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109,20
[ Leipzig, 20. Oktober 1783 ]

Ich eile Ihren Brief zu beantworten, eh’ die Post abgeht; ich werd’
ihn darum aber freilich kurz beantworten müssen. Jede Verstellung
ist mir verhast; daher sei sie auch von dieser Antwort entfernt. — Ihr
neulicher Brief, der meine Nachlässigkeit bestrafte, gefiel mir besser als 109,25
Ihr ieziger, der sie verzeiht und Sie schienen mir, erzürnt mich wärmer
zu lieben als ausgesönet. Ihr Brief enthält die Silhouette Ihres
Kopfs, aber nicht J[h]res Herzens; das Licht des einen ersezt die
Wärme des andern und Ihre Vernunft, aber nicht Ihre Liebe hör’
ich darin sprechen. Solte diese Liebe auch nicht mer in Ihrem Herzen 109,30
für mich sprechen? Solte Ihre Wärme für mich mit der Wärme des
Sommers entflohen sein? Diesen Argwon wird Ihr nächster Brief ent
weder heben oder nären. Schreiben Sie daher bald: denn ist meine
Furcht gegründet, so sei sie bald erfült, da man ein Übel leichter erträgt
als voraussieht: ist sie ungegründet, so daure sie auch dan nicht lange,109,35

so verenge sie auch dan nicht lange das Herz, das die Liebe schwellen 110,1
solte. Ich hätte Ihnen noch mer zu schreiben; aber ich verschweige es,
bis Sie geschrieben. Den Ring, den ich hier zurükgebe, brauchen Sie
mir nicht wieder zu geben, da seine Entberung Sie Verdrüslichkeit aus
sezt. Nicht er, sondern das Bild, das er vergoldet, ist mir schäzbar; und110,5
ein solches Bild, ia ein besser gleichendes können Sie mir demun
geachtet ia immer schikken. Leben Sie wol; aber schreiben Sie bald.
Zwar auch Ihr Stilschweigen wäre eine Antwort; aber warlich eine,
die ich nicht um Sie verdienet hätte.
N. S. Was kan Ihre Fr. Mutter, nach Ihrem Ringe zu fragen, 110,10
bewogen haben? und wie können Sie, ihn in 14 Tagen wieder zurük
zu senden, mir versprechen, da Sie fürchten müssen, daß Ihre Fr.
[Mutter] die Nachfrage wiederholen könte? Ich tue die leztere Frage,
weil ich nicht begreiffe, wie Sie mir das versprechen können, wovon Sie
die Unmöglichkeit, es zu halten, vorausgesehen. 110,15


K: 26. Den 20 Okt. i: Wahrheit 3,266 (23. Okt.). B: IV. Abt., I, Nr. 23. Voraus gehen die offenbar nicht zugehörigen Worte: Das Kind schämt sich des V[aters].
Sophie hatte ihren „zärtlichsten Geliebten“ um umgehende Rücksendung des ihm zugeschickten Ringes gebeten, da ihre Mutter denselben zu sehen verlangt habe; er solle ihn aber längstens in 8 bis 14 Tagen wieder erhalten. Übrigens beteuert sie noch, daß ihre Seele nach seiner Liebe schmachte.

Textgrundlage:

61. An Sophie Ellrodt in Helmbrechts. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 1. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1956.

Seite(n): 109-110 (Brieftext); 448 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Anna Marie Sophie Ellrodt. Leipzig, 20. Oktober 1783. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=I_61 >


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