren Beschleunigung die
herannahende Messe und der Verleger mich ermante, war ein Anlas 109,1
zu meinem langen Stilschweigen und ob mich gleich nichts hindern kan,
an Sie zu denken, so kan manches mich doch hindern, an Sie zu
schreiben. Allein nichts kan mich hindern, für Sie zu arbeiten; nur
gleicht der Erfolg meiner Mühe noch nicht. Zu dem Glük, Sie zu sehen, 109,5
hab’ ich zwar Hofnung, aber noch nicht Gewisheit. Hier ist es
weniger gewönlich, als an andern Orten, Personen, deren Namen Sie
kennen, zu halten; und meistens halten nur die sich sogenante Aus
geberinnen, die ihre Weiber verloren haben. Doch lassen Sie sich
dadurch nicht mutlos machen; dies alles beweist nur die Schwierigkeit, 109,10
aber nicht die Unmöglichkeit der Sache. Was kan nicht das Ungefär tun?
das Ungefär, das schon so viel tat, wird die Liebe, die es veranstaltet hat,
gewis auch beglükken. Schreiben Sie mir bald, viel und mer als ich iezt
schreiben kan; schreiben Sie mir iede Kleinigkeit, die Sie betrift: denn
für mich ist das, was Sie betrift, keine Kleinigkeit; wenden Sie die 109,15
Stärke Ihres Geistes, die Sie vor andern Frauen so sichtbar aus
zeichnet, zur Bekämpfung einer Sensucht an, in die sich bei Ihnen nicht
wie bei mir Süssigkeiten mischen, und lieben Sie den, den Sie so
beglükten, der Sie so liebt und der immer sein [wird] etc.

K: 25. Den 14. Sept. i: Wahrheit 3,264. A: IV. Abt., I, Nr. 23. 108 , 18 der] die 28 Bild] Brief

Textgrundlage:

60. An Sophie Ellrodt in Helmbrechts. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 108-109 (Brieftext); 448 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Anna Marie Sophie Ellrodt. Leipzig, 14. September 1783. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_60 >


Zum XML/TEI-file des Briefes